Medizin auf dem Teller

November 2011 | Medizin & Trends

Wie richtige Ernährung beim Gesundwerden hilft
 
Ob Bluthochdruck oder Diabetes Typ 2, Gicht, Rheuma oder Sodbrennen: Diese fünf weit verbreiteten Krankheiten werden durch Ernährungssünden entweder mitverursacht oder verschlimmert. Die gute Nachricht: Richtiges Essen kann den Betroffenen dabei helfen, ihr Leiden besser in den Griff zu bekommen. MEDIZIN populär über die beste Medizin auf dem Teller.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Bluthochdruck

FALSCH
Nach Schätzungen leidet fast ein Drittel aller Österreicher an Bluthochdruck – eine Erkrankung, die durch falsche Ernährung mitausgelöst wird. Univ. Prof. Dr. Thomas Stulnig, Facharzt für Innere Medizin sowie Stoffwechsel- und Hormonspezialist in Wien, erklärt, was falsch an der Ernährung von Bluthochdruckpatienten ist: „Viele Betroffene nehmen Nahrungsmittel und Getränke zu sich, die einen hohen Kaloriengehalt haben und daher zu Übergewicht führen.“ Bei Übergewicht sind das Herz und die Gefäße belastet, das Blut wird mit Hochdruck durch den Körper gepumpt. Stulnig: „Viele Menschen mit Bluthochdruck nehmen außerdem auch noch zu viel Salz zu sich.“ Und eine erhöhte Salz-Zufuhr führt dazu, dass die Blutgefäße mehr mit Blut angefüllt werden – was ebenfalls zu Bluthochdruck führt.

RICHTIG
Stulnig: „Gegen Bluthochdruck wirkt, Übergewicht abzubauen und das Normalgewicht zu halten.“ Insofern sollten sich Patienten kalorienarm ernähren, z. B. indem sie statt fettem Fleisch, fetter Wurst und fetten Milchprodukten fettarme Produkte zu sich nehmen und darüber hinaus vermehrt ballaststoffreiche Lebensmittel wie frisches Gemüse, Obst, Salate und Vollkornprodukte auf den Speiseplan setzen. „Auch salzarm sollte die Kost sein“, sagt Stulnig. Das heißt: Statt zu Gepökeltem und Geräuchertem wie Salami oder Speck z. B. besser zu frischem, magerem Schinken greifen und auf gesalzene Fertigprodukte wie Tiefkühlpizzas oder Fertigsaucen verzichten. Da auch Wein, Bier & Co den Blutdruck ansteigen lassen, sollte auf Alkohol weitgehend verzichtet werden.
Stulnig: „Wer sich an diese Empfehlungen hält, kann damit rechnen, dass bereits nach einigen Wochen der Ernährungsumstellung der Blutdruck sinkt und eventuell weniger blutdrucksenkende Medikamente benötigt werden.“ Sind durch die veränderte Kost auch die überflüssigen Kilos verloren gegangen, können Betroffene – natürlich in Absprache mit dem behandelnden Arzt – oft sogar ganz auf die Medikamente verzichten.

Diabetes Typ 2

FALSCH
In Österreich leidet etwa jeder Zehnte an Typ-2-Diabetes, der häufigsten Form der Zuckerkrankheit. Die Krankheit wird hauptsächlich durch eine falsche Ernährung ausgelöst. „Fast alle Typ-2-Diabetiker sind übergewichtig oder fettleibig“, sagt Stulnig. Neben Lebensmitteln, die viele Kalorien und oft auch sehr viel Zucker enthalten, werden außerdem meist zu viele Weißmehlprodukte gegessen. Diese löst der Körper schnell in ihre Zuckerbestandteile auf, was den Blutzuckerspiegel rasch und übermäßig erhöht. Stulnig: „Außerdem führt die Zufuhr von vielen gesättigten Fettsäuren zu Diabetes.“ Die gesättigten Fettsäuren, die z. B. in tierischen Produkten wie fettem Fleisch und Butter sowie industriell gehärteten Fetten enthalten sind, vermindern die Wirkung von Insulin, das den Blutzucker senkt. Auch so erhöht sich der Blutzuckerspiegel.

RICHTIG
„Wichtig für Diabetiker ist, den Konsum von Zucker und stark gezuckerten Lebensmitteln wie Kuchen, Torten oder Schokolade einzuschränken“, sagt Stulnig. Wer zudem Weißmehl- durch Vollkornprodukte ersetzt, die der Körper langsam in Zucker umwandelt, verbessert die Blutzuckerwerte ebenfalls. Auch die Ballaststoffe in pflanzlicher Nahrung bewirken eine verlangsamte Zucker-Aufnahme – weshalb Diabetiker am besten zu jeder Mahlzeit Obst, Gemüse oder Salate essen. Weiters empfehlen sich Lebensmittel mit ungesättigten Fettsäuren. „Besonders viele davon stecken in Fisch, Nüssen und hochwertigen Speiseölen“, sagt Stulnig. Auch gut: Darauf achten, dass genügend eiweißhältige Lebensmittel gegessen werden wie z. B. fettarme Milchprodukte, Tofu, Hühner- oder Putenfleisch. „So isst man automatisch weniger kohlenhydratreiche Lebensmittel, die rasch zu Zucker umgebaut werden“, erklärt der Experte. Außerdem bleibt man länger satt und verbrennt mehr Kalorien. Schließlich sollten Diabetiker auf zuckerhältige Getränke weitgehend verzichten, denn der Zucker in Getränken geht besonders rasch ins Blut über.
Stellen Diabetiker ihre Ernährung nach den genannten Empfehlungen um, zeigen sich „schon nach wenigen Tagen“ deutliche Besserungen, sagt Stulnig. Und ist die Zuckerkrankheit noch nicht zu weit fortgeschritten, kann man nach einer entsprechenden Gewichtsabnahme und durch die richtige Ernährung die Krankheit sogar wieder ganz loswerden.

Gicht

FALSCH
Ein bis zwei Prozent der Österreicher leiden an Gicht – sie haben zu viel Harnsäure im Blut, was zu anfallsartigen Schmerzen in den Gelenken oder zur Bildung von Nierensteinen führt. „Abgesehen von einer erblichen Neigung oder einer Nierenfunktionsstörung kann auch eine falsche Ernährung Gicht auslösen“, sagt Stulnig. Falsch bedeutet: Neben dem Übergewicht an sich führen Lebensmittel, die viele Purine enthalten, zu Gicht. Purine sind z. B. in Innereien, rotem Fleisch und Bier enthalten und werden zu Harnsäure abgebaut. Übergewicht sollte man bei Gicht nur langsam abbauen. Denn durch extremes Fasten werden im Körper Purine freigesetzt – so steigt der Harnsäurespiegel, was einen Gichtanfall auslösen kann.

RICHTIG
„Gichtkranke streichen das purinreiche rote Fleisch und die Innereien am besten von ihrem Speiseplan und decken ihren Eiweißbedarf stattdessen mit Eiern und fettarmen Milchprodukten“, rät Stulnig. Auch bei Gemüse und Hülsenfrüchten heißt es aufpassen: Erbsen, Linsen, Rosenkohl, Spinat und weiße Bohnen sollten Betroffene meiden, da auch sie viele Purine enthalten. Kartoffeln, die meisten Gemüsesorten und Obst sind dagegen empfehlenswert. Auch Paprika, Kiwi, Zitronen und Orangen sollten Gichtkranke häufig essen, da die Früchte und das Gemüse viel Vitamin C enthalten, das den Harnsäurespiegel senkt. Zudem sollte man ausreichend trinken, denn mit Flüssigkeit wird Harnsäure ausgeschieden.
Halten sich Gichtpatienten an diese Empfehlungen, so können sie damit rechnen, dass sich ihr Harnsäurespiegel binnen weniger Tage senkt. Stulnig: „Gichtanfälle bleiben so zwar aus, Gichtpatienten bleiben die Betroffenen aber trotzdem.“ Das heißt: „Sündigen“ sie wieder beim Essen, kann es erneut zu Anfällen kommen.

Rheumatoide Arthritis

FALSCH
Mehr als 50.000 Österreicher leiden an rheumatischen Erkrankungen – viele davon an rheumatoider Arthritis, einer Gelenksentzündung. Stulnig: „Falsche Ernährung kann die Krankheit nicht auslösen, aber deutlich verschlimmern.“ Das Problem bei diesem Leiden: Lebensmittel, die Arachidonsäure enthalten, eine Säure, die Entzündungsprozesse im Körper begünstigt und das Schmerzempfinden steigert. Zu diesen Lebensmitteln zählen fettes Fleisch und Fleischprodukte wie Leberwurst, Schweineschmalz, Schweinefleisch, Innereien, aber auch minderwertige Speiseöle, die ebenfalls Arachidonsäure enthalten. Darüber hinaus haben Menschen, die an rheumatischen Beschwerden leiden, durch falsche Ernährung oft Übergewicht, was die Gelenke zusätzlich belastet.

RICHTIG
„Den Betroffenen hilft es, Lebensmittel zu meiden, die Arachidonsäure enthalten, und stattdessen zu Produkten zu greifen, die reich an Omega-3-Fettsäuren sind, denn diese wirken entzündungshemmend“, weiß Stulnig. Zu letzteren zählen hochwertige Speiseöle wie Leinsamen-, Raps-, Soja- oder Walnussöl sowie Fisch. „Rheumapatienten, die Fisch nicht mögen, können auch hochqualitative, geprüfte Nahrungsergänzungsmittel nehmen, die das hochwertige Fischöl enthalten“, sagt Stulnig. Hingegen sollten pflanzliche Fette, die reich an Omega-6-Fettsäuren sind, gemieden werden.
Wer sich an diese Empfehlungen hält, kann, so der Experte, damit rechnen, dass die rheumatisch bedingten Gelenksentzündungen bereits einige Wochen nach der Ernährungsumstellung zurückgehen und die Schmerzen nachlassen.

Sodbrennen

FALSCH
Etwa zehn bis 15 Prozent der Österreicher leiden an Sodbrennen, das auf viele verschiedene Ursachen zurückgehen kann. Mitunter ist auch eine falsche Ernährung schuld, sagt Stulnig. „Menschen mit Sodbrennen haben oft Übergewicht.“ Das Zuviel an Gewicht erzeugt wiederum einen Druck auf den Magen, der den Rückfluss von Magensäure in die Speiseröhre begünstigt und so Sodbrennen bewirkt. „Auch bestimmte Lebensmittel und Getränke können Sodbrennen erzeugen“, weiß der Mediziner. Dazu zählen fettreiche Speisen sowie Lebensmittel und Getränke, die den Magen reizen wie Alkohol, Kaffee oder Schokolade.

RICHTIG
Übergewicht abbauen und magenreizende Lebensmittel meiden – das kann Menschen mit Sodbrennen helfen, so Stulnig. Auch wer sich nach dem Essen nicht zum Ausruhen hinlegt, sondern sich bewegt, reduziert das Risiko, Sodbrennen zu bekommen: Magensäure kann bei aufrechter Haltung und während der Bewegung nicht so leicht zurückfließen. Diese Maßnahme wirkt sofort, gleich nach dem Essen, so Stulnig. Übergewicht abbauen dauert freilich länger.

****************

Speiseplan mit Arzt abstimmen!

Wer seine Ernährung aufgrund einer Erkrankung umstellen möchte, sollte dies nicht in Eigenregie tun, so der Rat von Univ. Prof. Dr. Thomas Stulnig. Jede ernährungsmedizinische Maßnahme muss mit dem behandelnden Arzt abgestimmt werden.
Der Grund für die Vorsicht: Medikamente können durch die Ernährungsumstellung ihre Wirkung verändern, so dass das Medikament durch ein anderes ersetzt oder die Dosis angepasst werden muss.

Buchtipp: Bläuel, Gasser, Olivenöl. Die Medizin auf dem Teller
ISBN 978-3-902552-93-8, 160 Seiten, € 14,90
Verlagshaus der Ärzte 2011

aktuelle Ausgabe

MP Cover 2023-01

Sie wollen mehr?

Das freut uns!

WÄHLEN SIE EINFACH AUS:
» ABO «
» E-MAGAZIN «
» MEDIZIN-populär-APP «

Abo bestellen

E-Magazin

Abo Service

Gewinnspiel

Kontakt

Newsletter

aktuelle Ausgabe

MP Cover 2023-01

Sie wollen mehr?

Das freut uns!

WÄHLEN SIE EINFACH AUS:
» ABO «
» E-MAGAZIN «
» MEDIZIN-populär-APP «

Abo Service

E-Magazin

Gewinnspiel

Kontakt

Newsletter

Abo Service

Gewinnspiel

E-Magazin

Newsletter