Sehen: Der gefährdete Sinn

April 2015 | Leben & Arbeiten

Mehr als 14 Milliarden Menschenaugen machen sich täglich ein Bild von der Welt. Vom Wimmerl auf der Nasenspitze bis zum Himmel voller Sterne reichen ihre Blickfelder. Allerdings geht der Weitblick vor allem in den Industrieländern mehr und mehr verloren. Auch in Österreich ist bereits jeder Dritte kurzsichtig.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Nicht der Himmel voller Sterne, nicht die Weite einer Wiese und auch nicht die Häuserfront am Ende der Straße fesseln die Menschenaugen der modernen Welt. Sie starren vielmehr auf Bildschirme von Gerätschaften aller Art. Dass unser Blick die meiste Zeit des Tages auf nahe Bilder und Buchstaben gerichtet ist, hat Folgen, denn: „Die Augen sind für den Wechsel zwischen dem Schauen in die Nähe und dem Schweifen in die Ferne vorgesehen“, betont Prim. Univ. Prof. Dr. Günther Grabner, Vorstand der Universitätsaugenklinik der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg. „Wenn die Augen stattdessen bereits in der Kindheit und Jugend viele Stunden lang auf den Nahbereich fixiert sind, versuchen sie, die kurze Distanz zwischen dem Fokussierten und der Netzhaut auszugleichen, indem das Auge in die Länge wächst“, verdeutlicht Grabner das Problem. So entsteht Kurzsichtigkeit, die mit sich bringt, dass nur noch Bilder in der Nähe scharf gesehen werden können und die Sehkraft in die Ferne verloren geht. „Vor allem in den Industrienationen, in denen die Naharbeit zugenommen hat, grassiert Kurzsichtigkeit“, bringt es der Experte auf den Punkt. In einigen Ländern hat sich die Zahl der Kurzsichtigen seit den 1960er Jahren sogar verdreifacht, in Österreich ist bereits jeder Dritte kurzsichtig.

Junge mit schlechten Aussichten

Ärzte stellen außerdem fest, dass die Zahl der Kurzsichtigen unter den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen drastisch zunahm: So ist  in der Generation der Unter-30-Jährigen bereits jeder Vierte kurzsichtig. Schlechte Aussichten, denn das bedeutet, ein Leben lang auf Brillen oder Kontaktlinsen angewiesen zu sein oder sich – falls möglich – einer Operation zur Korrektur der Fehlsichtigkeit zu unterziehen. „Außerdem bringt Kurzsichtigkeit ein erhöhtes Risiko für einige Augenerkrankungen mit sich“, sagt Grabner. Dazu zählen etwa die Netzhautabhebung, eine spezielle Form der Makuladegeneration, und der Grüne Star – Leiden, die zu Sehbehinderungen und schlimmstenfalls zur Erblindung führen, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt und behandelt werden.

Augentier Mensch

Dabei ist gute Sicht besonders wichtig für das Augentier Mensch: Über den Sehsinn gelangt die größte Informationsmenge ins Gehirn, mehr als 80 Prozent aller Eindrücke aus unserer Umgebung nehmen wir über die Millionen von Sinneszellen an der Netzhaut der Augen auf. Chemische Prozesse und elektrische Impulse sorgen dafür, dass diese Eindrücke ans Hirn weitergeleitet werden. Das Hirn wertet die optische Information aus und setzt so einiges in Gang. Was wir sehen, beeinflusst unser Fühlen, Denken, Handeln und kann darüber hinaus verschiedene Körperreaktionen auslösen. So kann uns übel werden, wenn wir etwas Ekelerregendes sehen. Umgekehrt läuft uns schon beim Anblick der Lieblingsspeise das Wasser im Mund zusammen.
Auch Farben zeigen allein über den Sehsinn Wirkungen aller Art: Orange und Gelb etwa verbessern die Stimmung und aktivieren den Menschen insgesamt; Rot kann darüber hinaus den Stoffwechsel stimulieren, Blau entspannt, Grün beruhigt, regt aber auch die Kreativität an. Dieses Wissen aus der Farbpsychologie macht sich auch die Medizin zunutze, seit man festgestellt hat, dass Menschen schneller gesund werden, wenn sie im Krankenhaus mit Blick auf den Park liegen, Bilder von bunten Blumen oder grünen Landschaften an der Wand hängen, Wände und Möbel freundliche Farben haben.

Licht
für die Augen

Auch Licht, das wir ebenfalls über die Augen wahrnehmen, ist nicht nur ein visueller Genuss, sondern kann unsere Gesundheit fördern. So wird UV-Licht seit Jahren zur Behandlung von Hautkrankheiten eingesetzt. Dass Tageslicht darüber hinaus nicht nur die Stimmung beeinflusst, sondern auch die Gesundheit der Augen fördert, zeige sich am Beispiel von Völkern in Amazonas- und Polargebieten, die sich meist im Freien aufhalten: Dort geht der Anteil der Kurzsichtigen gegen Null. Die positive Wirkung von Tageslicht auf die Augen ist aber auch wissenschaftlich bewiesen. Grabner: „Studien, die mit Schulkindern gemacht wurden, haben ergeben, dass schon täglich eine Stunde im Freien Kurzsichtigkeit vorbeugen und ihren Fortschritt verzögern kann.“

Ausgabe 04/2015

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