Krisengebiet Körperfett

Juni 2014 | Medizin & Trends

Wie kommt man zu gesunden Werten?
 
Spätestens seit er in fast jedem Fitnessstudio gemessen wird, ist der Körperfettanteil das Krisengebiet schlechthin in Sachen gute Figur und Gesundheit. Wie hoch darf der Anteil wirklich sein, wie gefährlich ist zu viel Fett, und wie erreicht man, falls nötig, gesunde Werte?
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Übergewichtig – das ist hierzulande jeder zweite Mann, jede dritte Frau und jedes vierte Kind. Das zeigen die gängigen Messungen nach dem sogenannten Body-Mass-Index (BMI), der das Gewicht in Relation zur Körpergröße setzt. Dieses ohnehin schon triste Bild von einer Nation mit zu vielen Kilos auf den Rippen wird nun noch einmal trister: „Man weiß heute, dass auch Menschen, die laut BMI als normalgewichtig gelten und schlank erscheinen, zu dick im Sinne von zu fett sein können“, sagt Dr. Evelyn Fliesser-Görzer, Internistin und Stoffwechselexpertin im steirischen St. Stefan ob Stainz. Und das heißt? „Sie haben einen so hohen Körperfettanteil, dass ihre Gesundheit gefährdet ist.“
Umfassende reihenmäßige Überprüfungen des Körperfettanteils stehen zwar noch aus. Doch am Institut für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung IMSB Austria in Wien misst man seit 25 Jahren das Fett am Körper von meist normalgewichtigen sportlichen Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern, die sich verschiedenen sportmedizinischen Untersuchungen unterziehen. 2010 ergab eine Analyse, dass der Körperfettanteil der IMSB-Klienten im Lauf der Zeit kontinuierlich und durchschnittlich um zwei bis drei Prozent gestiegen ist. Klingt nach wenig, ist es aber nicht, wie ein Beispiel zeigt: Bei einem Mann, der 80 Kilo wiegt, entspricht diese Zunahme einem Zuwachs von rund drei Kilo Fett. Und bei nicht wenigen bedeutet das Plus den Eintritt in die gesundheitliche Gefahrenzone.

Fetter Körper, fettes Blut

Wie hoch darf der Körperfettanteil sein? „Das richtet sich im Wesentlichen nach dem Geschlecht“, erklärt Fliesser-Görzer. So haben Frauen von Haus aus und aufgrund ihrer hormonellen Situation einen höheren Fettanteil als Männer, und das darf auch so sein. Fliesser-Görzer: „Bei Frauen gilt ein Anteil von 20 bis 29 Prozent als normal, über 30 Prozent werden als zu hoch und mehr als 35 Prozent als bedenklich erachtet. Bei Männern sind zehn bis 19 Prozent normal, Werte ab 20 zu hoch, und ab 25 Prozent kann es für sie gefährlich werden.“ Auch das Alter spielt eine Rolle: Je mehr man in die Jahre kommt, umso mehr Fett darf es sein, allerdings nur ein bisschen; etwa fünf Prozent plus pro Lebensjahrzehnt fallen in den grünen Bereich.
In den roten Bereich rutschen immer mehr Menschen deshalb, weil die Fettspeicher – zumindest in unseren Breiten – ihren ursprünglichen Sinn verloren haben: Das Zuviel an Fett ist vom Körper als Depot für Hungersnöte gedacht. „Die Hungersnöte haben wir nicht mehr, daher bleibt das Fett meist bestehen und belastet mittel- und langfristig den gesamten Organismus“, so Fliesser-Görzer. Was daran so gefährlich ist? Zu viel Fett in der Köpermasse bedeutet, dass auch im Blut zu viele schädliche Fette (Triglyzeride) zirkulieren. Diese können über die Schädigung der Gefäßwände zu Gefäßverengungen und verschiedenen Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems führen. Von Bluthochdruck über Schlaganfall bis hin zum Herzinfarkt reicht die Liste der möglichen dramatischen Folgen.

Gradmesser Fettverteilung

Wenn es um Fett als Gradmesser für die Gesundheit geht, ist aber nicht nur der Körperfettanteil in Prozent wichtig. „Noch aussagekräftiger ist diesbezüglich die Fettverteilung“, nennt Fliesser-Görzer ein wichtiges Kriterium. Eine gleichmäßige Fettverteilung sowie die typisch-weibliche Birnenfigur mit schlankem Oberkörper und mehr Fett an Po, Hüften und Oberschenkeln erachten die Mediziner als etwas weniger besorgniserregend als andere Varianten. Die eher männer­typische Apfelfigur mit schlanken Armen und Beinen und einem großen Bauch gilt hingegen als besonders ungesund. „Diese Art der Fettverteilung ist sehr gefährlich“, bringt es Fliesser-Görzer auf den Punkt.
Besonders eindrucksvoll haben dies zuletzt Wissenschafter der Amerikanischen Krebsgesellschaft nachgewiesen. Ihre Analyse der Todesursachen von fast 15.000 Krebskranken hat gezeigt, dass Frauen mit einem Bauchumfang über 110 Zentimetern und Männer mit einem „Mittemaß“ von mehr als 120 Zentimetern ein doppelt so hohes Risiko haben, an ihrer Erkrankung zu sterben, als Menschen mit geringerem Bauchumfang. Dem zufolge hat man für die Körpermitte Grenzwerte definiert: Ergibt sich bei Frauen etwa zwei Fingerbreit unterhalb des Bauchnabels ein Umfang über 80 Zentimeter, ist der Fettanteil bereits zu groß; ernst wird es ab 88 Zentimetern. Bei Männern gelten Werte ab 94, insbesondere aber ab 102 als kritisch.
Warum das Bauchfett gar so gefährlich ist? „Seit einigen Jahren ist bekannt, dass das sogenannte viszerale Fett zwischen den Organen im Bauchraum und um die Organe herum aktiv ist und Hormone produziert. Diese beeinflussen die Stoffwechselvorgänge so ungünstig, dass Entzündungen entstehen“, erläutert die Expertin. Diese Entzündungen wiederum schädigen die Gefäße und erhöhen das Risiko für eine breite Palette an Erkrankungen. „Dazu zählen zum Beispiel Bluthochdruck, Diabetes, Thrombosen, Schlaganfall und Herzinfarkt, aber auch rheumatische Erkrankungen und sogar Krebs“, weiß Fliesser-Görzer und ergänzt: „Besonders oft gehen die Entzündungsprozesse, die entstehen, wenn das Bauchfett überhandnimmt, mit Darmkrebs oder Brustkrebs einher.“

Unheilvolles Duo

Dass der eine mehr (Bauch-)Fett anlegt als der andere, hängt entgegen der verbreiteten Meinung nicht von den Genen ab, sagt Fliesser-Görzer: „Vererbbar ist nur das Fettverteilungsmuster, zu viel Fett bildet der Körper aber einzig und allein aufgrund einer bestimmen Lebensweise.“ Schuld an einem zu hohen Körperfettanteil ist das bekannte unheilvolle Duo: zu wenig Bewegung und eine Ernährung mit zu viel Fett und Zucker.
Entsprechend braucht es eine Umstellung der Essgewohnheiten, wenn man gesunde Körperfettwerte erreichen will. „Das bedeutet, statt fettem Fleisch, fetter Wurst und fettem Käse Magerprodukten den Vorzug zu geben, den Anteil an zuckerreichen Lebensmitteln auf dem Speiseplan zu minimieren und stattdessen mehr Obst, Gemüse, Eiweißreiches und Vollkornprodukte zu essen“, skizziert Fliesser-Görzer die wichtigsten Punkte. Mit Sport bewegt man sich noch schneller in die richtige Richtung. „Empfehlenswert ist ein Ausdauertraining wie Joggen, Radfahren oder Schwimmen, das man für mindestens eine halbe Stunde an drei Tagen der Woche macht“, so die Ärztin. Kombiniert man das Ausdauer- mit Krafttraining, so fördert man den Aufbau von Muskeln – und den Abbau von Fett. Der Grund: Ein muskulöserer Körper benötigt auch schon im Ruhezustand mehr Energie.
Rein gar nichts bringen laut der Expertin Fastenkuren, die große Gewichtsabnahmen binnen kurzer Zeit versprechen, im Gegenteil: „Diese sind eher kontraproduktiv, denn dabei verliert man nur sehr wenig Fett und stattdessen vor allem Wasser und Muskelmasse“, gibt Fliesser-Görzer zu bedenken. Bei schwindenden Muskeln wiederum sinkt der Energiebedarf. Und das führt dazu, dass sich nach solchen Kuren rasch wieder viel von dem schädlichen Körperfett bildet.

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Wie misst man richtig?

Grazer Wissenschafter haben erst vor kurzem eine neue Methode präsentiert, mit der das Fettgewebe unter der Haut per Ultraschall auf Zehntelmillimeter genau gemessen werden könne. Das innovative Verfahren wird derzeit bereits vom Internationalen Olympischen Komitee sowie von verschiedenen Instituten der Medizinischen Universität Graz angewandt.
Auch die sogenannte bioelektrische Impedanzanalyse, bei der im Liegen über Elektroden an den Händen und Füßen Strom durch den Körper geleitet wird, bringe laut der Stoffwechselexpertin Dr. Evelyn Fliesser-Görzer verlässliche Ergebnisse: „Da Fett den Strom schlechter leitet als Muskeln und Flüssigkeit, kann so die Körperzusammensetzung genau gemessen werden“, sagt die Medizinerin.
Körperfettwaagen, die nach demselben Prinzip funktionieren, sind laut der Expertin dafür geeignet, Differenzen zu messen. Oft seien sie jedoch ungenau, da sie nur den Fettanteil im Unterkörper ermitteln.
Bauchfett lässt sich schlicht mit dem Maßband messen: Zwei Fingerbreit unter dem Bauchnabel angelegt, ermittelt man den Bauchumfang.
Früher gängig war die Körperfettmessung mit Hilfe eines Messschiebers, dem Caliper. Damit wird die Haut an bestimmten Stellen (z. B. am Oberarm oder Bauch) zusammengezwickt und die dabei entstehende Falte gemessen. Je dicker sie ist, desto höher ist der Fettanteil. Auch diese Methode sei laut Fliesser-Görzer dazu geeignet, Differenzen festzustellen, vorausgesetzt, sie wird immer exakt an derselben Stelle durchgeführt.

Stand 06/2014

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