Von Hallux bis Spreizfuß: Das hilft

Juni 2012 | Medizin & Trends

Was monatelang in dicken Schuhen verborgen blieb, kommt jetzt in Flipflops und Sandalen ans Licht: Fußprobleme. Ob Spreiz-, Platt-, Senk-, Knick- oder Hohlfuß: Bei jedem zweiten Österreicher zeigen sich Fehlstellungen, die nicht nur optisch stören, sondern auch schmerzhafte Begleiterscheinungen von Hallux bis Kniebeschwerden haben können. Die Wurzel des Übels liegt, wie man heute weiß, meist schon in der Kindheit. Als wesentliche Ursache für die Probleme galten lange Zeit falsche Schuhe. Inzwischen aber ist es zunehmend auch das Übergewicht, das auf die Füße drückt – auf die kleinen ebenso wie auf die großen. Endlich wieder gesunde Füße zum Herzeigen?
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Von Mag. Sabine Stehrer

Für Frauenfüße wird’s wieder ein harter Sommer: Keilsandaletten, Plateausandalen, Holzclogs, spitze Pumps und ähnliche „Folterwerkzeuge“ liegen weiterhin im Trend.
Wenn Schuhe dieser Art alle heiligen Zeiten einmal für einen starken Auftritt sorgen, werden die Füße das verzeihen. „Doch wer über Jahre täglich damit geht, riskiert, dass sich so eine Fußfehlstellung entwickelt, oder dass sich eine Verformung verschlimmert, die bereits seit der Kindheit besteht“, warnt Prim. Univ. Doz. Dr. Franz Landsiedl, Leiter der 1. Orthopädischen Abteilung am Orthopädischen Spital Speising in Wien.
Wie man heute weiß, wird der Grundstein für Fußfehlstellungen meistens schon in Kindertagen gelegt. Manchmal sogar noch bevor die Füße überhaupt in Schuhe gesteckt werden. So können z. B. Verformungen wie der Hallux valgus, eine schiefe große Zehe, oder der eher seltene Klumpfuß auch auf Vererbung zurückgehen. „Die häufigste Fußfehlstellung bei Kindern, die bereits gehen können, ist der Knick- und Senkfuß“, weiß Dr. Rudolf Ganger, Vizeleiter der Abteilung für Kinder- und Jugendorthopädie am Spital Speising. „Oft bildet sich diese Fehlstellung im Zuge des Wachstums bis zur Pubertät oder bis zum Erwachsenenalter von selbst zurück.“
 
Zu kleine Schuhe, zu viele Kilos

Oft – aber beileibe nicht immer. Denn der Prozess wird leider vielfach behindert. Das zeigen die Ergebnisse von Studien, die Dr. Christian Klein, Facharzt für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie in Mondsee, und Wissenschaftler der Universität Wien 2003 mit 858 Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren für das Forschungsprojekt „Kinderfüße – Kinderschuhe“ durchführten. Danach hatten 76 Prozent der Untersuchten bereits eine schiefe große Zehe – bei 14 Prozent war die Schieflage in Richtung der zweiten Zehe bereits sehr ausgeprägt. Rund 40 Prozent der Kinder wiesen einen Knick- und Senkfuß auf. 70 Prozent dieser Kinder trugen zu kurze Straßenschuhe, 90 Prozent zu kleine Hausschuhe – in manchen Fällen waren die Patschen sogar gleich um mehrere Nummern zu klein. „Ein Zusammenhang zwischen nicht passenden Schuhen und einer verzögerten Entwicklung des Fußgewölbes konnte ebenso nachgewiesen werden, wie der Zusammenhang zwischen zu kurzen Schuhen und dem Ausmaß der Großzehenfehlstellung“, sagt Klein. „Das beweist, dass Fußverformungen im Kindesalter durch unpassende Schuhe verstärkt und oft sogar erst erworben werden.“
Und noch eines hat das Forscherteam festgestellt: „Kinder mit Fußverformungen haben oft Übergewicht, und je höher das Gewicht, desto ausgeprägter ist meistens auch die Verformung.“ Die Erklärung für diesen Zusammenhang ist denkbar einfach: So wie den gesamten Bewegungsapparat überlasten die übermäßigen Kilos auch die Füße. Immerhin haben diese bei jedem Schritt das gesamte Körpergewicht abzufedern, beim Laufen gleich das Zwei- bis Dreifache davon (siehe „Was geht?“ weiter unten). Je schwerer das Kind, desto mehr werden die Füße in der Bewegung gleichermaßen nach unten, innen, außen und auseinandergedrückt – was die Entwicklung zu Spreiz-, Knick-, Senk- und Plattfuß begünstigt. Zwar sind diese häufigsten Fehlstellungen für sich genommen nicht schmerzhaft. Doch ist der Fuß einmal verformt, reibt er sich an bestimmten Stellen am Schuh. So können schon bei Kindern schmerzende Hühneraugen, eingewachsene Nägel, Sehnenentzündungen, Gelenkfehlstellungen und Druckstellen entstehen.

Fußdynamik und Gangschule

„Um Betroffenen zu helfen, reicht es meistens, die beiden Hauptursachen für die Fehlstellungen bzw. deren Verstärker zu beseitigen“, so Klein. Das heißt, den Kindern Schuhe zu besorgen, die groß genug für sie sind. Was einfach klingt, ist in Wahrheit kein leichtes Unterfangen, denn: „Die Kinder selber spüren nicht, ob der Schuh wo drückt, weil am kindlichen Fuß die Nerven für das Druckempfinden noch nicht voll entwickelt sind“, erklärt Klein. Sein Rat: Passende Kinderschuhe sind zwölf bis 17 Millimeter länger als die Füße und liegen um den Ballen und die Ferse herum gut an. Verformte Kinderfüße brauchen aber nicht nur die richtige Bekleidung, sondern oft auch eine Entlastung von zu viel Gewicht: „Hat ein betroffenes Kind Normalgewicht und trägt es gut passende Schuhe, kann sich zumindest ein noch leicht verformter kindlicher Fuß allein durch diese Maßnahmen regenerieren.“ Unterstützend hilft, daheim in Socken oder barfuß zu gehen – so erholt sich der Fuß eventuell schneller. Bei schwereren Fußverformungen rät Klein zu einer speziellen Fußgymnastik, die in einer Physiotherapie erlernt werden kann. Durch die konsequente Kräftigung bestimmter Muskeln können Ungleichgewichte ausgeglichen werden. Um die passenden Übungen zu finden, wird nach einer Ganganalyse (siehe „Wie Geht’s? – Was eine Ganganalyse zeigt“ unten) festgestellt, wie die Füße belastet werden und welche Fehlbelastungen durch eine Gangschulung korrigiert werden müssen.

Einlagen kein Allheilmittel

Einlagen, die noch bis vor 20 Jahren als Allheilmittel gegen Fußfehlstellungen bei Kindern und Jugendlichen galten, sehen Klein und auch Ganger nicht mehr als solches an. „Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte hat sich gezeigt, dass Einlagen, die im Kindes- und Jugendalter getragen werden, Fußfehlstellungen nicht korrigieren können“, sagt Ganger. Empfehlenswert seien sie aus heutiger Sicht nur noch dann, wenn durch die Stütze, die sie den Füßen an bestimmten Stellen bieten, Schmerzen gelindert werden, oder wenn das Gehen damit als angenehmer empfunden wird.
Stets eine Seltenheit waren Operationen von kindlichen Fußfehlstellungen, und sie sind es bis heute geblieben. Ausnahmen stellen Klump- und sehr stark ausgeprägte Knick- und Senkfüße dar.

Vom Knickfuß zu Knieschmerzen

Doch auch wenn die Fußfehlstellung nur gering ausgeprägt ist, gehört sie in ärztliche Hände. Eine jährliche Begutachtung bei einem Facharzt für Orthopädie ist das Mindeste, darin sind sich die Experten einig. Denn immerhin kann es dazu kommen, dass sich etwa parallel zum Knick- und Senkfuß X-Beine entwickeln, so Ganger. Manchmal entstehen aufgrund anderer Fehlstellungen auch O-Beine. Beides geht über kurz oder lang mit Kniebeschwerden einher oder auch mit Schmerzen in den Hüften, der Wirbelsäule oder im Schulterbereich. Sogar Auswirkungen von Fußfehlstellungen auf Kiefer und Zahnstellung wurden von manchen Experten bereits beobachtet. Eine mögliche – aber nicht wissenschaftlich erwiesene – Erklärung: Mit dem Gehen auf verformten Füßen verändert sich die Statik des gesamten Körpers, und es kommt auch weiter oben im Bewegungsapparat zu Veränderungen.

Frauenfüße, Männerfüße

Ob es nun am Auswachsen liegt, am konsequenten Tragen passender Schuhe, am Abbau von Übergewicht, an Gymnastik, Gangschule oder einem Bündel aus verschiedenen Faktoren: Bei den Erwachsenen liegt die Zahl jener, die von Fußproblemen betroffen sind, nicht mehr bei drei Viertel wie bei Kindern und Jugendlichen, sondern „nur noch“ bei etwa 50 Prozent. Dass Frauenfüße häufiger verformt sind als Männerfüße, hat mehrere Gründe. Zum einen ist der weiblichen Überhang in Sachen Spreizfuß & Co naturgegeben: „Frauenfüße verlieren leichter die Form als Männerfüße, weil sie weicher sind“, weist Landsiedl auf den Unterschied hin. Darüber hinaus setzen die Schwankungen im weiblichen Hormonhaushalt dem Bindegewebe auch an den Füßen zu. Besonders Schwangerschaften und die Wechseljahre machen ihnen zu schaffen. Vor allem aber ist es der weibliche Hang zu hohen, engen, unbequemen Schuhen, der für Fußprobleme in der Damenwelt verantwortlich ist. Was betroffenen Frauen- ebenso wie Männerfüßen den Rest gibt, ist schließlich Übergewicht: „Es verschlimmert die meist seit der Kindheit bestehenden Probleme, oder löst erst welche aus“, sagt Landsiedl.  

Rechtzeitige Behandlung ist um und auf

Landsiedl über das allergrößte Problem in der Therapie von Fußfehlstellungen im Erwachsenenalter: „Die Betroffenen nehmen ihre Fußprobleme leider oft als gegeben hin, weil sie meistens ja schon lange damit leben, und unternehmen viel zu lange nichts dagegen, auch wenn die Beschwerden immer belastender werden“, sagt der Experte. „Sie gehen viel zu spät zum Arzt, nämlich erst dann, wenn Hallux valgus, Hammerzehen, Gelenksentzündungen oder Druckstellen unerträglich geworden sind.“
So wie bei Kindern und Jugendlichen ruht auch die Therapie von Fußfehlstellungen bei Erwachsenen meist auf mehreren Säulen und ist umso erfolgversprechender, je früher man damit beginnt. Landsiedl: „Zu den wichtigsten Maßnahmen zählen gegebenenfalls der Abbau von Übergewicht und der Umstieg auf gesunde Schuhe. Gesund sind Schuhe dann, wenn sie groß genug, an der Ferse stabil, weich, vorne nicht zu eng sind und einen Absatz von maximal sechs Zentimeter Höhe haben.“
Auch eine spezielle Fußgymnastik bzw. Korrekturen beim Gang können wie bei Kindern und Jugendlichen auch noch in späteren Jahren hilfreich sein und die Probleme zumindest lindern, manchmal auch dauerhaft beseitigen. „Einlagen empfehle ich Erwachsenen nur dann, wenn durch das Tragen Schmerzen verschwinden oder die Einlagen als wohltuende Stütze empfunden werden“, sagt Landsiedl. Gehen auf Schuhen mit beweglichen Sohlen oder besonders dünnen Sohlen bis hin zum Gehen in sogenannten Barfußschuhen, die nur noch aus einer dünnen Hülle bestehen, kann ebenfalls gut tun oder bestenfalls sogar der Vorbeugung vor Fußfehlstellungen dienen. „Heilen oder auch nur verbessern kann man Fußfehlstellungen durch das Gehen in Barfußschuhen oder das Barfußgehen aber nicht, egal, ob im Erwachsenen- oder Kindesalter“, so Landsiedl.

Operation nur bei großem Leidensdruck

Ist der Leidensdruck groß, empfiehlt sich bei Erwachsenen eine Operation. Am häufigsten werden, so Landsiedl, der Hallux valgus und Hammerzehen operiert. Man begradigt sie mit verschiedenen Methoden, die sich nach der Art und dem Grad der Verkrümmung der Zehen richten. Auch die Behandlung von Druckstellen an der Fußsohle oder von Fersenspornen, die sich nicht selten aufgrund der permanenten Fehlbelastung der Füße bilden, ist eine Routineoperation in der Fußchirurgie. Landsiedl: „Durch diese Eingriffe, die nahezu immer erfolgreich verlaufen, kann man den Patienten den Gang durchs Leben wieder sehr viel leichter machen.“ Selten, aber doch werden noch bei Erwachsenen Knick- und Senkfüße operativ begradigt, noch seltener werden Platt- und Hohlfuß chirurgisch korrigiert.
Nur damit der Fuß in den sommerlichen Flip-Flops oder Sandalen besser aussieht oder wieder gut in trendy High-Heels und spitze Pumps passt, würde Landsiedl aber keine der genannten Eingriffe durchführen bzw. sie als Betroffener nicht auf sich nehmen. Denn jede Operation an Füßen zieht einen längeren, mehrwöchigen, manchmal mehrmonatigen Heilungsprozess nach sich, so der Experte. Und nicht immer hält der Operationserfolg dauerhaft an. So kann sich z. B. die große Zehe bereits nach einem Jahr wieder leicht in Richtung der zweiten Zehe neigen – und ein neuerlicher Hallux valgus droht.

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Was geht?

26 Knochen, 114 Bänder und 20 Muskeln: diese 160 Bestandteile machen den Fuß im Zusammenspiel zu einem wahren Wunderwerk. Die Teile bilden ein Längs- und ein Quergewölbe, die so ineinandergefügt sind, dass die Füße zugleich stabil und beweglich sind. Und das müssen sie auch sein, denn die Anforderungen sind hoch: Wenn wir stehen, müssen uns unsere Füße einen stabilen Stand ermöglichen und das Körpergewicht tragen. Jedes Kilo, das wir auf den Rippen haben, muss beim Gehen ausbalanciert werden. Beim Laufen müssen die Füße sogar das Zwei- bis Dreifache unseres Gewichts abfedern. Das meiste Gewicht lastet beim Gehen auf gesunden Füßen auf Fersen und Fußballen. Fußaußenrand, Großzehe und die übrigen Zehen tragen den Rest. Insgesamt werden bei jedem Schritt neben allen 160 Teilen des Fußes noch 50.000 Nerven aktiviert.

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Wie geht’s?
Was eine Ganganalyse zeigt

Man geht barfuß über eine gekennzeichnete Bahn am Boden. Dabei wird mithilfe unsichtbarer Platten unter der Bahn gemessen, wo beim Gehen in welchen Phasen wie viel Druck auf den Füßen lastet. „So können wir wichtige Informationen für die Diagnose und Therapie von Fußfehlstellungen gewinnen“, sagt Dr. Andreas Kranzl, Leiter des Labors für Gang- und Bewegungsanalyse am Orthopädischen Spital Speising in Wien.
Aufgrund der Ergebnisse lassen sich die Behandlungen besser planen, und es kann besser entschieden werden, ob ein spezielles Fußmuskeltraining mit Gangschulung genügt, ob Einlagen getragen werden sollten oder ob eine Operation notwendig ist. Worin die Therapie auch besteht: Nach deren Abschluss wird der Erfolg durch eine neuerliche Ganganalyse kontrolliert.
Die Messungen zur Diagnose und Therapie von Fußfehlstellungen dauern meist 15 bis 20 Minuten. Soll auch die Belastung gemessen werden, die beim Gehen auf den Knien, Hüften und der Wirbelsäule lastet, sind die Analysen aufwendiger. Für sie ist notwendig, dass Elektroden am Körper angebracht werden. Außerdem wird man beim Gehen von allen Seiten gefilmt: Ein Prozedere, das bis zu eineinhalb Stunden lang dauern kann.

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