Becken in Schieflage?

März 2016 | Medizin & Trends

Häufige Ursachen, mögliche Folgen und beste Hilfen
 
Rückenschmerzen, Knieschmerzen, Schulterschmerzen, sogar Nackenverspannungen sowie Zahn- und Kopfschmerzen: Alles das können Folgen davon sein, dass das Becken in Schieflage ist. Lesen Sie, wie es dazu kommt, und was dagegen hilft.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Der Mensch ist nicht symmetrisch, das erkennen wir beim Blick in den Spiegel unschwer selbst: Unser Gesicht hat zwei unterschiedliche Hälften, die Schokoladenseite – und die andere. Dass sich die Asymmetrie von oben nach unten fortsetzt, ist bei genauerer Betrachtung ebenfalls zu sehen. Lassen wir etwa die Schultern fallen, kann die linke Schulter etwas weiter unten hängen als die rechte oder umgekehrt. Und auch die Seiten des Rumpfs mit dem Rücken, Brust und Bauch sehen verschieden aus. Wen wundert es da noch, dass bei sehr vielen Menschen auch das Becken in Schieflage ist. „So lang der Beckenschiefstand aber nur leicht ausgeprägt ist, besteht kein Problem“, erklärt Prim. Univ. Doz. Dr. Rudolf Ganger, Vorstand der Abteilung für Kinderorthopädie und Fußchirurgie am Orthopädischen Spital Speising in Wien und ergänzt, was mit der leichten Ausprägung gemeint ist: „Ergibt sich durch die Schieflage eine Differenz im Millimeterbereich, hilft sich der Körper selbst, indem er den Bewegungsapparat, vor allem die Wirbelsäule, im Hinblick auf den Unterschied justiert.“ Dies vielfach, ohne dass es je zu Beschwerden kommt, die eine Behandlung nötig machen.

Ursache Muskelverspannungen

Mit der Zeit kann aber selbst eine leichte Schieflage in der Körpermitte Probleme bereiten: Sie kann sich verschlimmern – was häufig durch ein Zuviel an einseitiger Belastung aufgrund von langem Sitzen, langem Stehen oder häufigem, schwerem Heben, auch von Übergewicht, gepaart mit Bewegungsmangel der Fall ist. Bleibt so eine Fehlbelastung ohne Ausgleich durch entsprechenden Sport, führt sie unweigerlich zu Muskelverspannungen im Rücken oder Gesäß, die auf einer Seite intensiver als auf der anderen sind und auf diese Art und Weise das Becken in eine gröbere Schieflage zwingen. Zum the rapiebedürftigen Problem wird der Schief stand laut Ganger, wenn er zu einer Differenz über ein, zwei Zentimetern führt, denn: „Um so einen Schiefstand auszugleichen, muss sich die Wirbelsäule schon stärker seitlich verkrümmen.“ Skoliosierung nennen Mediziner die Krümmung der Wirbelsäule nach rechts oder links, die zu Rückenschmerzen führen kann. Beim Kreuzweh allein bleibt es dann nicht in jedem Fall, weiß Ganger: „Ein Beckenschiefstand kann prinzipiell Schmerzen im gesamten Bewegungsapparat und frühzeitige Arthrosen, also ebenfalls schmerzhafte Verschleißerscheinungen verschiedener Gelenke, verursachen.“ Die Knie, die Hüften, das Kreuz-Darmbein-Gelenk im Beckenbereich, die Schultern, der Nacken, selbst die Kiefergelenke können betroffen sein – dem folgend verursacht die Schieflage in der Körpermitte mitunter sogar Zahn- und Kopfschmerzen.

Hilfe mit manueller Medizin und Physiotherapie

Oft wird ein Beckenschiefstand daher auch erst diagnostiziert (siehe „Wie erfolgt die Diagnose?“ unten), wenn etwa Kopfschmerzen, Schulterschmerzen oder Probleme mit den Knien auftreten, die auf keine andere Ursache zurückzuführen sind. Stellt sich dabei heraus, dass die Schieflage in der Körpermitte an einseitiger Belastung ohne Ausgleich durch Bewegung und den dann programmierten Muskelverspannungen liegt, kann Betroffenen mit zwei Mitteln gut geholfen werden, so Ganger: „Verspannungen und auch Blockaden, beispielsweise des Kreuz-Darmbein-Gelenks, können mit manueller Medizin gelockert werden.“ Zudem sollten in einer Physiotherapie Übungen erlernt werden, die – regelmäßig und dauerhaft ausgeführt – dazu dienen, der Wiederkehr der Unbill vorzubeugen.

Ursache Beinlängendifferenzen

Freilich sind nicht immer nur Blockaden und Muskelverspannungen schuld daran, dass das Becken in Schieflage gerät. Bei jungen Menschen liegt die Ursache meist woanders: Unterschiedlich lange Beine sind bei ihnen oft schuld an der Misere. Beinlängendifferenzen können angeboren sein, oder erst im Lauf des Wachstums auftreten, so Ganger: „Nicht immer wachsen die Knochen der Ober- und Unterschenkel gleich schnell.“ Als Folge davon, dass das linke Bein länger als das rechte ist oder das rechte länger als das linke, legt sich dann zunächst das Becken schief. Auch bei X- oder O-Beinen können die Beine verschiedene Längen haben.

Hilfe mit Einlagen, Spezielschuhen und Operationen

„Beträgt die Beinlängendifferenz bis zu 1,5 Zentimeter, ist die Therapie noch sehr einfach, dann reicht eine Einlage für den Ausgleich aus“, informiert Ganger darüber, was in solchen Fällen zu tun ist und ergänzt: „Ab 1,5 Zentimetern Unterschied funktioniert dies aber nicht mehr, da bei so hohen Einlagen der Fuß aus dem normalen Schuh herausrutschen würde.“ Bis zwei Zentimetern Differenz sind noch orthopädische Schuhzurichtungen, also spezielle Umgestaltungen von Konfektionsschuhen, eine gute Lösung. Ist ein Bein aber mehr als zwei Zentimeter kürzer als das andere, sind Operationen überlegenswert, bei denen die Beine mit verschiedenen Techniken einander angeglichen werden. Befinden sich Betroffene vor dem Ende ihrer Wachstumsphase, ist der Eingriff relativ einfach und leicht. Rudolf Ganger: „In dieser Zeit kann man zum Beispiel das Wachstum eines Beins bremsen, indem man die Wachstumsfuge blockiert.“ Dadurch gleichen sich die Bein längen bis zum Wachstumsende an. Nach Abschluss des Wachstums und im Erwachsenenalter ist die Beinverlängerung aufwendiger. Dann muss der Knochen durchtrennt und über ein Ringsystem oder mit einem Verlängerungsmarknagel so lang auseinandergezogen werden, bis die erforderliche Verlängerung erreicht ist. Dazwischen ist abzuwarten, bis sich die Lücke wie nach einem Knochenbruch wieder schließt. Dies dauert je nach dem Ausmaß der Verlängerung einige Monate, und in dieser Zeit muss auf Krücken gegangen werden. Operationen, Spezialschuhe und Einlagen helfen auch dann, wenn die Schieflage in der Körpermitte auf andere anatomische Ursachen zurückgeht, wie die laut Ganger eher seltenen angeborenen und unbehandelt gebliebenen Fehlstellungen der Hüftgelenke, Knocheninfektionen mit einer Schädigung der Wachstumsfuge – oder wenn der Beckenschiefstand eine Unfallfolge ist.

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Was hilft?

  • Manuelle Medizin
  • Physiotherapie
  • Gymnastik
  • Einlagen, orthopädische Schuhzurichtungen

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Wie erfolgt die Diagnose?

Ein leichter Beckenschiefstand wird häufig erst diagnostiziert, wenn Schmerzen am Bewegungsapparat auftreten, die auf keine andere Ursache zurückgeführt werden können, wie Nackenschmerzen, Rückenschmerzen oder auch Hüft- und Knieschmerzen. Oft kann der Arzt den Verdacht auf die Schieflage durch die Betrachtung des stehenden Patienten von hinten und durch Abtasten der Beckenknochen bestätigen. Ein Röntgen oder ein spezielles Messverfahren, die 3D-Wirbelsäulenmessung mit Lichtstrahlen über einen Computer, sind weitere Diagnoseschritte.

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Was verursacht einen Beckenschiefstand?

  • Muskelverspannungen, muskuläres Ungleichgewicht
  • Beinlängendifferenzen
  • Hüftfehlstellungen
  • Knocheninfektionen mit Schädigung der Wachstumsfuge
  • Unfälle

Welche Folgen kann die Schieflage in der Körpermitte haben?

  • Rückenschmerzen
  • Schulter-, Nacken-, Zahn- und Kopfschmerzen
  • Schmerzen in den Hüften und Knien
  • Arthrose bzw. Verschleiß der Hüft- und Kniegelenke
  • Arthrose in den Gelenken

Stand 02/2016

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