Zähneknirschen

Mai 2014 | Medizin & Trends

Albtraum fürs Gebiss
 
Zwei Drittel der Österreicher knirschen nachts im Schlaf so heftig mit den Zähnen, dass sie schwere Folgen riskieren. Was droht und was hilft.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Wir beißen uns durch, wenn wir in einer verzwickten Lage sind, klappern vor Angst mit den Zähnen, wenn es richtig brenzlig wird, und beißen uns schier die Zähne aus, wenn ein Problem unlösbar erscheint. Wie so oft steckt auch in diesen Redensarten ein wahrer Kern: „Wenn wir angespannt sind, etwa weil wir beim Autofahren in eine gefährliche Situation geraten, pressen wir unbewusst die Zähne zusammen“, weiß Univ. Prof. DDr. Eva Piehslinger, Leiterin des Kompetenzzentrums für Prothetik an der Bernhard Gottlieb Universitätszahnklinik in Wien. Dieses Verhalten ist uns ebenso angeboren wie die Neigung, es auch nachts an den Tag zu legen: „Wir alle bewegen unseren Kauapparat auch im Tiefschlaf, wenn das Gehirn keine Kontrolle über die Bewegungen hat. Das fängt schon an, sobald wir das Milchgebiss haben“, verdeutlicht es die Expertin. Oft hören sich diese Kaubewegungen nach einem Knirschen an, manchmal nach einem Klappern. Und in einigen Fällen bleibt es beim Zusammenpressen der Zähne, das gar kein Geräusch hervorbringt.

Nachtarbeit gegen den Stress

Mit der Frage, warum wir nachts unseren Kauapparat bewegen, haben sich schon mehrere Forscher ausführlich beschäftigt. Sie alle kamen zu dem Schluss, dass das in der Medizin Bruxismus genannte Phänomen dem Stressabbau dient: „Bruxismus ist sozusagen ein Ventil, das dazu dient, übermäßige Belastungen loszuwerden. Mutter Natur hat diese Funktion für uns vorgesehen, um andere negative Auswirkungen von Stress auf unsere Gesundheit zu verhindern, wie zum Beispiel Magen-Darm-Erkrankungen“, berichtet Piehslinger aus der Forschung.
Auch wenn das Zähneknirschen die Betroffenen selbst und ihre Partner immer wieder einmal im Schlaf stört, stellt die unfreiwillige Nachtarbeit kein Problem dar, solange sie in Maßen stattfindet. Denn sowohl das kindliche Milchgebiss als auch das Erwachsenengebiss seien, so Piehlsinger, darauf ausgerichtet, dass alle paar Monate auch nächtens darauf herumgekaut wird, um Stress zu verarbeiten. Zur Belastung wird Bruxismus erst dann, wenn unser Stress-Ventil aufgrund einer Phase der ständigen Anspannung beinahe jede Nacht in Betrieb ist und seine Arbeit mit viel Kraft erledigt.

Der Nussknacker im Bett

Und das ist bei etwa zwei Drittel der Österreicher der Fall – entweder über einen längeren Zeitraum hinweg oder sogar dauernd. Dass sie Bruxisten sind, bekommen sie auf unterschiedliche Art und Weise zu spüren. Meist werden sie von den Lauten entlarvt, die sie produzieren. Denn ob es nun knirscht oder klappert: Das Geräusch kann so laut werden wie das Knacken einer Nuss. Manche Betroffenen wachen auf, wenn sie die Zahnreihen zusammenpressen. Schließlich werden dabei Kräfte mobilisiert, die einem Gewicht bis zu mehreren 100 Kilo entsprechen, was selbst im Tiefschlaf spürbar werden kann. „Wenn die Kaumuskulatur und die Kiefergelenke nachts so stark belastet werden, kann das zum Beispiel auch dazu führen, dass Gelenke und Muskeln morgens weh tun“, schildert Piehslinger ein weiteres Anzeichen für Bruxismus. „Da die Kiefer- und Kaumuskulatur mit anderen Muskeln des Bewegungsapparats zusammenhängen, kommt es durch Bruxismus oft auch zu Nackenverspannungen und Rückenschmerzen.“ Kopfweh, Schwindelgefühle, Sehstörungen und Tinnitus wurden ebenfalls schon auf übermäßiges nächtliches Zähneknirschen zurückgeführt.

Zähne und Zahnersatz in Gefahr

Für das Gebiss selbst kann die kraftraubende Nachtarbeit zum wahren Albtraum werden. Piehslinger: „Durch ausgeprägtes, häufiges Zähneknirschen über einen längeren Zeitraum wird die Schmelzschicht nach und nach so weit abgetragen, bis das Zahnbein freiliegt, in das der Zahnnerv mündet.“ Das macht die Zähne empfindlich gegenüber Kälte und Hitze. „Die Betroffenen haben dann starke Schmerzen, wenn sie zum Beispiel heißen Tee trinken oder Eis essen“, erläutert Eva Piehslinger. Durch häufiges starkes Klappern oder Pressen, das der Zahnarzt vor allem an einer besonders ausgeprägten Kaumuskulatur erkennt, kann außerdem  ein Stück von den Zähnen abbrechen.
Wer Kunststofffüllungen, Amalgamplomben, Goldkronen oder Brücken hat, riskiert durch das nächtliche Zähneknirschen den oft kostspieligen Zahnersatz zu zerstören. Auf Implantate, also auf die Schraube, die als Befestigung für einen Zahnersatz in den Kieferknochen gesetzt wird, hat Bruxismus laut Piehslinger zwar keinen schädigenden Einfluss. Dafür aber auf die Krone oben drauf, auch wenn diese aus Keramik, dem widerstandsfähigsten Zahnersatzmaterial, gefertigt ist: Selbst Keramikkronen können durch das nächtliche Hin- und Herwetzen beschädigt werden und abbrechen. Zudem belastet heftiger Bruxismus das Zahnbett bzw. das Zahnfleisch und lässt es anfälliger für bakterielle Infektionen werden. „Werden solche Entzündungen chronisch, kommt es also zu Parodontitis, geht schlimmstenfalls der Zahn verloren“, nennt Piehslinger eine besonders schwerwiegende Folge.

Aufbissschiene hilft sofort

Gründe genug, etwas gegen die nächtliche Überaktivität der Kauwerkzeuge zu unternehmen. Soforthilfe ist denkbar einfach und schnell zu haben: Zahnmedizinerin Piehlsinger empfiehlt Aufbissschienen aus Kunststoff, die nachts auf die untere oder obere Zahnreihe gelegt werden, um das Gebiss vor den Folgen des Knirschens und Klapperns zu schützen. Durch die Auflage werden der Radius der Kaubewegung eingeschränkt, der Druck auf die Zähne reduziert und – zur Freude des Partners – die Geräusche so sehr gedämpft, dass sie kaum noch hörbar sind. „Wichtig ist, dass diese Schienen vom Zahnarzt gut an die Zahnreihe angepasst werden, denn wenn zum Beispiel die Kontaktpunkte zu hoch sind, besteht die Gefahr, dass der Bruxismus noch ausgeprägter wird“, betont Piehslinger. Denn dann versuchen die Betroffenen unbewusst, das Hindernis wegzubeißen. Die Kaubewegungen an sich verhindert die Schiene freilich nicht. Wird dadurch auch immer wieder die Muskulatur in Mitleidenschaft gezogen, rät Piehslinger zusätzlich zu einer Physiotherapie, bei der Dehn- und Lockerungsübungen erlernt werden.  

Umgang mit Stress lernen

Was nicht nur gegen die Folgen, sondern gegen die Ursachen des Zähneknirschens getan werden kann, wollten Forscher an der Zahnklinik der Universität Düsseldorf wissen. Davon ausgehend, dass Bruxismus der Stressbewältigung dient, untersuchten sie im Rahmen einer Studie, ob sich Entspannungsübungen als Lösung eignen und ließen Probanden ein zwölfwöchiges Training absolvieren. Tatsächlich trat das Problem danach deutlich seltener und weniger heftig auf, doch der positive Effekt hielt nur ein halbes Jahr an. „Wer Bruxismus dauerhaft reduzieren will, muss zunächst lernen, besser mit Stress umzugehen“, weiß Piehslinger aus Erfahrung und empfiehlt dafür eine Psychotherapie. „Ergänzend dazu ist es nötig, sich regelmäßig ganz gezielt geistig wie körperlich zu entspannen.“ Für die einen sei dafür Yoga ideal, für die anderen autogenes Training oder progressive Muskelentspannung nach Jacobson.

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Bruxismus: Habe ich das auch?

  • Nicht immer hört sich Zähneknirschen nach Knirschen an. Auch nächtliches Klappern und geräuschloses Aufeinanderpressen der Zähne gilt als Bruxismus.
  • Wer es nicht selbst hört oder durch den Partner darauf aufmerksam gemacht wird, kann z. B. an häufigen morgendlichen Kieferschmerzen erkennen, dass Zähneknirschen vorliegt. Auch Nackenverspannungen und Rückenschmerzen können mit Bruxismus zusammenhängen. Darüber hinaus wurden Kopfweh, Schwindelgefühle, Sehstörungen und Tinnitus ebenfalls bereits auf Bruxismus zurückgeführt.
  • Auch wenn es der Zahnarzt sehen kann und keine Zweifel hegt, wollen es viele nicht glauben, dass auch sie nachts mit den Zähnen knirschen oder klappern. „Dann besteht die Möglichkeit, mit sogenannten Brux Checkern Klarheit zu schaffen“, empfiehlt die Wiener Zahnmedizinerin Univ. Prof. DDr. Eva Piehslinger: „Diese werden über Nacht über die Zähne gestülpt und geben Farbe ab, wenn man sie aufeinanderpresst, damit klappert oder knirscht.“

 

Stand 04/2014

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