Rückenschmerz und Seelenpein

Februar 2012 | Medizin & Trends

Wenn die Seele den Rücken quält
 
Beschwerden an der Wirbelsäule und Erkrankungen der Psyche – zwei große Gesundheitsprobleme in Österreich mit stark steigender Tendenz. Ob ein direkter Zusammenhang zwischen dem Anstieg bei der einen und dem Anstieg bei der anderen Volkskrankheit besteht, ist bislang nicht erwiesen. Denn die Wechselwirkung zwischen Rückenschmerz und Seelenpein rückt erst in jüngster Zeit verstärkt ins Blickfeld der Medizin. Doch eines ist jetzt schon sicher: Probleme mit der Wirbelsäule und seelische Leiden gehen weitaus häufiger Hand in Hand, als bisher vermutet. In MEDIZIN populär informieren Experten, was genau passiert, wenn die Seele den Rücken quält.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer & Mag. Karin Kirschbichler

An sich ist Lorenz G. immer gern zur Arbeit gegangen: Sein verantwortungsvoller Job bei einer Versicherung bereitete ihm Freude, er war ein hochgeschätzter Kollege und Mitarbeiter. Doch seit einem halben Jahr weht aus der Chefetage ein rauer Wind: Nicht nur mit Anerkennung, auch bei den Gehältern wird gespart, zusätzlich verhält sich sein engster Mitarbeiter – offenbar selbst unter Druck – zunehmend unkollegial. Als würde das nicht genügen, plagen Herrn G. seit einigen Wochen arge Rückenschmerzen, er schläft schlecht und fühlt sich zunehmend deprimiert. – Das Zusammenspiel ist möglicherweise kein Zufall: Schließlich gelten Belastungen am Arbeitsplatz als wichtiger psychischer Risikofaktor für Rückenprobleme, berichtet Prim. Univ. Prof. Dr. Martin Friedrich, Leiter der Abteilung für Orthopädische Schmerztherapie am Orthopädischen Spital Wien Speising. „Speziell bei chronischen Rückenschmerzen muss man die aktuelle Lebenssituation und insbesondere berufliche Probleme in Betracht ziehen. Wenn jemand beispielsweise am Arbeitsplatz keine Anerkennung bekommt oder mit Mobbing konfrontiert ist, ist dies ein Risikofaktor für Beschwerden mit der Wirbelsäule.“

Ein Schmerz und eine Seele

Der Umstand, dass psychische Belastungen gleichsam auf den Rücken drücken können, wurde lange Zeit unterschätzt – und rückt nun verstärkt ins Blickfeld der Medizin. Wie problemanfällig Rücken und Seele sind, zeigen aktuelle Zahlen: Laut Statistik Austria leidet etwa ein Drittel aller Österreicher ab 15 Jahren – insgesamt rund 2,3 Millionen Menschen – unter Wirbelsäulenbeschwerden. Zudem sind immer mehr Menschen in unserem Land von einer psychischen Erkrankung betroffen: Der Analyse des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungen zufolge sind es bereits rund 900.000. Ob ein direkter Zusammenhang zwischen dem Anstieg bei der einen und dem Anstieg bei der anderen Volkskrankheit besteht, ist bislang nicht erwiesen. Feststeht aber: Probleme mit der Wirbelsäule und psychische Erkrankungen gehen öfter Hand in Hand, als bisher vermutet.

Geknickt, bedrückt, gebückt

Ob Leistungsdruck schwer auf den Schultern lastet, ob man wegen des miesen Arbeitsklimas den Kopf hängen lässt oder nach einem Jobverlust völlig geknickt ist – psychosoziale Belastungen drücken sich auch in der Körperhaltung aus. „Sehr häufig ist es so, dass man durch eine Fehlhaltung – sei es eine körperliche oder emotionale Fehlhaltung – in ein ungünstiges Muster kommt“, verdeutlicht der Schmerzmediziner Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Bach, Chefarzt der Fachklinik für Psychosomatik Medical Park Chiemseeblick im deutschen Bernau-Felden. „Wenn sich jemand als Versager fühlt und deshalb in Gegenwart des Chefs jedes Mal eine verkrampfte Körperhaltung einnimmt, führt die emotionale zur körperlichen Fehlhaltung.“ Die Konsequenzen verdeutlicht Martin Friedrich: „Wenn man den Kopf vornüber hängen lässt, verursacht das sehr bald Schmerzen im Nackenschultergürtel. Auch wenn man zuviel Last auf den Schultern trägt oder buchstäblich halsstarrig ist, führt das zu Verspannungen und verursacht letztendlich Schmerzen.“ Besonders schmerzanfällig sind der Nacken- und der Lendenwirbelbereich, also das Kreuz. „Hier kommt es – zum Beispiel als erste Reaktion auf Angst – häufig zu schmerzhaften Verspannungen. Die dadurch verminderte Durchblutung verursacht zusätzlich Schmerzen“, berichtet Friedrich.

Wirbelsäule als „Krisenregion“

Schon aus anatomischer Sicht ist die Wirbelsäule der „ideale Austragungsort“ für psychische Spannungen, eine „Krisenregion“, in der sich negative Emotionen wie Kummer, Ängste, Sorgen „gern“ niederschlagen. „Die Wirbelsäule ist ein zentrales Achsenorgan und insbesondere über die vegetativen Nerven mit den inneren Organen verbunden“, erklärt Friedrich. Das vegetative Nervensystem wiederum steuert nicht nur Körperfunktionen wie Atmung, Verdauung, Stoffwechsel, es gilt auch als „anatomische Verbindung“ zwischen Psyche und Schmerz: Störungen im vegetativen Nervensystem wiederum gelten als Ursache für psychosomatische Schmerzen wie eben Rückenbeschwerden. Mögliche Auslöser für diese Störungen: beruflicher Druck, Beziehungsstress, belastende Ereignisse in der Vergangenheit.
So können schmerzhafte Kindheitserlebnisse die buchstäblich bedrückende Ursache für Rückenschmerzen sein. „Alle Vorfälle aus dem Kindes- und Jugendalter, die traumatisierend sind – beispielsweise Schläge oder sexueller Missbrauch – zählen dazu“, verdeutlicht der Orthopäde Friedrich. Mögliche Folgen? „Es kann sein, dass aufgrund des Traumas ein aktuelles körperliches Problem schlecht bewältigt wird – und es deshalb zu Schmerzen kommt“, so der Arzt. Das heißt: Wurde das kindliche Rückgrat durch schlimme Erlebnisse gleichsam niedergedrückt, beeinträchtigt dies später auch die Art und Weise, wie Probleme wie z. B. Schmerzen bewältigt werden.

Angsthasen & Schwarzmaler leiden mehr

Ob mit oder ohne schwierige Kindheit: „Häufig sind Rückenschmerzpatienten mittleren Alters und stehen unter vermehrter physischer Belastung, sei es, weil sie schwer arbeiten oder lange vor dem Computer sitzen“, weiß Friedrich. Aus psychischer Sicht haben ängstliche, depressive oder pessimistische Personen ein erhöhtes Risiko für Probleme mit der Wirbelsäule. Der Grund? „Wenn jemand sehr ängstlich oder depressiv ist, verändert sich die Schmerzwahrnehmung“, erklärt Michael Bach. Beispielsweise empfinden Menschen, die große Angst vorm Zahnarzt haben, das Bohren als viel schmerzhafter als jene, die der Behandlung gelassen entgegensehen. Schließlich ist das „Schlüsselgefühl“ rund um den Schmerz die Angst: Sie kann Schmerzen auslösen, verstärken und zu einem ungünstigen Schonungsverhalten führen, das den Teufelskreislauf „Schmerz und Seelenpein“ verstärkt.
Obwohl psychische Probleme längst nicht immer Auslöser für die Schmerzen sind, besteht in vielen Fällen eine Wechselwirkung: „Ungefähr 50 Prozent aller chronischen Schmerzpatienten sind außerdem von einer psychiatrischen Erkrankung, hauptsächlich einer Depression oder Angststörung, betroffen. Umgekehrt haben ungefähr 50 Prozent aller depressiven Patienten auch Schmerzen“, berichtet Bach. Was zuerst da war – der Schmerz oder die Depression? „Aus bisherigen Studien lässt sich schließen, dass bei rund der Hälfte der Patienten erst die Depression und dann der Schmerz kommt, bei der anderen Hälfte ist es umgekehrt“, berichtet der Schmerzmediziner.

Schmerz als Notbremse von Körper und Seele

Die Psyche spielt freilich auch eine Rolle, wenn es um die Vorbeugung bzw. Behandlung von Schmerzen geht: „Eine positive Haltung dem Leben gegenüber ist eine gute Maßnahme zur Schmerzabwehr“, sagt Michael Bach. „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass man mit positiven Bildern und guten Vorsätzen Schmerzen sehr gut beeinflussen und einer Chronifizierung entgegenwirken kann“, sagt Friedrich.
Auch in der Therapie – insbesondere von chronischen Rückenschmerzen – wird der psychische Aspekt verstärkt berücksichtigt. „Im Rahmen einer psychologischen Behandlung lernen die Patienten mit den Schmerzen besser fertig zu werden“, berichtet Experte Friedrich. Eine Psychotherapie könne aber auch bei der oft schwierigen Suche nach der Schmerzursache unterstützen. „In bis zu 85 Prozent aller Fälle findet man keine eindeutige organische Ursache, oder die Ursachen liegen auf verschiedenen Ebenen“ erläutert Bach. „Dann muss man auf all den Ebenen, auf denen man Auffälligkeiten findet, Maßnahmen setzen.“ Das sogenannte multimodale Therapiekonzept beinhaltet körperliches Training, Psychotherapie, Medikamente, Akupunktur, Wärmebehandlungen, Massagen. „Jede Maßnahme für sich alleine ist zu wenig, es braucht das Zusammenwirken mehrerer Faktoren“, so der Schmerzmediziner.
Was auch immer auf den Rücken drückt – womöglich zieht der Körper mit den Schmerzen eine Art Notbremse: Sie fordern uns dazu auf, die eigene Haltung – körperlich wie emotional – zu überprüfen, uns zu entspannen, das Körperbewusstsein zu schärfen. „Es gilt, auf den eigenen Körper zu hören, sich wieder auf allen Ebenen – körperlich, emotional, kognitiv, zwischenmenschlich – zu spüren und damit Schmerzen besser entgegenzusteuern“, betont Bach.

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Heilmittel für Rücken UND Seele:
Bewegung wirkt doppelt

„Die beste Prophylaxe für Rückenschmerz ist Bewegung“, betont der Wiener Orthopäde Prim. Univ. Prof. Dr. Martin Friedrich. Sie kräftigt nicht nur die Wirbelsäule, sondern wirkt sich nachweislich günstig auf die Psyche aus. Eine tragende Rolle spielt dabei die Ausschüttung des Botenstoffs Serotonin, der auch an der Schmerzverarbeitung beteiligt ist. Nicht nur Menschen mit sitzender Berufstätigkeit sollten auf aktive Vorbeugung setzen. „Bei schwer arbeitenden Menschen geht es darum, mit Sport den Bewegungsapparat zu lockern“, sagt Friedrich. Körperliches Training ist auch in der Rückenschmerz-Therapie das Mittel der Wahl.

Nachbarn im Gehirn:
Schmerzen und Gefühle

Bei der Schmerzverarbeitung wird der enge Zusammenhang zwischen Schmerzen und Gefühlen besonders deutlich: „Jedes Mal, wenn wir Schmerzen verspüren, wird im Gehirn ein neuronales Netzwerk aktiviert“, erklärt der Schmerzmediziner Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Bach. Das bedeutet: Schmerz wird in mehreren Zentren gleichzeitig verarbeitet. „Die Hirnrinde etwa ist für den körperlichen Aspekt des Schmerzes verantwortlich, dafür, wo und wie stark es wehtut“, sagt der Experte. „Das limbische Zentrum wiederum ist für den emotionalen Aspekt verantwortlich, zugleich werden hier auch alle anderen Emotionen verarbeitet – Wut, Angst, Traurigkeit.“ Schmerz- und Emotionsverarbeitung stehen demnach in enger räumlicher Verbindung. „Damit subjektiv Schmerz entsteht, müssen die Schmerzverarbeitungszentren ständig in Wechselwirkung treten“, verdeutlicht Bach. „Schmerzen entstehen also nicht an der Stelle, wo’s wehtut, sondern im Gehirn.“

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Kinder unter Druck

40 Prozent der Elf- bis 14-Jährigen haben Rückenschmerzen

Von Mag. Sabine Stehrer

Internationalen Studien zufolge leiden bereits 40 Prozent der Elf- bis 14-Jährigen an Rückenschmerzen – eine alarmierende Zahl, die laut Dr. Renata Pospischill, Fachärztin an der Abteilung für Kinder- und Jugendorthopädie am Orthopädischen Spital Wien Speising, auch für Österreich gilt.  
So wie bei Erwachsenen schlagen sich auch in jungen Jahren immer öfter psychische Belastungen auf den Rücken. „Der Druck, der auf die Kinder und Jugendlichen von heute ausgeübt wird, ist viel größer als früher, sie sollen sehr früh schon sehr viel in der Schule und auch in der Freizeit leisten, damit später etwas aus ihnen wird“, so Pospischill. Halten sie dem Druck nicht stand, entwickeln viele eine depressive Verstimmung und oftmals gleichzeitig Rückenschmerzen, für die es außer einer verspannten Muskulatur keine organischen Ursachen gibt. Pospischill: „Von den Verspannungen betroffen sind in den meisten Fällen der Nacken- und Lendenwirbelbereich.“ – Bereiche, in denen sich psychische Belastungen besonders häufig niederschlagen.
Neben den seelischen können auch soziale Faktoren auf den Kinderrücken drücken. „Ein geringes Einkommen der Eltern ist ein Risikofaktor für Rückenschmerzen beim Nachwuchs“, weiß die Expertin. „In Familien, wo wenig Geld vorhanden ist, neigen die Kinder aufgrund einer ungünstigen Ernährung eher zu Übergewicht  und haben weniger Möglichkeiten, Sport zu betreiben.“
Bewegungsmangel, Übergewicht, niedriger Sozialstatus und zunehmender psychischer Leistungsdruck sind auch für Univ. Prof. Dr. Stefan Nehrer die Ursachen für Rückenschmerzen bei Kindern und Jugendlichen: „Oft erzeugt schon der seelische Druck allein Rückenschmerzen“, sagt der Spezialist für Kinderorthopädie am Landesklinikum Krems. Das zeigten u. a. die Ergebnisse der Gesundheits- und Fitnessstudie „Getfitkid“, die vom Land Niederösterreich initiiert wurde und für die zwei Jahre lang bis 2010 1890 Schülerinnen und Schüler im Alter von neun bis 22 Jahren befragt und untersucht wurden.

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