Rücken: Mit Kraft gegen die Schmerzen

Dezember 2015 | Medizin & Trends

Das „Kreuz mit dem Kreuz“ kennt wohl nahezu jeder oder macht irgendwann einmal im Leben seine leidvolle Bekanntschaft damit.
MEDIZIN populär erklärt, was meistens hinter Rückenschmerzen steckt und warum das verbreitete Leiden oft schon dann keine Chance mehr hat, wenn dem Rücken mehr Kraft verschafft wird.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Hinter Markus K. liegt ein langer Tag am Computer. Nun sitzt er im Auto und spürt auf der Fahrt nach Hause wieder einmal dieses Ziehen im Rücken bis zum Nacken hinauf. Daheim angekommen, legt er sich gleich auf die Couch, was das Kreuzweh lindert. Den Rest der Schmerzen nimmt er mit ins Bett, am nächsten Morgen steht er wieder damit auf. Irgendwann in den nächsten Tagen wird das Ziehen von selbst vergehen, diese Erfahrung hat er schon gemacht, erzählt er den Kollegen im Büro, aber über kurz oder lang werden die Schmerzen auch wiederkehren. Mit dem Problem ist der 45-Jährige nicht allein. Aus verschiedenen Umfragen weiß man: So oder so ähnlich macht nahezu jeder irgendwann einmal im Leben seine leidvolle Bekanntschaft mit dem „Kreuz mit dem Kreuz“, erstmals meist zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr. Bei der großen Mehrheit, 90 Prozent, der Geplagten klingen die Schmerzen wie bei Markus K. nach einiger Zeit ohne ihr Zutun ab, kehren aber wieder – gehen und kommen erneut. Zehn Prozent, also jeden Zehnten, quält das Kreuz nahezu dauernd. Reiht man sämtliche chronische Schmerzarten nach ihrer Häufigkeit, stehen chronische Rückenschmerzen an erster Stelle (siehe „Was tut weh?“, ganz unten).
    
Steckt eine andere Erkrankung dahinter?

Aber egal, ob die Schmerzen fast dauernd spürbar sind oder stets kommen und gehen: Prim. Univ. Prof. DDr. Josef  Niebauer, MBA, Vorstand des Universitätsinstituts für präventive und rehabilitative Sportmedizin in Salzburg, rät den Gequälten zur Untersuchung: „Wer Rückenschmerzen hat, sollte sich unbedingt von einem Arzt anschauen lassen.“ Wichtig ist dies, da die Schmerzen von behandlungsbedürftigen, anderen Erkrankungen herrühren könnten, wie einer Arthritis, einem Bandscheibenvorfall, einer Ischialgie oder Osteoporose. Auch Diabetes mellitus, Morbus Bechterew, Rheuma und weitere Autoimmunkrankheiten, Darm-, Leber- und Nierenerkrankungen sowie Tumore und Aneurysmen können mit Kreuzweh einhergehen bzw. sich damit ankündigen. „Es ist aber vergleichsweise selten der Fall, dass eine schwere Krankheit hinter Rückenschmerzen steckt“, beruhigt Niebauer.

Verspannungen als häufigste Verursacher

Meistens werden Kreuzschmerzen und Nackenschmerzen laut einer Erhebung des CEOPS (Center of Excellence for Orthopedic Pain Management Speising) in Wien, durch zwei Faktoren verursacht: stundenlanges Sitzen am Computer und den damit verbundenen Bewegungsmangel. Niebauer: „Aufgrund der langen, einseitigen Belastung des Rückens beim Sitzen kommt es zu Verspannungen von der Nackenmuskulatur abwärts über die Schultermuskulatur und die Muskulatur an der Lendenwirbelsäule.“ Hierfür werden als Ursachen wiederum Muskelverhärtungen und Verklebungen des Bindegewebes bzw. der Faszien vermutet, die die Muskeln umhüllen. „Häufig werden die Verspannungen durch Fehlhaltungen beim langen Sitzen, oder auch beim Stehen und Gehen noch verschlimmert“, weiß Niebauer. Und an diesen Fehlhaltungen sind wiederum oft das verbreitete Übergewicht sowie psychische Probleme schuld. Niebauer: „Der Mensch besteht ja nicht nur aus Fett, Muskeln, Gewebe und dem Skelett.“ So führen Stress und andere seelische Belastungen im Berufs- und Privatleben oft dazu, dass Menschen die verspannungsfördernde Schildkrötenhaltung einnehmen und mit hochgezogenen Schultern und Rundrücken durchs Leben gehen – und ganz ohne körperliche Ursachen Schmerzen im Rücken spüren (siehe „Bandscheibenvorfall, Hexenschuss, Ischialgie“, unten).

Schmerzen, die für sich bestehen

Das Gefährliche: Schmerzen, die zu lang andauern, können sich im Gedächtnis verankern, und sozusagen für sich bestehen. „Dann tut der Rücken selbst dann weh, wenn gar nichts verspannt ist und keine anderen Ursachen bestehen“, warnt Niebauer: „Darum ist es wichtig, etwas gegen Rückenschmerzen zu unternehmen, auch wenn sie sozusagen schon zum Alltag gehören.“  Wenn es darum geht, was gegen das Kreuz mit dem Kreuz hilft, ist das Naheliegendste nicht das Beste: „Schmerzmittel lindern zwar die Schmerzen, für eine Dauertherapie eignen sie sich aber nicht“, rät Niebauer davon ab, dem Problem mit Pillen und Pulverln beikommen zu wollen, die gefährliche Nebenwirkungen haben können. Gegen den Schmerz hilft auch Anderes als Chemie: Beispielsweise Wärmeanwendungen, wie der Besuch einer Sauna, auch wärmende Packungen oder Massagen. Niebauer: „Vor allem mit Massagen kann man die Muskulatur und das Bindegewebe gut auflockern, da tut dann nichts mehr weh, die Wirkung hält natürlich nur kurz an.“

Geschwächte Muskeln gezielt aufbauen

Auch Markus K. geht immer wieder einmal zur Massage. Ein Masseur hat ihm nun den Rat gegeben, doch auch einmal selbst etwas gegen seine Rückenschmerzen zu tun, sich mehr zu bewegen. Worüber K. nun noch nachdenkt, das legt Niebauer allen Betroffenen ans Herz und empfiehlt: „Gut wäre, sich zunächst in professionelle Hände zu begeben, beispielsweise in jene eines Physiotherapeuten, um sich ein Bewegungsprogramm maßschneidern zu lassen.“ Dies ist laut dem Sportmediziner wichtig, da ein Training für einen schmerzfreien Rücken in Übungen bestehen sollte, die gezielt geschwächte Partien der Muskulatur am gesamten Rumpf kräftigen, verspannte Muskeln auflockern und der Gelenkigkeit dienen. Dafür eignen sich ein Krafttraining mit dem eigenen Körpergewicht, Gymnastik, Yoga oder Pilates und Übungen auf einem Wackelbrett. Niebauer: „Ergänzen kann man dies durch ein Training an Geräten mit geführten Gewichten oder freien Gewichten.“

Rücken durch Laufen und Schwimmen lockern

Doch auch Ausdauersportarten, die den Rücken bewegen, bewirken Verbesserungen, erklärt Niebauer: „Man kann die Schmerzen mit Laufen, Nordic Walking oder Schwimmen genauso loswerden, denn auch dabei werden die Muskeln gelockert und gekräftigt.“ Bis Besserungen spürbar werden, braucht man gar nicht so lang warten, verspricht Niebauer. „Das kann schon nach drei, vier Wochen regelmäßigen Trainings der Fall sein, denn in so einer Zeitspanne werden Muskeln bei entsprechender Beanspruchung merkbar kräftiger.“ Da Sport außerdem gute Laune macht und Fett verbrennt, könnten nebenher mit Übergewicht und psychischen Belastungen auch schon zwei weitere Auslöser von Rückenschmerzen schwinden. Laut Niebauer gilt aber freilich eines: Dauerhaft vom Kreuz mit dem Kreuz verschont bleibt nur, wer lebenslang in Bewegung bleibt.

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Wenn der Schmerz „einfährt“:
Bandscheibenvorfall, Hexenschuss, Ischialgie

Oft passiert es, wenn man sich während einer Bewegung „dumm verdreht“, weiß Prim. Univ. Prof. DDr. Josef Niebauer, MBA. Oder wenn man beispielsweise eine Getränkekiste aus der Hüfte heraus vom Boden hebt, anstatt dafür in die Hocke zu gehen: „Es fährt richtig ein“, so Niebauer. Danach sind Betroffene oft nicht mehr in der Lage, sich normal zu bewegen. Schuld an der Misere sind eingeklemmte Nerven. Je nach dem Bereich, wo sie sich befinden, lautet die Diagnose dann Bandscheibenvorfall, Hexenschuss oder Ischialgie. Niebauer: „In diesen Fällen helfen erst einmal Schmerzmittel vom Arzt und ein, zwei Tage Schonung.“ Vor einem neuerlichen Auftreten des qualvollen Schmerzes schützt nach der vom Arzt gestellten Diagnose langfristig nur eines: Bewegung bzw. ein Training, das die Rumpfmuskulatur stärkt und die Muskeln beweglich und locker hält.

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Was tut weh?

  • Rücken: Laut einer im Auftrag der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) durchgeführten Studie des Instituts für Markt- und Sozialanalysen (IMAS) leiden 1,5 Millionen Österreicher über 16 Jahren an chronischen Schmerzen, die weitaus meisten davon an Rückenschmerzen.
  • Kopf: Zweithäufigste chronische Schmerzart sind Kopfschmerzen. Unter den Kopfschmerzen ist der Spannungskopfschmerz um den Hinterkopf der häufigste, gefolgt von der Migräne und dem Cluster-Kopfschmerz, der rund um das Auge auftritt.
  • Nerven: Nervenschmerz bzw. neuropathischer Schmerz, der z.B. im Rücken auftreten kann, wird durch Erkrankungen ausgelöst, die das schmerzleitende Nervensystem schädigen, wie Diabetes mellitus. Weitere Ursachen für Nervenschmerz sind Verletzungen bei Unfällen oder Operationen.
  • Psyche: Auch psychische Belastungen können dazu führen, dass im Körper (z.B. im Rücken oder Kopf) Schmerzen empfunden werden.


Buchtipp:

Friedrich, Mezei
Rückhalt für den Rücken.
Der große Kreuzschmerztest – Sport ohne Handicap – Stark durch den Alltag
ISBN 978-3-902552-47-1
144 Seiten, € 14,90
Verlagshaus der Ärzte

Stand 11/2015

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