Wenn die Blase schwächelt

März 2011 | Medizin & Trends

Woran es liegt und was hilft
 
Ungewollter Harnverlust ist ein häufiges Problem der reiferen Jahre. Die wenigsten sprechen darüber, die meisten leiden still – bedauerlicherweise, denn mittlerweile existiert eine Vielzahl wirksamer Behandlungsmethoden. Lesen Sie, woran es krankt, wenn die Blase schwächelt – und wie man das wichtige Speicherorgan stärken kann.
 
Von Mag. Helga Schimmer

Harninkontinenz – der unwillkürliche Verlust von Urin in einem ungeeigneten Augenblick – macht vielen Menschen das Leben schwer. Wie viele es genau sind, lässt sich nur schwer schätzen, denn aus Scham sucht nur ein Teil der Betroffenen ärztliche Hilfe. Mediziner gehen davon aus, dass jede vierte Frau und jeder zehnte Mann im Laufe des Lebens mit ungewolltem Harnverlust konfrontiert wird, wobei die Erkrankungshäufigkeit mit zunehmendem Alter steigt.
„In fortgeschrittenen Jahren steht besonders die Dranginkontinenz im Vordergrund“, sagt Prim. Priv. Doz. Dr. Walter Albrecht, Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Vorstand der Urologischen Abteilung am Landesklinikum Mistelbach. Unter Dranginkontinenz versteht man einen plötzlich auftretenden, starken Harndrang, der nicht beherrschbar ist und mit unwillkürlichem Urinabgang einhergeht. „Bei Frauen ist außerdem eine mit dem Alter zunehmende Belastungsinkontinenz zu beobachten“, ergänzt OA Dr. Franz Dietersdorfer, Leiter der Ambulanz für Urodynamik und Neurourologie am Landesklinikum Mistelbach. Bei dieser Form der Blasenschwäche führt eine Druckerhöhung im Bauchraum, wie sie etwa beim Lachen, Husten, Niesen oder Heben von Lasten auftritt, zu unkontrolliertem Harnverlust.

Vielfältige Ursachen

Die Dranginkontinenz entsteht durch eine Überaktivität oder Überempfindlichkeit der Harnblase. Mögliche Ursachen reichen von normaler altersbedingter Abnützung der an der Blasenfunktion beteiligten Muskeln und Nerven über entzündliche Vorgänge bis hin zu psychischen Faktoren, die zu einer Reizblase führen. Albrecht: „Bei Männern kommt oft eine Vergrößerung der Prostata hinzu, die den Harnabfluss behindert.“ Bei Frauen wiederum kann ein Mangel an Östrogenen die Schleimhaut in der Harnröhre verändern.
Demgegenüber liegt der Belastungsinkontinenz in erster Linie eine Schwäche des Blasenschließmuskels und des Beckenbodens zugrunde. „Bei Frauen beginnen die Beschwerden meist schon in mittleren Jahren etwa als Folge von Geburten, während eine Belastungsinkontinenz bei Männern praktisch nur nach Radikaloperationen im kleinen Becken auftritt, beispielsweise nach einer Prostataentfernung“, erläutert Dietersdorfer. Bei Frauen in den Wechseljahren begünstigt die nachlassende Östrogenproduktion eine Mischinkontinenz: Symptome der Belastungs- und der Dranginkontinenz treten dann gepaart auf.
„Bestimmte Medikamente gegen Bluthochdruck, Schmerzen und psychische Erkrankungen können die Symptome verstärken“, so Dietersdorfer. Auch verschiedene Erkrankungen – z. B. Diabetes, Multiple Sklerose, Morbus Parkinson – können Blasenprobleme hervorrufen und verschlimmern. „Dass diese Krankheiten optimal therapiert werden, ist also auch für eine klaglos funktionierende Blase wichtig“, betont der Urologe. Überdies können wiederkehrende Entzündungen von Blase oder Prostata Inkontinenz auslösen und ein bestehendes Inkontinenzproblem vergrößern.
Mitunter kommt es zu einer Entleerungsstörung, die zu einer sogenannten Überlaufblase führt. Dabei bleibt die Harnblase ständig übervoll, und der Urin staut sich oft bis in die Harnleiter und die Nieren zurück – eine ernste Gefahr, die einen Funktionsverlust der Nieren (Insuffizienz) bis hin zur Harnvergiftung (Urämie) zur Folge haben kann. „Bei der Überlaufinkontinenz hilft nur ein operativer Eingriff“, sagt Albrecht.

Kunststoffband und Biofeedback

Zur Behandlung der verschiedenen Formen der Inkontinenz schickt der Leiter der Urologischen Abteilung voraus: „An erster Stelle steht die Beseitigung der Ursachen.“ Etwa muss vor einer gezielten Therapie geklärt werden, ob die Blase womöglich entzündet ist, ob bei Frauen ein Östrogenmangel vorliegt und eine Hormonersatztherapie in Frage kommt, oder ob Blasensteine, ein Tumor oder eine vergrößerte Prostata den Harnabfluss beeinträchtigen.
Doch in vielen Fällen vor allem der altersbedingten Blasenschwäche sind die auslösenden Faktoren nicht eindeutig festzumachen. So kommen bei der Dranginkontinenz häufig spezielle Medikamente (Anticholinergika) zum Einsatz, die den Harndrang reduzieren und damit die Symptome lindern. „Begleitend kann man mit einem Toiletten- und Blasentraining den optimalen Zeitpunkt für die Blasenentleerung ermitteln und die Haltefunktionen der Blase verbessern“, rät Dietersdorfer. Zusätzlich können Beckenbodentraining, Biofeedback und Elektro-Stimulationen im Rahmen einer physikalischen Therapie Abhilfe schaffen.

Für Frauen mit Belastungsinkontinenz verspricht eine operative Korrektur (TVT-Verfahren) in rund 85 Prozent der Fälle Erfolg: Dabei wird ein Kunststoffband um die mittlere Harnröhre gelegt und befestigt. Das Band unterstützt die Harnröhre fest genug, um einen unwillkürlichen Urinabgang beim Husten oder bei körperlicher Belastung zu verhindern.
Ist eine ursächliche Behandlung der Inkontinenz nicht möglich oder bleiben die Beschwerden trotz verschiedener Therapiemaßnahmen bestehen, stellt der Markt eine breite Palette von Hilfsmitteln zur Verfügung: Mit hochsaugfähigen Wäscheeinlagen, individuell angepassten Pessaren, Tropfenfängern oder Kondomurinalen kann die Lebensqualität verbessert und der Alltag gemeistert werden. Ein Dauerkatheter zur Behandlung einer Inkontinenz sollte heute jedenfalls nicht mehr angewandt werden, bekräftigen beide Urologen unisono.

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Notfallübung für Bewegliche

Bisweilen meldet sich ein Harndrang überfallsartig in unpassender Situation. Egal ob Sie sitzen oder stehen, Sie können den Drang unbemerkt und rasch lindern, indem Sie den Oberkörper aus der Hüfte heraus weit nach vorne und nach unten beugen. Binden Sie dabei etwa die Schuhbänder neu oder ziehen Sie die Socken hinauf. Durch die vornübergebeugte Haltung ändern sich die Druckverhältnisse im Bauchraum, der Harndrang lässt nach.

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Tipps zur Vorbeugung: So stärken Sie Ihre Blase

  • Körperliche Fitness ist der beste Schutz vor unfreiwilligem Harnabgang. Bewegen Sie sich deshalb regelmäßig und specken Sie überflüssige Kilos ab.
  • Falls Sie bereits an Blasenschwäche leiden, bevorzugen Sie Walken, Schwimmen, Radfahren und Gymnastik. Ungünstig bei Harninkontinenz sind Sportarten, die mit Sprung- und Aufprallbewegungen sowie vielen Starts und Stopps verbunden sind. Dazu zählen etwa Tennis, Squash oder Joggen.
  • Trainieren Sie die Muskulatur Ihres Beckenbodens täglich. Einige der kräftigenden Übungen sind so einfach und unauffällig durchzuführen, dass Sie sich leicht mit alltäglichen Tätigkeiten wie Zähneputzen, Autofahren oder Computerarbeit kombinieren lassen.
  • Auch sexuelle Aktivität und eine gesunde, ausgewogene Ernährung wirken sich positiv auf den Beckenboden aus. Alle Einflüsse, die die Nerven- und Muskelfunktion des Blasenapparates schädigen, sollten Sie jedoch vermeiden. Konkret heißt das, auf Zigaretten sowie übermäßigen Alkoholkonsum zu verzichten und den Genuss von Kaffee und koffeinhältigem Tee einzuschränken.
  • Nehmen Sie die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen beim Gynäkologen bzw. Urologen wahr und wenden Sie sich schon bei den ersten Anzeichen von unfreiwilligem Harnverlust an Ihren Arzt.
  • Darüber hinaus kann das gezielte Erlernen bestimmter Beckenbodenübungen in einer Physiotherapie sinnvoll sein.

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