Kleine Köpfe, großer Schmerz

Juni 2012 | Medizin & Trends

Immer mehr Kinder leiden an Kopfweh
 
15 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren leiden regelmäßig an Kopfschmerzen – das sind so viele wie nie zuvor, und es werden immer mehr. Lesen Sie, was den Mädchen und Buben von heute Kopfzerbrechen bereitet und wie ihnen geholfen werden kann.
 
Von Mag. Helga Schimmer

Spannungskopfweh und Migräne – das bereitet auch kleinen Köpfen immer öfter große Schmerzen. In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Anzahl der Kinder, die immer wieder von Kopfschmerzen geplagt werden, verdreifacht. Doch Kinder sind nicht einfach kleine Erwachsene, die lediglich die halbe Dosis an Schmerzmedikamenten oder die Hälfte der ärztlichen Aufmerksamkeit benötigen. Im Gegenteil, wie Univ. Prof. Dr. Çiçek Wöber-Bingöl, Gründerin und Leiterin der Kopfschmerzambulanz für Kinder- und Jugendliche am AKH Wien, verdeutlicht: „Wenn Mediziner ein Kind mit Kopfschmerzen behandeln, haben sie es nicht nur mit einem Patienten  zu tun, sondern mit drei – dem Kind selbst und seinen Eltern mit all ihren Sorgen, Zweifeln und Ängsten. Wir müssen uns der gesamten Familie widmen.“

Gewitter im Gehirn

Schon Fünfjährige können an Migräne erkranken. Die Schmerzattacken verlaufen bei ihnen jedoch anders als bei Erwachsenen und sind deshalb für Eltern schwerer zu erkennen. „Bei Kleinkindern, die ihre Beschwerden noch nicht artikulieren können, zeigen sich Kopfschmerzen oft dadurch, dass das Kind plötzlich zu spielen aufhört und sich hinlegt“, sagt Wöber-Bingöl. Auffallende Blässe, dunkle Ringe unter den Augen und vorübergehende Weinerlichkeit können ebenfalls Hinweise auf einen Migräne-Anfall sein.
Bei den jungen Patienten dauern die Attacken kürzer an, meist nur wenige Stunden oder bisweilen sogar unter 60 Minuten. Der Schmerz konzentriert sich oft auch nicht nur auf eine Schädelseite, sondern wird häufiger beidseitig im Stirnbereich empfunden. Viele Kids klagen insbesondere über Übelkeit, Bauchschmerzen und Appetitlosigkeit oder haben kurze Schwindelanfälle, während sogenannte Aurasymptome bei ihnen selten auftreten: Das Wahrnehmen von Lichtblitzen, Gesichtsfeldausfälle, Sprachstörungen, Kribbeln oder Taubheitsgefühl sind typische Begleiterscheinungen der Erwachsenen-Migräne. Allerdings kommt es bei Kindern gelegentlich zum „Alice im Wunderland-Syndrom“: Die Betreffenden nehmen dann die Umgebung oder sich selbst als zu groß oder zu klein wahr.
Der Spuk hält meist nicht lange an, wenn die Eltern für Reizabschirmung sorgen bzw. eine beruhigende Atmosphäre schaffen. Lindernd wirkt auch das Auflegen von kühlenden Tüchern auf die Stirn. „Schläft das Kind während der Migräne-Attacke ein, so wacht es oft beschwerdefrei wieder auf“, weiß Wöber-Bingöl, die dringend davon abrät, dem kleinen Schützling das eigene Migräne-Medikament zu verabreichen. „Für Kinder stehen schmerzstillende Säfte mit den Wirkstoffen Paracetamol oder Ibuprofen zur Verfügung. Für Jugendliche sind auch Nasensprays mit einem Triptan zugelassen“, erläutert die Neurologin.
Wichtig ist der richtige Umgang mit den Präparaten: Um die Gefahr einer Medikamentenabhängigkeit gering zu halten, sollten speziell bei Kindern im Volksschulalter Schmerzmittel nur dann eingesetzt werden, wenn alles andere versagt hat. Entscheidet man sich für die Medikamentengabe, ist es klug, sich an die verordnete Dosierung zu halten, denn „gibt eine Mutter beispielsweise nur die halbe Menge, dauern die Beschwerden länger an“, wie Wöber-Bingöl warnt.

Ärztliche Abklärung

Leidet ein Kind immer wieder an Kopfschmerzen, empfiehlt es sich, zunächst den Hausarzt zu konsultieren. Er schließt mögliche organische Ursachen wie etwa grippale Infekte, Entzündungen der Nasennebenhöhlen oder Schädelprellungen aus. Gegebenenfalls muss man mit dem Sprössling zum Augenarzt, da sich hinter den Kopfschmerzen auch eine nicht korrigierte Fehlsichtigkeit verbergen könnte. In sehr seltenen Fällen kann Kopfschmerz das erste Anzeichen einer schweren Erkrankung, z. B. einer Hirnhautentzündung oder eines Hirntumors, sein. „Zur genauen Abklärung wiederkehrender Kopfschmerzen ist die Magnetresonanztomographie die Untersuchungsmethode der Wahl“, sagt die Expertin.
Umgehend zum Arzt sollte man, wenn heftige Kopfschmerzen nachts – aus dem Schlaf heraus – auftreten, das Kind hohes Fieber hat, stark erbricht oder benommen wirkt. Auch Krampfanfälle, Lähmungserscheinungen, Sprach- und Sehstörungen erfordern rasche medizinische Hilfe.

Ständig unter Strom

Die genaue Ursache von Migräne und Spannungskopfschmerz hat die Wissenschaft noch nicht erforscht. Sehr wohl aber kennen die Mediziner auslösende Faktoren, die zum Auftreten einer Kopfschmerz-Attacke beitragen. Betroffene führen zwar immer wieder die Wetterfühligkeit ins Treffen, wobei aber jene Auslöser, die man selbst verändern kann, leicht übersehen werden. Hierzu zählen Veränderungen im Schlaf-Wach-Rhythmus (ein Kind oder Jugendlicher schläft zu kurz oder zu lang), die verzögerte Einnahme bzw. das Auslassen von Mahlzeiten und eine zu geringe Flüssigkeitszufuhr oder falsche Getränkeauswahl. „Ich habe viele Kinder behandelt, bei denen sich durch den übermäßigen Konsum von koffeinhaltigem Eistee eine chronische Migräne entwickelt hat“, berichtet Wöber-Bingöl.
Auch ist die Kinderseele heute stärkeren Belastungen ausgesetzt. Stress in der Schule, Konflikte in der Familie, nagende Zukunfts- und Versagensängste – der Traum von der unbeschwerten Kindheit gehört längst der Vergangenheit an. Spätestens seit der Einführung der PISA-Studien samt dem kontinuierlich mäßigen Abschneiden heimischer Schüler weisen Pädagogen und Bildungsexperten gerne darauf hin, dass Kinder gar nicht früh genug mit dem Lernen beginnen könnten. Dementsprechend hoch ist der Leistungsdruck, dem schon die unter Zehnjährigen ausgesetzt sind: Für viele ist nach fünf bis sechs Stunden Unterricht und Erledigung der Hausaufgaben der Arbeitstag noch lange nicht zu Ende. Sie haben zusätzlich Förderkurse, Nachhilfe-Lektionen, Musikschul-Übungsstunden und Sportclub-Trainingseinheiten zu absolvieren. Etliche sind damit heillos überfordert und entwickeln entsprechende Belastungssymptome.
Çiçek Wöber-Bingöl: „Gerade von Kopfschmerzen geplagte Kinder und Jugendliche haben den Ehrgeiz und Perfektionismus oft verinnerlicht. Sie wollen die Besten sein und legen sich die Latte immer höher.“ Die Neurologin und ihr Ambulanzteam klären die jungen Patienten und ihre Eltern über die Zusammenhänge auf und versuchen, den richtigen Umgang mit Stressoren zu vermitteln. „Wir setzen auf Ablenkung und Entspannung. Etwa haben wir mit Biofeedback sehr gute Erfolge erzielt. In einer Studie mit jugendlichen Migränepatienten konnten wir zeigen, dass durch die Anwendung dieser effektiven Entspannungstechnik die Anzahl der Attacken um bis zu 70 Prozent zurückging.“
Außerdem zur Prophylaxe von kindlichem Kopfschmerz geeignet sind Progressive Muskelentspannung, Yoga und Akupunktur. Die einfachste und billigste Methode aber heißt Muße: Zeit zum Spielen und Trödeln ist keineswegs vergeudete Zeit, sondern vielmehr das Fundament der Entwicklung eines gesunden Körpers und einer heilen Seele.

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Tipps für Kids

Schlafen
Damit deine Nacht erholsam wird, schalte mindestens 30 Minuten vor dem Einschlafen Fernseher, Computer, Spielkonsole und Handy aus.

Aufwachen
Wenn du öfters an Migräne-Anfällen leidest, lass deinen Wecker früher läuten. Dein Gehirn braucht rund 40 Minuten, um sich auf den neuen Tag einzustellen.

Essen und trinken
Achte auf regelmäßige Mahlzeiten und ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Verzichte allerdings auf koffeinhaltige Getränke (z. B. Eistee, Energy Drinks).

Bewegen
Tobe dich in deinen Lernpausen möglichst im Freien aus. So lockerst du Nacken- und Schulterverspannungen und verhinderst wiederum Spannungskopfschmerzen.

Relaxen
Entspannungstechniken wie Progressive Muskelrelaxation oder Biofeedback können die Anzahl deiner Kopfschmerz-Attacken deutlich reduzieren.

Reden
Dicht gedrängte Schulstunden, Stress mit den Hausübungen, Kurse am Nachmittag – wenn du das Gefühl hast, es wird dir alles zu viel, sprich mit deinen Eltern. Vielleicht lässt sich manches anders einteilen oder auf eine spätere Lebensphase vertagen.

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