Rückenschmerzen bei Kindern

Februar 2011 | Medizin & Trends

Immer mehr Junge und Jüngste haben’s im Kreuz
 
Rückenschmerzen sind das Volksleiden Nummer 1 in Österreich – und immer öfter beginnt das Übel schon in Kindertagen. Die Ursachen sind für die Experten klar: Zu wenig Bewegung und zu viel Gewicht, dafür ist gerade auch der kindliche Bewegungsapparat nicht gebaut. Ärzte betonen, dass ein kaputter Kinderrücken rasch behandelt werden sollte, um Schlimmeres zu verhindern.
 
Von Mag. Helga Schimmer

Die aktuellen Zahlen sprechen Bände: Für den Österreichischen Kinder- und Jugendgesundheitsbericht 2010 wurden 11- bis 15-Jährige zu ihren subjektiven Beschwerden befragt, und schon unter den Elfjährigen gaben fünf Prozent der Mädchen und über sechs Prozent der Buben an, mehrmals pro Woche an Kreuz- und Rückenschmerzen zu leiden. Mit zunehmendem Alter steigert sich das Problem und verlagert sich tendenziell stärker auf die weibliche Seite. So klagen unter den 15-Jährigen bereits fast 13 Prozent der Mädchen und rund neun Prozent der Burschen über regelmäßige Rückenschmerzen.
Dr. Renata Pospischill, Fachärztin an der Abteilung für Kinder- und Jugendorthopädie am Orthopädischen Spital Wien-Speising, führt Bewegungsmangel und Übergewicht als Hauptursachen für ein steifes Kreuz im zarten Alter an. „Darüber hinaus besteht bei Kindern, die Sportarten wie rhythmische Gymnastik und Ballett leistungsmäßig betreiben, ein erhöhtes Risiko, bereits als Jugendliche an Spondylolisthese zu erkranken“, sagt Pospischill. Diese Instabilität der Wirbelsäule wird umgangssprachlich „Wirbelgleiten“ genannt. Zwar verläuft sie zunächst oft beschwerdefrei, später aber können Nerven im Rückenmarkskanal eingeklemmt und gedehnt werden. Die Folgen sind Lähmungserscheinungen in den Beinen oder eine Beeinträchtigung der Blasen- und Mastdarmfunktion. Zudem verschleißen an der betreffenden Stelle Bandscheibe und Wirbelgelenk, wodurch chronische Schmerzzustände entstehen.

Sozialstatus und Seelenqual

Auch ein geringerer Familienwohlstand und ein schlechteres psychisches Wohlbefinden scheinen Rückenbeschwerden bei Kindern zu begünstigen. Pospischill: „Bekannt ist, dass beim Erwachsenen Stress und Konfliktsituationen sowohl in der Entstehung als auch in der Aufrechterhaltung von Rückenschmerzen eine große Rolle spielen.“ Man müsse davon ausgehen, dass Kinder und vor allem Jugendliche in derselben Weise auf seelische Belastungsfaktoren reagieren, so die Orthopädin. „Gerade in der Pubertät, die mit vielen Veränderungen und dem Nachlassen des kindlichen Bewegungsdrangs einhergeht, treten Rücken- und Kreuzschmerzen gehäuft auf.“
Reden Eltern offen über ihre eigenen Rückenbeschwerden, sind auch die Kinder auf dieses Thema sensibilisiert – sie neigen dazu, eigene Beschwerden früh zur Sprache zu bringen. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass Kinder mit Rückenschmerzen vermehrt an Kopfweh, Bauchweh oder Schmerzen in anderen Körperregionen leiden.

Das Übel des Sitzens

Der Mensch verlernt nachweislich immer mehr, sich zu bewegen. Schon die Kleinen verbringen einen Großteil des Tages in passiver Sitzhaltung: vormittags in der Schule, nachmittags bei den Hausaufgaben, abends vor dem Fernseher oder der Spielkonsole. Falsche Sitzmöbel und ungeeignete Arbeitstische machen den schlechten Einfluss auf den Bewegungsapparat komplett: Über die herkömmlichen horizontalen Schreib- und Leseflächen wird der Kopf zu weit nach vorne geneigt und die Halswirbelsäule ständig geknickt. Die Muskeln verkürzen sich, Nackenverspannungen sind die direkte Folge.
Die unnatürliche Sitzhaltung kann mittelfristig aber auch Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen und Kurzsichtigkeit verursachen. „Für Kinder sind Schrägpulte und sogenannte mitwachsende Schulmöbel besonders wichtig, um Haltungsschäden vorzubeugen“, betont Renata Pospischill.
Schmerzt der Kinderrücken bereits, stehen – ebenso wie für Erwachsene – physiotherapeutische Einzel- und Gruppenbehandlungen zur Verfügung. Kinderärzte betreuen übergewichtige Jungpatienten, in ergotherapeutischen Sitzungen erfolgen Schulungen für ein rückenschonendes Verhalten im Alltag. Derzeit übernehmen die Krankenkassen die an Vertragsinstituten und Krankenhäusern anfallenden Behandlungskosten zur Gänze, bei freiberuflichen Therapeuten wird ein Zuschuss von unterschiedlicher Höhe gewährt.

Vorbeugen durch Herumtollen

Werden Rückenschmerzen bei Kindern nicht rechtzeitig behandelt, kann sich durch Veränderungen an den Gehirnzellen ein Schmerzgedächtnis entwi­ckeln. Für die Betroffenen heißt das: Sie empfinden auch dann Schmerzen, wenn der eigentliche Auslöser fehlt. „Dieses Phänomen tritt gerade bei Rücken- und Kreuzschmerzen häufig auf, was die Behandlung erschwert“, sagt die Ärztin. „Es ist dann bereits im frühen Berufsleben mit einer erhöhten Anzahl von Kranken­stands­tagen, der Einnahme von schmerzstillenden Medikamenten und längeren Spitalsaufenthalten zu rechnen.“
Ein umso größerer Stellenwert kommt daher der Vorbeugung zu. Pospischill: „Ein erhöhtes Bewegungsangebot in Kindergärten und Schulen ist eine der sinn­volls­ten Maßnahmen.“ Jedoch sind auch die Eltern gefordert, die Kinder so oft wie möglich zur Bewegung zu animieren – am besten durch eigene Vorbildwirkung. Um junge Rücken gesund zu erhalten, eignen sich vor allem Ausdauersportarten und Klettern. Oder einfach das lustvolle Herumtollen im Freien.

„3 x 3“: Bewegung macht Schule

Mit Projekten wie „Bewegte Schule“ oder „Rückenfit – der Kinderhit“ will man an Kindergärten und Schulen den orthopädischen Problemen der Kids entgegenwirken. Ein völlig neues Konzept zur Bewegungsförderung hat kürzlich das Bundesgymnasium Bruck an der Leitha in Zusammenarbeit mit der Wiener Ergotherapeutin Barbara Chalupny entwickelt. Das Besondere daran: Die Initiative ging von den Schülerinnen und Schülern aus, allen voran dem Schulsprecher Niki Rödler. „Jede Klasse hat zu Beginn des Schuljahres drei ihrer Lehrerinnen bzw. Lehrer ausgewählt, die mit den Kindern dreimal wöchentlich je drei Minuten lang ein bestimmtes Trainingsprogramm durchführen“, berichtet Organisatorin Mag. Sabine Puchinger. 3 x 3 also – wertvolle Minuten, die bei den Jugendlichen das Interesse an gesunder Bewegung erhalten.
Wie die meisten ihrer Kollegen wurde auch Puchinger von der Ergotherapeutin unterwiesen. Chalupny ließ in die Übungen zu Balance, Koordination, Kraft, Beweglichkeit und Feinmotorik verschiedenste Körperkonzepte einfließen wie z. B. Yoga, Pilates und Qi-Gong. Mit den kindergerecht aufbereiteten Übungsabfolgen will man nicht nur kurzfristige Ziele erreichen wie die Verbesserung von Aufmerksamkeit und Konzentration. In erster Linie geht es auch darum, den Kindern langfristig Appetit auf gesunde Bewegungsabläufe zu machen, um Schmerzen, Fehlhaltungen und in weiterer Folge Schäden am Bewegungsapparat zu verhindern. Davon profitieren übrigens auch die Lehrer. So wird ein Grundstein zur Gesundheit aller Beteiligten gelegt.

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Knackpunkt Schultasche

„Kinder mit Haltungsschäden und Fußfehlstellungen sehe ich täglich“, sagt Dr. Helga Strauss-Steurer, Schulärztin am Gymnasium Bruck/Leitha. „Rund 15 Prozent unserer Schülerinnen und Schüler sind übergewichtig, viele nehmen sich leider zu wenig Zeit für Bewegung und Sport.“ Am Brucker Gymnasium durchgeführte Gewichtstests machten noch einen weiteren „Rückenbelaster“ ausfindig: die zu schwere Schultasche. Strauss-Steurer: „Da schleppen zarte Mädchen, die selbst kaum 30 Kilo auf die Waage bringen, einen nahezu zehn Kilo schweren Bücherberg mit sich herum – eine Last, die aber auch für kräftigere Buben viel zu groß ist, da die Schultasche maximal zehn Prozent des Körpergewichts wiegen sollte. Für die meisten Kinder sind das drei bis vier Kilogramm.“
Handlungsbedarf sieht die Schulärztin vor allem bei den Schülern in den unteren Klassen, denn: „Je jünger das Kind, desto schwerer ist erfahrungsgemäß seine Schultasche.“ Gemeinsam mit Lehrern und Eltern soll deshalb das Bewusstsein geschaffen werden, dass ein guter Teil des Unterrichtsmaterials im Klassenzimmer oder in den Spinden verwahrt werden kann.
Oft tragen Kinder ihre Schultaschen aber auch falsch: Sitzen die Schulterriemen zu straff, kann sich ein Rundrücken entwickeln. Sind sie zu locker, entsteht ein Hohlkreuz. Das lässige Tragen auf nur einer Körperseite ist aus orthopädischer Sicht ohnehin abzulehnen – die Gefahr einer bleibenden Skoliose (Seitverbiegung der Wirbelsäule) ist schlichtweg zu groß.

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