Alzheimer

April 2009 | Medizin & Trends

Wenn das Vergessen zur Krankheit wird
 
Für MEDIZIN populär erklärt Univ. Prof. Dr. Peter Dal-Bianco, wie die Alzheimer-Krankheit die Betroffen verändert, wie die Menschen an der Seite der Kranken am besten damit umgehen und welche Therapien helfen.
 
von Mag. Sabine Stehrer

Rund 70.000 Österreicher leiden derzeit an Alzheimer, und die Zahl der Neuerkrankungen steigt von Jahr zu Jahr. Der Grund dafür ist, dass wir immer älter werden – und das Alter ist das Hauptrisikofaktor für die Erkrankung. „Zu den anderen Risikofaktoren zählen die erbliche Veranlagung, Gefäßverkalkung, Zuckerkrankheit, ein erhöhter Blutdruck und erhöhte Blutfettwerte“, erklärt Univ. Prof. Dr. Peter Dal-Bianco, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie an der Universitätsklinik für Neurologie der Medizinischen Universität Wien.

Krankheit sitzt im Gehirn

Krank ist bei Alzheimer-Kranken das Gehirn. Dort ist die Kommunikation zwischen den Nervenzellen gestört, nach und nach sterben außerdem Nervenzellen ab. Dal-Bianco: „So kommt es zu einem geistigen Abbau, der als Spiegelbild des Aufbaus betrachtet werden kann.“ Das zuletzt Erlernte wird zuerst verlernt, Gedächtnisstörungen treten auf, parallel entwickelt sich eine Orientierungsschwäche, die Eigenständigkeit der Betroffenen geht verloren, schließlich brauchen sie Hilfe, um ihren Alltag bewältigen zu können. 80 Prozent der Erkrankten werden daheim und von Angehörigen betreut. Demgemäß haben diese auch einen großen Einfluss auf den Erfolg der Behandlung – wobei von Erfolg gesprochen wird, wenn die Symptome erträglicher werden.

Früherkennung wichtig

Dieser Einfluss der Angehörigen beginnt schon bei der Diagnose. Zwar sind sich die meisten Betroffen im ersten Drittel des Krankheitsstadiums selbst ihrer Defizite bewusst, sie wollen sie sich aber oft nicht eingestehen. Fast immer sind es die Angehörigen, die sie drängen, sich untersuchen zu lassen. Dal-Bianco: „Zu Recht, denn je früher durch einen Nervenfacharzt oder in einer Gedächtnisambulanz die Diagnose erstellt wird, desto besser.“ Die medikamentöse Behandlung, die darauf abzielt, Botenstoffe im Gehirn zu stärken, die für die Nachrichtenübermittlung zuständig sind und Nervenzellen schützt, kann dann früher greifen.

Werden die Symptome früher positiv beeinflusst, macht auch das Gedächtnistraining mehr Spaß, der zweite Bestandteil der Therapie. Die Wirkung der Übungen, mit denen versucht wird, das Gehirn auf Trab zu halten, sei zwar nicht eindeutig wissenschaftlich nachgewiesen, sagt Dal-Bianco. „Aber die Patienten fühlen sich danach wohler.“ Frühestens in fünf Jahren, so der Experte, werde man wissen, ob eine Alzheimer-Impfung, die den Zustand des Erkrankten sogar wieder verbessern soll, hält, was sie verspricht, und wann sie in der Praxis zum Einsatz kommt.

Dem Kranken in seine Welt folgen

Je mehr die Erkrankung fortschreitet, desto weniger nehmen die Betroffenen selbst wahr, wie es um sie steht. Im zweiten und dritten Krankheitsstadium vergessen sie auch, zu essen oder aufs WC zu gehen. Dal-Bianco: „Genauso wie kleine Kinder können sie das, was sie spüren, wie zum Beispiel ein Hungergefühl, nicht richtig zuordnen.“ Für die Betreuenden bedeutet das eine große Belastung. Ein weiteres Problem, das nach der Erfahrung des Experten manche Frauen haben, die ihren erkrankten Partner pflegen: „Die Männer haben Sex mit ihnen, vergessen, dass sie ihn gehabt haben, und wollen deswegen gleich darauf schon wieder.“

Zum Abbau in den fortgeschrittenen Stadien der Krankheit gehört auch, dass negative Erlebnisse aus der Vergangenheit wieder hervorkommen. Dies kann zu aggressivem Verhalten wie Beschimpfungen führen, bis hin zu einem Um-sich-Schlagen. Oder es wird von schrecklichen Erlebnissen erzählt, die es so nie gab. Dal-Bianco rät Betreuenden, den Kranken jedenfalls ernst zu nehmen und ihm in seine Welt zu folgen.

Ein Beispiel für diese Art des Umgangs, die Validation genannt wird: „Wenn der Erkrankte sagt, er hat gesehen, wie auf der Straße ein Auto ein Kind überfahren hat, und er kann gar nicht auf die Straße sehen, soll man mit Fragen näher darauf eingehen, indem man ihn zum Beispiel fragt, wie alt das Kind war.“

Abbau ist individuell verschieden

Ansonsten sei den Betreuern zu empfehlen, den Alltag mit dem Erkrankten so lang wie möglich so normal wie möglich zu gestalten. Wie schnell der Abbau vor sich geht, sei individuell verschieden. Dal-Bianco: „Wir haben aber bemerkt, dass Personen, die früher geistig rege waren, den Gedächtnisverlust, der am Anfang steht, lang kompensieren können. Dafür beginnt der Abbau dann rascher.“ Bei anderen gehe es langsam, aber stetig bergab.

Was man tun kann, um Alzheimer vorzubeugen? Dal-Bianco: „Gut sind körperliche Aktivitäten wie Tanzen oder Wandern, geistige Aktivitäten wie Lesen, Musizieren oder Spiele spielen.“ Auch ein reges Gesellschaftsleben empfehle sich, und schließlich sollte man viel Obst, Gemüse und Fisch essen.

Buchtipp:

Dal-Bianco, Schmidt, memories.­ Leben mit Alzheimer 
ISBN 978-3-902552-37-2, 176 Seiten, € 14,90 

Verlagshaus der Ärzte 2008

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