Ischiasnerv: Hilfe gegen die Pein im Bein

März 2015 | Medizin & Trends

Er ist unser längster Nerv und kann besonders im fortgeschrittenen Alter die ärgsten Qualen bereiten: Wenn der Ischiasnerv beleidigt ist, schießen heftige Schmerzen ganz plötzlich vom Gesäß bis ins Bein. Wie es zu der Pein kommt, und was im Notfall zu tun ist.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Ein plötzlicher, heftiger Schmerz, der vom Gesäß bis ins Bein, manchmal sogar bis in den Fuß schießt und als reißend oder ziehend empfunden wird: So äußert sich meist, was der Volksmund Ischias nennt. Damit wird genau genommen keine Krankheit bezeichnet, sondern vielmehr der Ursprung der Beschwerden, der Ischiasnerv. Dieser Nerv ist unser längster und an seinem Ursprung auch unser dickster: Er führt vom Wirbelkanal an der unteren Wirbelsäule über das Gesäß und die Hüfte in jedes Bein und teilt sich über dem Knie in Äste auf, die bis zu den Füßen reichen. „Zu den Ischiasschmerzen kommt es, wenn am Ischiasnerv ein Druck entsteht“, erläutert Dr. Helmut Hiertz, Neurochirurg am Medizinischen Zentrum Bad Vigaun, den Hintergrund der Qual.

Risiko ramponierter Rücken

Schon die alten Griechen kannten die Pein im Bein. Auf sie geht der Fachausdruck Ischialgie zurück (von „ischio“ für Hüfte und „algos“ für Schmerz). Dass Menschen über 50 vorwiegend von diesem Leiden betroffen sind, hat einen einfachen Grund. In den allermeisten Fällen kommt es nämlich dann zu den heftigen Schmerzen, wenn der Rücken durch altersbedingte Abnützungserscheinungen bereits ramponiert ist: durch lange bestehende Fehlhaltungen, durch Übergewicht, häufiges schweres Heben oder auch durch anhaltende muskuläre Verspannungen. Bei diesen ungünstigen Ausgangsbedingungen reicht oft schon eine unglückliche Bewegung, die von einer Sekunde auf die andere den Schmerz einschießen lässt.

Bandscheibenvorfall mit Folgen

Am weitaus häufigsten entsteht die Ischialgie in Folge eines Bandscheibenvorfalls, also dann, wenn sich die Puffer zwischen den Wirbeln verschieben oder vorwölben: „Dabei drückt die Bandscheibe auf den Ischiasnerv“, verdeutlicht Hiertz das Problem. Wenn der Druck sehr groß ist, bleibt es nicht immer nur bei den Schmerzen in einem Bein. Dann kann die Pein auch in beide Beine bis hin zu den Füßen ausstrahlen. Manche spüren auch ein Kribbeln in den unteren Extremitäten, die sich dazu noch schwach anfühlen. In seltenen, schweren Fällen treten sogar Lähmungserscheinungen in den Beinen und Füßen auf, die das Stehen und Gehen unmöglich machen.
Aber auch auf andere Ursachen als einen Bandscheibenvorfall kann die Qual zurückgehen: Bei längerer Belastung der Wirbelsäule kann es zu einer Lockerung zwischen den Wirbeln und zur Neubildung von Knochengewebe kommen, wodurch der Wirbelkanal enger wird. „Auch so kann der schmerzhafte Druck auf den Ischiasnerv entstehen“, informiert Helmut Hiertz.
In eher seltenen Fällen entstehen Ischiasschmerzen im Zuge einer Erkrankung an Gürtelrose, die wiederum durch eine Infektion mit Herpes zoster-Viren verursacht wird. Die Viren entzünden dann nicht nur die Haut, sondern zusätzlich den Ischiasnerv. Noch seltener löst ein Tumor im Wirbelkanal den Schmerz aus, indem er den Nerv einklemmt.

Heilsamer Spaziergang

Was tut man am besten, wenn einen die Pein im Bein plagt? „Im Akutfall hilft es, Schmerzmittel einzunehmen und sich so hinzusetzen oder hinzulegen, dass es am wenigsten wehtut“, rät Hiertz. Auch kalte Auflagen können die Beschwerden oft lindern. Gehen die Schmerzen zurück, empfiehlt sich ein Spaziergang, da die Bandscheiben während der Bewegung besser mit Nährstoffen versorgt werden, was den Selbstheilungsprozess fördert. Hiertz: „Sind die Schmerzen nach ein bis zwei Tagen noch nicht abgeklungen oder gar stärker geworden, sollte man zum Arzt gehen.“
Aus den Antworten auf die Fragen, wann und wo die Schmerzen aufgetreten sind und wie sie sich anfühlen, stellt der Arzt fest, ob es sich tatsächlich um eine Ischialgie handelt. Zur Diagnose zählen auch Reflextests und verschiedene Bewegungsübungen wie das Gehen auf Zehenspitzen oder Stehen auf einem Bein. Mit bildgebenden Verfahren, einer Magnetresonanztomografie (MRT) oder Computertomografie (CT) werden der Ort und die Ausprägung des Bandscheibenvorfalls ermittelt, der ja meist die Wurzel des Übels darstellt.
Das Ergebnis der Untersuchungen bestimmt über die weitere Behandlung. „Bei rund zwei Drittel der Betroffenen reichen die Einnahme von etwas stärkeren Schmerzmitteln und die Infiltration, also Injektion, von schmerzlindernden und entzündungshemmenden Mitteln dorthin, wo es wehtut, um die Beschwerden loszuwerden“, beschreibt Hiertz die üblichen Therapiemaßnahmen. Der Heilung dient auch eine Physiotherapie, bei der Ischialgie-Patienten lernen, Fehlhaltungen zu vermeiden, Bewegungen richtig auszuführen und die Rückenmuskeln zu stärken.

Letzter Ausweg Operation

Bei etwa einem Drittel der Betroffenen reicht die Kombination von Bewegung, Medikamenten und Physiotherapie allerdings nicht aus, um das Leiden loszuwerden. „Dann ist eine Operation unbedingt empfehlenswert“, betont Neurochirurg Hiertz. Viele haben Angst davor, dass sie nach einem Eingriff an der Wirbelsäule noch stärkere Schmerzen als vorher haben oder gar mit Bewegungseinschränkungen bis hin zur Querschnittlähmung leben müssen. „Diese Furcht ist aber unbegründet, Bandscheiben-Operationen sind heute Routineeingriffe“, stellt Helmut Hiertz klar: „Fast allen Patienten geht es nur zwei bis drei Tage nach dem Eingriff sehr viel besser als vorher.“
Für die Operation ist lediglich ein kleiner, wenige Zentimeter langer Schnitt notwendig. Durch diesen Schnitt wird mithilfe der sogenannten Schlüssellochchirurgie der ausgetretene Gallertkern der Bandscheibe, der auf den Ischiasnerv drückt, entfernt. War der Bandscheibenvorfall bereits stärker fortgeschritten und hat er zu einer Lockerung der Wirbel geführt, muss das gesamte Gewebe zwischen den Wirbeln beseitigt werden. Dann werden die Wirbel miteinander verschraubt, um wieder Stabilität zu erreichen. Hiertz: „Die Schrauben brauchen nie ausgetauscht werden, sie können lebenslang in den Wirbeln bleiben.“ Auch nach einer solchen Operation sind die meisten Patienten rasch wieder beschwerdefrei.
Bei den seltenen, sehr schweren Bandscheibenvorfällen drückt die Bandscheibe nicht nur auf den Ischiasnerv, sondern auf alle Nerven im Wirbelkanal, die die Beinmuskulatur steuern, sowie auf jene, die für die Schließmuskeln von Blase und Darm zuständig sind. Das lähmt die unteren Extremitäten, und darüber hinaus lassen sich die Ausscheidungen nicht mehr kontrollieren: Harn- und Stuhlinkontinenz treten auf. Ist das der Fall, sollte laut Neurochirurg Hiertz sofort operiert werden. Denn: „Bleiben die Nerven, die für die Schließmuskeln von Darm und Blase zuständig sind, länger inaktiv, sterben sie ab, das heißt, man kann die Entleerung nie mehr kontrollieren und ist lebenslang auf Katheter angewiesen.“ Auch Lähmungserscheinungen in den Beinen können ohne eine rasch erfolgende Operation bestehen bleiben.

Mit Training vorbeugen

Lassen sich die quälenden Ischiasschmerzen verhindern? Besonders Menschen, die ein erhöhtes Risiko für die Pein im Bein haben, rät Hiertz beizeiten mit einem Training zu beginnen, das die Rückenmuskulatur stärkt: „Kräftige Muskeln stützen die Wirbelsäule. So kommt es weniger leicht zu Wirbelproblemen, die zum Beispiel über einen Bandscheibenvorfall zu Ischialgie führen“, erklärt Hiertz den tieferen Sinn des Trainings. Wer ein erhöhtes Risiko hat? Menschen in Berufen, in denen schweres Heben an der Tagesordnung steht, und Männer und Frauen, bei denen viele Kilos auf die Wirbelsäule drücken, also Übergewichtige und Großwüchsige.

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Ischias oder Hexenschuss?

Ähnlich wie der Ischias tritt auch der Schmerz beim sogenannten Hexenschuss plötzlich und heftig auf und fühlt sich reißend oder ziehend an. Nur beschränkt sich der Hexenschussschmerz meist auf den unteren Rücken und strahlt höchstens diffus in die Beine und Füße aus. Ausgelöst wird er meist durch eine Fehlstellung der Wirbelgelenke und durch muskuläre Verspannungen. Auch gegen den Hexenschuss helfen Schmerzmittel, Kälteanwendungen und, sobald die Schmerzen abgeklungen sind, Bewegung. Lassen die Beschwerden nach ein bis zwei Tagen nicht nach, sollte man zum Arzt gehen.

Stand 03/2015

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