Bombe im Bauch

November 2011 | Medizin & Trends

So gefährlich ist ein Aneurysma der Bauchschlagader
 
Bei geschätzten 70.000 Österreicherinnen und Österreichern weist die Bauchaorta eine Aussackung auf: Sie leiden an einem sogenannten Aneurysma, das platzen – und tödlich sein kann. Die Zahl der Betroffenen soll in den nächsten Jahren dramatisch ansteigen. Darum geben Experten jetzt den dringenden Rat, das eigene Risiko abzuwägen und rechtzeitig zum Arzt zu gehen. MEDIZIN populär informiert über die tickende Bombe im Bauch.
 
Von Mag. Karin Kirschbichler

Bei einem gesunden Erwachsenen hat die Bauchaorta einen Durchmesser von bis zu zwei Zentimetern. Ihre lebenswichtige Aufgabe besteht darin, das Blut vom Herzen zu den Organen im Bauchraum und weiter in die Beine zu transportieren. Ist die Gefäßwand der Bauchschlagader aus irgendeinem Grund geschwächt, so kann es an der betroffenen Stelle zu einer Aussackung kommen. Von einem Aneurysma sprechen die Fachleute, wenn der Gefäßdurchmesser um mehr als 50 Prozent auf zirka drei Zentimeter angewachsen ist.
Um bis zu zwei Zentimeter pro Jahr kann sich die Aussackung der Bauchaorta erweitern, wenn nichts dagegen unternommen wird. Ab einem Durchmesser von fünf bis 5,5 Zentimetern – das entspricht in etwa der Größe eines Golfballs – wird sie zur tickenden Bombe im Bauch.
„Ich habe zwar schon eine Bauchaorta mit einem Durchmesser von 10,5 Zentimetern gesehen“, erzählt Prim. Priv. Doz. Dr. Afshin Assadian, Vorstand der Gefäßchirurgie am Wilhelminenspital in Wien aus der Praxis. Doch in den meisten Fällen platzt das Aneurysma, bevor es die Größe eines Tennisballs erreicht, und führt dann bei 90 Prozent der Betroffenen in kürzester Zeit zum Tod. Und selbst wer an der Ruptur des Aneurysmas nicht sofort stirbt und innerhalb weniger Stunden im Krankenhaus von erfahrenen Ärzten behandelt wird, hat nur eine 50-prozentige Überlebenschance.
Aber auch das Überleben muss oft mit einem hohen Preis bezahlt werden: Gravierende Folgen wie künstlicher Darmausgang, Verlust der Nierenfunktion mit notwendiger Dialyse, Amputationen, Wundheilungsstörungen und eine lange Genesungszeit sind nach einem geplatzten Bauchaortenaneurysma keine Seltenheit.

Lange Zeit keine Beschwerden

Geschätzte 70.000 Österreicherinnen und Österreicher leben schon jetzt mit einer derartigen Bombe im Bauch. Die meisten von ihnen sind männlich und über 60 Jahre alt. Bei zehn Prozent ist das Aneurysma auf über fünf Zentimeter angewachsen und müsste behandelt werden, um die Lebensgefahr der Betroffenen zu bannen. „Doch in Österreich werden derzeit jährlich nur etwa 1000 Eingriffe an Bauchaortenaneurysmen durchgeführt. Geschätzte 6000 Menschen müssten aber behandelt werden“, rechnet Assadian vor. Diese Zahlen sollen in naher Zukunft noch weit dramatischere Ausmaße annehmen: „Ein Aneurysma der Bauchaorta ist eine Erkrankung des höheren Alters. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung wird es in den nächsten Jahren noch viel mehr Betroffene geben“, warnt der Experte.
Warum so viele nicht in ärztlicher Behandlung sind? „Sie wissen nichts von ihrer Erkrankung“, bringt es Assadian auf den Punkt. Die Aussackung an der Bauchschlagader bleibt lange Zeit unbemerkt, weil sie keine Beschwerden macht. Und wenn Schmerzen im Bauch, im Rücken oder in der Leistengegend auftreten, denken selbst Ärzte nicht immer gleich daran, dass ein Aneurysma der Bauchaorta dahinterstecken könnte. „In Österreich erfolgt die Diagnose Bauchaortenaneurysma leider immer noch meist zufällig“, bedauert Ärztekammerpräsident Dr. Walter Dorner. „Darum setzt sich die Österreichische Ärztekammer für Aufklärung und Vorsorge ein.“

Das Leiden der Familie Einstein

Wie wichtig es ist, das eigene Aneurysma-Risiko zu kennen und im Fall des Falles rechtzeitig einen Arzt aufzusuchen, betont auch Gefäßspezialist Assadian. Für die Diagnose eines Bauchaortenaneurysmas reicht eine simple Ultraschalluntersuchung. Ist das Gefäß auf drei Zentimeter Durchmesser und mehr angewachsen, liegt also ein Aneurysma vor, so können schon vergleichsweise einfache Maßnahmen helfen, eine weitere Aussackung zu verhindern: Das können Veränderungen des Lebensstils sein wie z. B. Nichtrauchen, die Therapie von Bluthochdruck und neuerdings auch Medikamente. Muss das Aneurysma vom Gefäßchirurgen behandelt werden (bei Frauen ab fünf, bei Männern ab 5,5 Zentimetern Durchmesser), so stehen heute verschiedene, auch schonende Operationsmöglichkeiten zur Verfügung, um die Gefäßerweiterung in den Griff zu bekommen.
Für wen der dringende Rat, rechtzeitig zum Arzt zu gehen, insbesondere gilt? „Männer über 65, die Bluthochdruck haben und rauchen bzw. geraucht haben, sind besonders gefährdet“, sagt Assadian. Auch Vererbung spielt eine große Rolle: „So war zum Beispiel nicht nur der Physiker Albert Einstein an einem Bauchaortenaneurysma erkrankt, auch dessen Sohn und Enkel waren betroffen“, weiß der Mediziner. Und schließlich stellen erhöhte Blutfette (Cholesterin, Triglyceride), Hernien (z. B. Leistenbruch) und andere arterielle Gefäßerkrankungen (wie Verengungen der Herzkranzgefäße, Halsschlagadern oder Beingefäße) Risikofaktoren dar. Auch Menschen mit Lungenerkrankungen (z. B. COPD) sollten bei meist als „schneidend“ beschriebenen Bauchmerzen die Möglichkeit eines Bauchaortenaneurysmas in Betracht ziehen.
„Bei Frauen tritt die Krankheit in der Regel fünf bis zehn Jahre später auf als bei Männern, ist dann aber meist mit einem noch höheren Sterberisiko verbunden“, sagt Assadian. Die möglicherweise lebensrettende Ultraschalluntersuchung wird übrigens nach Überweisung durch den Hausarzt von einem Radiologen mit eigener Praxis oder im Krankenhaus durchgeführt.

Zum Ultraschall ab 60?

Um die tickende Bombe im Bauch zu entschärfen, gibt es in verschiedenen Ländern bereits sogenannte Screening-Programme, also routinemäßige Ultraschalluntersuchungen der Bauchaorta bei Senioren. „So zum Beispiel in den USA, wo die Rupturrate, also die Zahl der geplatzten Aneurysmen, um 30 Prozent gesenkt wurde“, sagt Assadian. „Auch in Skandinavien führte gezielte Vorsorge zu einem Rückgang an geplatzten Bauchschlagadern um ein Drittel“, ergänzt Dorner. Und in Österreich? „Sollte Information über Früherkennung und Vorsorge erst einmal an erster Stelle stehen. Mittelfristig empfehlen wir aber auch für Österreich, über 60-Jährige mittels Bauchultraschall auf ein Aneurysma der Bauchaorta zu untersuchen“, sagt Assadian in seiner Funktion als wissenschaftlicher Sprecher vom kürzlich gegründeten „Gefäßforum Österreich“.

Stille Gefahr: Aneurysma

Die Aussackung einer Arterie um mehr als 50 Prozent des gesunden Durchmessers wird Aneurysma genannt. Die Erkrankung kann in allen Arterien (Hirnarterien, Herzkranzarterien, Brustschlagadern, Eingeweidearterien, Beinarterien) auftreten, am häufigsten zeigen sich die Ausbuchtungen aber an der Bauchaorta. Ein Aneurysma verursacht lange Zeit keine Beschwerden, so dass es oft nicht erkannt wird. Und darin besteht die tödliche Gefahr: Wird die Ausweitung nicht rechtzeitig behandelt, so kann das Gefäß platzen. Die Ruptur eines Aneurysmas kann je nachdem, welche Arterie betroffen ist, schwerwiegende Folgen (z. B. Schlaganfall, Organverlust) bis hin zum Tod durch Verbluten nach sich ziehen.

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Aneurysma der Bauchaorta: Bin ich gefährdet?

Die Risikofaktoren auf einen Blick:

  • Alter über 60 Jahren
  • Männliches Geschlecht
  • Rauchen
  • Bluthochdruck
  • Erhöhte Blutfettwerte (Cholesterin, Triglyceride)
  • Vorhandensein von Hernien (z. B. Leistenbruch)
  • Andere arterielle Gefäß­erkran­kungen (z. B. Atherosklerose, also sog. Arterienverkalkung)
  • Aneurysmaleiden in der Familie
  • Vorliegen von Lungenerkrankungen (z. B. COPD)

Webtipp: www.gefaessforum.at

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