Sport ist Medizin

September 2010 | Medizin & Trends

Diabetes, Depression, Krebs & Co: Sport hilft
 
Ausruhen und Schonung waren gestern: Heute weiß man, dass regelmäßiger Sport nicht nur beim Gesundbleiben, sondern auch beim Gesundwerden hilft. Immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse zeugen von der Heilkraft der Bewegung. Und so wird heute auch kranken Menschen geraten, aktiv zu bleiben. Ob Asthma oder Alzheimer, Bluthochdruck oder Krebs, Diabetes oder Depressionen, Herzinfarkt oder Krampfadern, Osteoporose oder Rückenschmerzen: Bei allen diesen Leiden gehört Bewegung inzwischen zur Therapie. Für MEDIZIN populär erklärt Experte Univ. Prof. DDr. Josef Niebauer, wie das Medikament Sport hilft.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

„Immer in Bewegung bleiben, auch wenn man krank ist“, das ist laut Univ. Prof. DDr. Josef Niebauer, Internist, Kardiologe, Sportmediziner und Leiter des Instituts für präventive und rehabilitative Sportmedizin der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, die Essenz der wissenschaftlichen Erkenntnisse aus jüngster Zeit. „Denn je weniger man sich bewegt, desto weniger belastbar wird man.“
Die Idealform der Bewegung besteht immer aus einem Mix aus Ausdauer- und Krafttraining, so Niebauer. Wer erst nach der Diagnose einer Krankheit oder nach einem Herzinfarkt ein sportliches Leben beginnt, dem empfiehlt der Experte, sich vor dem Start sportmedizinisch untersuchen zu lassen. Die Ergebnisse zeigen, welche Sportarten am besten geeignet sind, und wie oft und in welcher Dosis das Medikament Sport eingesetzt werden sollte.
Um fit zu werden und anschließend zu bleiben, braucht man entgegen der landläufigen Meinung nicht viel Zeit für das Training einzuplanen, sagt Niebauer. „Zweieinhalb Stunden Sport pro Woche reichen dafür aus.“ Diese könne man je nach Lust und Laune auf drei oder mehr Einheiten aufteilen, wobei eine Einheit mindestens 30 Minuten dauern sollte. Kranke Menschen oder Patienten nach einem Herzinfarkt, die Medikamente einnehmen und begonnen haben, Sport zu betreiben, sollten in regelmäßigen Abständen vom behandelnden Arzt prüfen lassen, ob die Medikamenteneinstellung noch die richtige ist, denn: „Wer Sport betreibt, benötigt meistens weniger Medikamente, da sich die Blut- und Stoffwechselwerte, aber auch der Blutdruck und die Herzleistung verbessern.“

Asthma
Rund 600.000 Menschen in Österreich machen entzündete Atemwege zu schaffen. Durch die Entzündung bildet sich Schleim, und das führt zu Atemnot und Asthmaanfällen. Ausgelöst wird Asthma entweder durch Substanzen wie z. B. Milben und Pollen, auf die die Betroffenen allergisch reagieren, aber auch durch Infektionen. Die Symptome können medikamentös durch Sprays und entzündungshemmende Substanzen gelindert werden.
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Welcher Sport hilft?

„Für Asthmatiker ist Ausdauersport am besten, denn beim Laufen, Walken, Radfahren oder auch Schwimmen kommen sie ins Schnaufen“, sagt Niebauer. „Durch das Schnaufen vergrößert sich nach und nach das Lungenvolumen, die Bronchien erweitern sich, und so bekommen die Betroffenen nach einiger Zeit des Trainierens bei jedem Atemzug leichter Luft.“ Begleitend zum Ausdauersport empfehle sich, so Niebauer weiter, Asthmatikern ein Atemtraining, das in speziellen Kursen erlernt werden kann.


Alzheimer

Alzheimer ist eine Erkrankung, bei der Kurzzeitgedächtnis und Denkvermögen nachlassen und immer schlechter funktionieren. In fortgeschrittenem Stadium kann den Betroffenen auch das Sprechen und Gehen schwerfallen. Die Symptome können durch Medikamente gelindert werden.
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Welcher Sport hilft?

„Bei Alzheimerkranken verbessern sich die Symptome durch jene Sportarten besonders gut, die die Durchblutung des Gehirns verstärken, und das sind alle Ausdauersportarten, also Laufen, Walken, Schwimmen & Co“, sagt Niebauer. Außerdem kommt es durch den Sport zu einer Stärkung der Muskulatur, zu einer Verbesserung der Koordination und der Schlaf- und Lebensqualität sowie zu einer Ausschüttung von Hormonen wie Serotonin, was das Wohlbefinden fördert. 

Bluthochdruck
Nach der Definition der österreichischen Hochdruckliga liegt Bluthochdruck dann vor, wenn der obere Wert dauerhaft über 135 liegt und der untere Wert über 85. Ursachen für Bluthochdruck sind Bewegungsmangel, Übergewicht, Alkohol- und Nikotinmissbrauch, aber auch Stress und eine genetische Veranlagung. Bluthochdruck kann durch blutdrucksenkende Medikamente sehr gut auf normale Werte eingestellt werden.
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Welcher Sport hilft?

Niebauer: „Gut für Bluthochdruckpatienten sind alle Ausdauersportarten, aber auch ein Kraftausdauertraining mit leichten Gewichten.“ Zwar steigt der Blutdruck während der Belastung beim Laufen, Radfahren, Walken, Schwimmen oder Hanteln stemmen mit der ebenfalls steigenden Herzfrequenz kurzfristig an, nach dem Sport sinkt er jedoch und bleibt bei regelmäßigem Training konstant niedriger. „Durch den Sport bauen die Betroffenen zudem Übergewicht ab, wodurch ebenfalls der Blutdruck sinkt“, sagt Niebauer.

Krebs
In Österreich erkranken jährlich rund 36.000 Menschen neu an Krebs – nach Herz- und Kreislauferkrankungen ist Krebs die zweithäufigste Todesursache. Bei Krebs bilden sich bösartige Körperzellen, die zu krankem Gewebe anwachsen und gesundes Gewebe verdrängen. Therapiert wird Krebs durch operative Entfernung des bösartigen Gewebes, Bestrahlungen und Chemotherapien.
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Welcher Sport hilft?

Niebauer: „Für Krebspatienten eignen sich alle Sportarten gut.“ Egal ob Ausdauersport oder Krafttraining: Beides kräftige den gesamten Körper und das Immunsystem und sorge dafür, dass die Krankheit und die Therapie besser verkraftet werden. „Außerdem kann ein starkes Immunsystem nach der Krebstherapie ein neuerliches Krebswachstum verzögern“, sagt Niebauer.

Diabetes mellitus
Bei der sogenannten Zuckerkrankheit enthält das Blut zuviel Zucker, da der Körper aufgrund von verschiedenen Fehlfunktionen nicht imstande ist, Zucker aus dem Blut aufzunehmen und zu verarbeiten. Die häufigsten Ursachen für die Erkrankung sind Übergewicht und eine genetische Veranlagung. Therapiert wird Diabetes Typ II durch die Einnahme oder Injektion von Insulin, das den Zucker im Blut abbaut.
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Welcher Sport hilft?

Niebauer: „Ideal für Typ-2-Diabetiker ist ein Mix aus 80 Prozent Ausdauertraining und 20 Prozent Krafttraining.“ Durch Laufen, Radfahren, Walken & Co wird Übergewicht abgebaut, das das häufigste Begleitsymptom der Erkrankung ist. „Werden parallel zum Ausdauertraining auch die Muskeln aufgebaut, so sorgen die Betroffenen dafür, dass besonders viel Zucker aus dem Blut verbraucht wird und der Blutzuckerspiegel sinkt. Daher benötigen die sportlichen Diabetiker weniger Medikamente“, sagt Niebauer. Im Idealfall wirke sich Bewegung auf Typ-II-Diabetiker sogar so günstig aus, dass Medikamente überflüssig werden.

Depressionen
Die Erkrankung besteht in einer negativen psychischen Grundstimmung und wird häufig von Schlafstörungen, Rückenschmerzen und anderen Beschwerden begleitet. Die Ursache für Depressionen ist eine Veränderung im Gehirnstoffwechsel, die unter anderem bewirkt, dass das Glückshormon Serotonin in zu geringen Mengen ausgeschüttet wird. Therapiert werden Depressionen durch Antidepressiva, die die Symptome unterdrücken, oft in Kombination mit Psychotherapie.
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Welcher Sport hilft?

Niebauer: „Depressiven tun alle Sportarten gut.“ Für die Erkrankten sei vor allem wichtig, dass sie sich sportliche Ziele setzen und Erfolge haben. „Dadurch stellt sich ein Glücksgefühl ein, das die Symptome der Depression lindert und nach einer Therapie in vielen Fällen auch das neuerliche Auftreten einer Depression verzögert“, sagt Niebauer. 

Herzinfarkt
Zum Herzinfarkt kommt es, wenn aufgrund einer Durchblutungsstörung Teile des Herzmuskels absterben. Ursachen für einen Herzinfarkt sind Bluthochdruck, Nikotinmissbrauch, Diabetes mellitus, Störungen des Fettstoffwechsels, Stress und eine genetische Veranlagung. Überlebende nach einem Herzinfarkt werden mit Medikamenten behandelt, die gegen die Ursachen des Infarkts helfen.
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Welcher Sport hilft?

„Für Herzinfarktpatienten ist es sozusagen Pflicht, Sport zu betreiben“, sagt Niebauer. Sowohl die Ausdauersportarten Laufen, Radfahren, Walken oder Schwimmen, als auch Krafttraining durch Gymnastik oder Gewichtestemmen, senken den Blutdruck, reduzieren das Körpergewicht und verbessern die Blutfettwerte – wodurch gleich die drei häufigsten Risikofaktoren für einen neuerlichen Herzinfarkt bekämpft werden.

Rückenschmerzen
An Rückenschmerzen leidet jeder Mensch irgendwann im Lauf seines Lebens, bei geschätzten zehn Prozent der Bevölkerung hält das Leiden aber mehr als drei Monate an, ist also chronisch. Die Ursachen sind vielfältig, sie reichen von Verspannungen der Muskulatur und Gelenksabnützungen im Bereich der Wirbelsäule über Bandscheibenschäden bis hin zu seelischen Problemen. Therapiert werden Rückenschmerzen je nach Ursache mit schmerzstillenden Medikamenten, operativen Eingriffen, Physio- oder Psychotherapien.
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Welcher Sport hilft?

„Gegen Rückenschmerzen helfen am besten spezielle Übungen, die man bei einer Physiotherapie erlernt, bzw. ein Krafttraining, das die Rückenmuskulatur stärkt“, sagt Niebauer. Der Grund: Starke Rückenmuskeln stützen die Wirbelsäule, entlasten die Bandscheiben und sorgen für eine gute Haltung, sodass Schmerzen erst gar nicht entstehen.

Osteoporose
Östrogenmangel nach den Wechseljahren der Frau, ein Mangel an Kalzium und Vitamin D sowie genetische Disposition – das sind die wesentlichen Ursachen für die Entstehung von Osteoporose, wie der Knochenschwund in der Fachsprache genannt wird. Therapiert wird Osteoporose durch die Gabe von Kalzium und Vitamin D sowie Medikamente, die die Knochenstärke verbessern, die sogenannten Bisphosphonate, die entweder in Tablettenform oder über Infusionen verabreicht werden.
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Welcher Sport hilft?

Niebauer: „Für Menschen, die an Osteoporose erkrankt sind, eignen sich ein Krafttraining mit Gewichten und ein Ausdauertraining, das einen Druck oder Zug auf die Knochen ausübt, zum Beispiel Radfahren oder Laufen, besonders gut.“ Der Grund: Durch dieses Training werden die Knochen kurzfristig belastet, mittel- und langfristig aber gekräftigt, denn Knochen, auf denen ein Druck oder Zug lastet, bauen sich nicht ab.

Krampfadern
50 Prozent der Österreicher leiden an Krampfadern. Das Problem entsteht, wenn die Venenklappen in den Beinen nicht richtig schließen, sodass der Rückfluss des Bluts zum Herzen behindert ist und sich das Blut in den Venen staut. Therapiert werden Krampfadern durch operative Entfernung.
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Welcher Sport hilft?

Niebauer: „Wer Krampfadern hat bzw. hatte, sollte durch gezieltes Krafttraining an Geräten, aber auch durch Gymnastik und Ausdauersportarten wie Laufen, Walken & Co die Wadenmuskulatur trainieren, denn eine kräftige Wadenmuskulatur verbessert den Blutfluss in den Venen.“ So können zwar nicht bestehende Krampfadern rückgebildet werden, die Verschlechterung ihres Zustands kann aber genauso verhindert werden wie die Entstehung weiterer Krampfadern.

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