Turbo fürs Immunsystem

Oktober 2012 | Medizin & Trends

Starke Abwehrkräfte in jeder Lebensphase
 
Vom Kleinkind bis zum Senior: In jedem Alter ist das Immunsystem mit besonderen Herausforderungen konfrontiert, besonders jetzt in der Grippe- und Erkältungszeit. MEDIZIN populär informiert, wie kleine und große Rotznasen ihre Abwehrkräfte am besten stärken können.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

0 bis 4 Monate
Abwehr mit Mamas Hilfe

Ab dem ersten Schrei ist das Baby für die Abwehr von Krankheitserregern gerüstet. Das hat es im Wesentlichen dem Immunsystem der Mutter zu verdanken: „Während der Schwangerschaft werden über die Plazenta verschiedene Antikörper in das Immunsystem des ungeborenen Kindes geleitet“, erklärt Dr. Thomas Schwingenschlögl, Facharzt für Innere Medizin, Rheumatologe und Ernährungsmediziner in Wiener Neudorf. Diese übertragenen Antikörper schützen vor bedrohlichen Infektionen durch Viren, Bakterien und Fremdstoffe. Denn selber Abwehrzellen produzieren, die Erreger erkennen und vernichten, das kann das Immunsystem zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht. „Das lernt es erst nach und nach“, weiß Schwingenschlögl. „Es beginnt, Millionen unterschiedlicher Abwehrzellen zu produzieren, wobei viele keine Funktion haben und wieder vernichtet werden, manche aber bald vor Bakterien, Viren und Fremdstoffen schützen.“
Bis es so weit ist, kann die Mutter die Abwehrkräfte des Säuglings stärken, indem sie ihn stillt. Schwingenschlögl: „Über die Muttermilch wird das Kind so wie über die Plazenta mit mütterlichen Antikörpern gegen Erreger versorgt und dadurch passiv immunisiert.“ Stillen schützt vor Magen- und Darmkeimen sowie vor Infektionen der oberen Atemwege, die oft zu Halsweh, Husten und Schnupfen führen.

4 Monate bis 5 Jahre
Immunsystem auf der Schulbank

Während die Kleinkinder jetzt von Mama, Papa oder Kindergartentante allerhand lernen, drückt ihr Immunsystem bereits die Schulbank. Denn das komplexe Netzwerk mit Sitz in Zellen der Haut, der Schleimhäute, in Knochenmark, Milz, Mandeln, Blinddarm, Lymphknoten, Thymusdrüse, Darmabschnitten, Gewebe und Blut muss viel können. Es muss Viren, Bakterien, Parasiten, Gifte sowie eigene entartete Körperzellen, die sich zu Krebszellen entwickeln können, nicht nur erkennen, sondern auch vernichten lernen. „Diesen Lernprozess unterstützt das kleine Kind selbst“, so der Mediziner. Wenn die Mädchen und Buben im Dreck wühlen, alles in den Mund nehmen, was sie erwischen können, und beim Spielen mit anderen Kindern in Kontakt kommen, trifft ihr Immunsystem auf eine Reihe von Erregern.
Dass Eltern diesem Zusammentreffen möglichst wenig entgegensetzen sollten, zeigt eine Studie. Sie belegt, dass Kinder, die auf Bauernhöfen mit Viehhaltung aufwachsen, wesentlich seltener an Allergien leiden als Kinder aus Haushalten, in denen auf penible Sauberkeit geachtet wird. Die Erklärung: Dort, wo extrem viel geputzt wird, hat das Immunsystem weniger Chancen, richtige Feinde erkennen zu lernen, und richtet sich daher gegen die falschen: harmlose Pollen etwa oder Hausstaubmilben.
Abgesehen von elterlicher Toleranz gegenüber Dreck gibt es in diesem Lebensabschnitt aber noch einen Turbo fürs Immunsystem. „Das ist die Bewegung“, weiß Schwingenschlögl und erläutert den Hintergrund: „Wird die Muskulatur bewegt, wird das Lymphsystem auf Trab gebracht und transportiert Abfallstoffe und Krankheitserreger schneller aus dem Gewebe ab.“ Zusätzlich wird das Immunsystem der Kleinen mit einer vitaminreichen Kost aus viel Gemüse, Obst und Salaten gestärkt. Denn darin stecken viele jener Substanzen, die die Schleimhäute und die weißen Blutkörperchen für den Kampf gegen Erreger wappnen.

5 bis 15 Jahre
Reifeprüfung fürs Immunsystem

In den Jahren vom Schuleintritt bis zur Geschlechtsreife reift so wie der Mensch insgesamt auch sein Immunsystem. Es wird immer aktiver und bildet laufend Millionen von spezifischen Abwehrzellen, die Feinde erkennen und abwehren. So kommt es, dass in dieser Lebensphase die Zahl der Erkrankungen drastisch sinkt. „Bei Säuglingen und Kleinkindern bis zum Schulalter ist es noch normal, dass sie zehn bis zwölf Mal im Jahr zum Beispiel erkältet sind. Jugendliche mit fertig entwickeltem Immunsystem kämpfen hingegen meist nur noch ein- bis zweimal im Jahr gegen Schnupfen, Husten, Heiserkeit“, sagt Schwingenschlögl.
Was dem Immunsystem auf dem Weg zur Reifeprüfung hilft, ist wiederum Bewegung. „Schulkinder und Jugendliche sollten so oft wie möglich draußen herumlaufen, Radfahren, Schwimmen oder sich sonst in einer Form bewegen, die ihnen Spaß macht“, appelliert der Experte. „Durch die Bewegung wird nicht nur der Lymphfluss angeregt, sondern auch die Bildung von Abwehrzellen.“ In dieser Zeit ebenfalls wichtig: Eine ausgewogene Mischkost mit Nahrungsmitteln, die viele Vitamine, aber auch tierisches Eiweiß enthalten. Ob aus Fleisch oder Schinken: „Tierisches Eiweiß erleichtert dem Körper die Zellbildung“, so der Arzt.

15 bis 50 Jahre
Harte Dienstjahre für die Abwehrkräfte

Vom 15. bis zum 50. Lebensjahr arbeitet das bestens ausgebildete Immunsystem mit weitgehend gleichbleibender Intensität – viele harte Dienstjahre im Kampf gegen Husten-, Schnupfen-, Grippeviren, Bakterien, Pilzsporen, Gifte und andere Erreger. Dabei kann man es aber mit einer ganzen Reihe an Maßnahmen unterstützen. Am wirksamsten ist laut Schwingenschlögl wiederum Sport, vor allem Ausdauersport. „Wer regelmäßig läuft, Rad fährt, schwimmt oder mit Nordic Walking-Stöcken über die Wiese stapft und sich dabei mäßig anstrengt, sorgt dafür, dass das Immunsystem vermehrt Killerzellen gegen Erreger bildet.“ Das richtige Maß ist hier wichtig: Unterforderung taugt genauso wenig als Turbo fürs Immunsystem wie Überforderung. Im Gegenteil, wer sich beim Sport zu sehr verausgabt, ist unmittelbar danach eine Zeit lang sogar besonders gefährdet, sich z. B. mit Schnupfen- oder Hustenviren anzustecken.
Großen Einfluss auf die Funktionstüchtigkeit des Immunsystems hat wie schon in Kindertagen auch in diesen Lebensjahrzehnten die Ernährung. Wer kontinuierlich auf ausgewogene, nährstoffreiche Mischkost setzt, macht alles richtig. „Besonders wichtig für die Abwehrkräfte sind die Vitamine A, C und E“, weiß der Ernährungsmediziner. Vitamin A dient der Gesundheit der Schleimhäute, die oft die erste Barriere sind, die Erreger zu überwinden haben, Vitamin C vermehrt die Killerzellen, Vitamin E schützt vor freien Radikalen, die gesunden Zellen zusetzen. Dem Immunsystem helfen auch Sauna- oder Dampfsaunagänge bei seiner Arbeit. „Durch die Übererwärmung des Köpers tritt derselbe Effekt ein wie bei Fieber“, erklärt Schwingenschlögl. „Erreger, die sich bei normaler Körpertemperatur von etwa 36 Grad Celsius wohl fühlen, sterben bei erhöhter Temperatur ab und werden durch das Schwitzen zusammen mit anderen Abfallstoffen aus dem Körper hinausgeschwemmt.“

Ab 50 Jahren
Immunsystem in Frühpension

Rund um den 50. Geburtstag geht das Immunsystem in Frühpension. Es ist zwar immer noch sehr flott unterwegs, beginnt aber langsam abzubauen. Schwingenschlögl: „Es wird langsam schwächer und kann Erreger zunehmend weniger gut bekämpfen als in den Jahrzehnten davor.“ Spätestens jetzt sollte man besonders darauf achten, die Abwehrkräfte mit Sport, guter Ernährung, Sauna, Dampfbad und kurzen Sonnenbädern zu stärken und all das möglichst zu meiden, was dem Immunsystem zusetzt. „Das sind Stress, Schlafmangel, Übergewicht, Alkoholmissbrauch und Rauchen“, erklärt Schwingenschlögl. „Stress und Schlafmangel bewirken, dass die Hirnanhangdrüse Substanzen ausschüttet, die die Produktion von Killerzellen hemmen.“ Bei Übergewicht kommt der Hormonhaushalt so durcheinander, dass der gleiche Effekt eintritt. Und wer zu viel Alkohol trinkt und raucht, sorgt dafür, dass im Körper vermehrt Entzündungsprozesse ablaufen, die das Immunsystem bekämpfen muss, und das schwächt es ebenfalls.

Ab 70 Jahren
„Vollpension“ für die Abwehrkräfte

Mit zunehmendem Alter brauchen die Abwehrkräfte „Vollpension“. Nun heißt es, das Immunsystem noch mehr zu verwöhnen und immer noch besser darauf zu achten, es zu kräftigen, aber nicht zu belasten. Schwingenschlögl: „Spätestens nun sollte man beim Sport nicht übertreiben und eventuell von anstrengenden Sportarten wie dem Laufen zu weniger anstrengenden wie zum Beispiel Nordic Walking wechseln.“ Neben einer ausgewogenen Ernährung ist nun auch ausreichende Flüssigkeitszufuhr besonders wichtig. „Mit dem Alter verliert sich das Durstgefühl und viele schaffen es daher oft nicht, eineinhalb Liter pro Tag zu trinken, was aber wichtig wäre“, betont Schwingenschlögl. Der Grund: Je mehr Flüssigkeit vorhanden ist, desto besser können Schadstoffe und Erreger aus dem Körper ausgeschwemmt werden. Eine gute Alternative zu den im Alter ebenfalls oft als anstrengend empfundenen Saunabesuchen sind Kneipp’sche Güsse oder Wechselduschen, die beide mit einer kalten Anwendung abgeschlossen werden – und so anschließend für eine Übererwärmung sorgen. Weitere Tipps des Experten: „Etwaiger Schlafmangel sollte nun unbedingt mit einem Mittagsschläfchen ausgeglichen werden, und wichtig ist auch, sich weiter des Lebens zu erfreuen.“ Denn empfindet man Freude, dann schüttet der Körper Endorphine aus, die so wie das gesamte Leben hindurch die Abwehrkräfte auch in dieser letzten Lebensphase stärken.

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Impfungen:
Der stichhaltigste Turbo fürs Immunsystem

Bei Impfungen werden Substanzen injiziert oder geschluckt, die entweder selbst Antikörper gegen Erreger enthalten oder das Immunsystem dazu bringen, die passenden Antikörper zu bilden. Dem Mutter-Kind-Pass ist zu entnehmen, wann welche Impfung fürs Kind empfehlenswert ist. Später bekommt man diese Information vom Schul- bzw. Hausarzt. Jetzt im Oktober wird die Grippeschutzimpfung empfohlen, insbesondere Älteren, chronisch Kranken mit geschwächtem Immunsystem und Menschen in Berufen, in denen es viel Kontakt zu anderen gibt.

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