Schweinegrippe: Was kommt auf uns zu?

Juni 2009 | Medizin & Trends

2003 versetzte uns ein Virus aus der Gruppe der Coronaviren in Angst und Schrecken, das die schwere Atemwegserkrankung SARS auslöste, 2005 beunruhigte uns das Vogelgrippe-Virus A/H5N1 und sorgte wie SARS weltweit für Tausende Todesfälle. Und auch wenn die erste Aufregung vorüber ist: Noch ist die Gefahr durch das Virus A/H1N1, das die so genannte Neue Grippe auslösen kann, nicht gebannt. MEDIZIN populär sprach mit dem Wiener Impfspezialisten sowie Facharzt für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin Univ. Prof. Dr. Herwig Kollaritsch über die Fragen, wie gefährlich A/H1N1 noch werden kann und ob uns in nächster Zukunft Attacken durch weitere Viren drohen.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

MEDIZIN populär
Herr Prof. Kollaritsch, die so genannte Neue Grippe scheint weit weniger bedrohlich zu sein als zum Beispiel das Vogelgrippe-Virus mit einer Todesrate von 30 bis 50 Prozent oder auch das „normale“ saisonale Influenza-Virus, das in Österreich jedes Jahr rund 1500 bis 2500 Menschenleben fordert. Kann uns das neue Virus A/H1N1 noch gefährlich werden?

Univ. Prof. Dr. Herwig Kollaritsch
Wenngleich es überhaupt nicht voraussagbar ist: Dass die Neue Grippe noch gefährlicher für uns werden kann, ist nicht auszuschließen. Das sehen wir am Beispiel der Spanischen Grippe, die 1918 bis 1920 weltweit 20 Millionen Todesopfer forderte. Damals war es auch so, dass sich das Virus während seiner Verbreitung, die im Frühling 1918 von Spanien ausging, bis in den Herbst und Winter 1918/19 weiter veränderte und auf dem Weg durch die Welt und bis in die USA durch diese Veränderungen immer gefährlicher wurde. Das könnte bei A/H1N1, dem neuen Grippe-Virus, auch passieren.

Wie müsste sich das neue Virus denn verändern, damit es zu einer großen Gefahr für uns wird?

Da würden nur ganz kleine, sehr geringfügige Mutationen, also Veränderungen von winzigen Bestandteilen des Virus reichen. Diese finden in einem Wirt bei der Vermehrung des Virus statt, also entweder in einem Menschen oder in einem Schwein, das ja auch an der Neuen Grippe erkranken und das Virus auf den Menschen übertragen kann. Ist ein Mensch oder eben ein Schwein nun gleichzeitig mit dem neuen Virus und einem herkömmlichen Grippevirus infiziert, kann es zu einem Austausch von genetischem Material bei der Virusvermehrung kommen. Welche Folgen diese Veränderungen haben, können wir nicht vorhersehen. Hier wirft die Natur die Würfel, und das Ergebnis kann von einem überhaupt nicht mehr vermehrungsfähigen Virus bis zu einem äußerst gefährlichen Erreger reichen.  

Wer an der Neuen Grippe erkrankt bzw. von dem neuen Virus befallen ist, zeigt binnen weniger Stunden oder auch Tage eigentlich dieselben Symptome wie ein an der saisonalen Grippe Erkrankter: Fieber, Halsweh, Schnupfen, Husten. Wie sehr unterscheidet sich das neue Virus von den „normalen“ Grippeviren?

Da besteht ein sehr großer Unterschied. Das neue Virus und die H1N1-Grippeviren, die uns jedes Jahr befallen, unterscheiden sich an Schlüsselstellen um bis zu 30 Prozent. Anders ausgedrückt, sind das nicht Bruder und Schwester, sondern weitschichtige Verwandte wie Großcousins oder Großcousinen.  

Worin liegen die besonderen Schwierigkeiten bei der Produktion eines Impfstoffes gegen ein neues Virus?

Die Produktion eines solchen Impfstoffs läuft grundsätzlich so ab, dass die Viren in eine Zellkultur eingebracht werden und sich in den Zellen dieser Kultur vermehren sollen. Der Erfolg ist also davon abhängig, ob das Virus in den Zellen einerseits überhaupt zur Vermehrung gebracht werden kann, und andererseits von der Größe der Ausbeute, denn davon hängt wiederum die Produktionskapazität des Impfstoffs ab. Nach dieser Vermehrung werden die Viren sozusagen geerntet, vielfach gereinigt und abgetötet, was sie ungefährlich für den Menschen macht. Wenn sie injiziert werden, lernt der menschliche Organismus die Viren kennen und bildet Antikörper dagegen, die später Attacken von gleichartigen noch lebenden Viren abwehren können.

Ist es möglich, dass sich noch während das neue Virus unterwegs ist, weitere Viren bilden, die besonders gefährlich für uns sind?

Ja, denn das Tückische an Viren ist, dass sie sich andauernd verändern, sodass es immer zig Varianten eines Virus gibt. Diese Variabilität des Virus und seiner Eigenschaften machen es für den menschlichen Körper auch so schwierig, die richtigen Antikörper zu bilden. Entsprechend ist auch die Produktion des passenden Impfstoffs und die Erzeugung von wirksamen Medikamenten erschwert.

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Was sind Viren?

Viren sind kleine „Lebewesen“, die im Fall der Virusgrippe durch Tröpfcheninfektion oder über eine Kontaktinfektion übertragen werden. Im Menschen, aber auch in Tieren als Wirte vermehren sich die Viren – und können sich dabei verändern.
Der Körper versucht die Viren währenddessen durch Antikörper zu neutralisieren, die er automatisch bildet. Er versucht sie auch durch unspezifische Abwehrmechanismen wie Fieber „abzutöten“.
Die Schwächung des gesamten Organismus und insbesondere der Immunabwehr, die mit einer Virusgrippe verbunden ist, kann dazu führen, dass sich eine bakterielle Folgekrankheit wie z. B. eine Lungenentzündung auf die Virusgrippe aufpropft.

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