Schönes Blutbild?

März 2016 | Medizin & Trends

Was ist eigentlich ein „großes Blutbild“? Was machen die Thrombozyten im Körper? Und wie gefährlich ist es, wenn ein Wert zu hoch bzw. zu niedrig ist? Ein Labormediziner erklärt, was ein Blutbefund über die Gesundheit verrät.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Fünf bis sechs Liter Blut zirkulieren im menschlichen Körper. Der rote Lebenssaft besteht zu 55 Prozent aus Blutplasma, zu rund 45 Prozent aus Blutzellen. Bei einer Blutuntersuchung werden sowohl die Blutzellen als auch Stoffe, die im Blutplasma gelöst sind, bestimmt. Weit mehr als 1000 verschiedene Werte kann die Labormedizin heute ermitteln. Allerdings wird bei den meisten Routineuntersuchungen nur eine Hand voll Werte gemessen. Zu diesem Zweck entnimmt man zehn bis 15 Milliliter, rund zwei Esslöffel, Blut.

Kleines Blutbild
Beim kleinen Blutbild misst man die Anzahl der Blutzellen: Darunter versteht man die roten Blutkörperchen (Erythrozyten), die weißen Blutkörperchen (Leukozyten) und die Blutplättchen (Thrombozyten). Die wichtigste Aufgabe der roten Blutkörperchen ist der Transport von Sauerstoff in unserem Körper. „Eine den Normalwerten entsprechende Anzahl an Erythrozyten ist ein ganz wesentlicher Faktor für unser Wohlbefinden“, betont der Labormediziner Dr. Hans Georg Mustafa. Sind zu wenige rote Blutzellen in unserem Blut, so werden entweder zu wenig rote Blutkörperchen gebildet, wie es bei Eisenmangel der Fall sein kann. Oder es gehen zu viele verloren, wie zum Beispiel bei chronischem Blutverlust. Zusätzlich wird festgestellt, ob der rote Blutfarbstoff, das Hämoglobin, in ausreichender Konzentration im Blut vorhanden ist. Bei einer zu niedrigen Konzentration von Hämoglobin, spricht man von einer Anämie. Der ebenfalls gemessene Hämatokrit-Wert zeigt an, wie das Verhältnis der festen Blut bestandteile (Zellen) zu den flüssigen (Plasma) ist.
Die Aufgabe der weißen Blutkörperchen?
Sie können Krankheitserreger bekämpfen und schützen unseren Körper vor Infektionen. „Anzahl und Beschaffenheit der weißen Blutzellen geben uns Aufschluss über die Abwehrsituation, sie stellen einen Teil des Immunsystems dar“, sagt Mustafa, der auch Obmann der Bundesfachgruppe „Medizinische und Chemische Labordiagnostik“ der Österreichischen Ärztekammer ist.
Die Blutplättchen wiederum spielen eine wichtige Rolle bei der Blutgerinnung: „Kommt es zu einer Verletzung der Gefäßwand, lagern sich die Thrombozyten an die Gefäßwand an und verschließen die Verletzung“, veranschaulicht der Labormediziner.

Großes Blutbild

Beim „großen Blutbild“ werden die weißen Blutkörperchen, die Leukozyten, differenziert betrachtet – man spricht deshalb auch vom „Differenzialblutbild“. Zu den Leukozyten zählen unterschiedliche Zellen, die jeweils gesonderte Aufgaben bei der Immunabwehr haben. „Im Blut wird die Anzahl der basophilen, eosinophilen, neutrophilen Granulozyten, Monozyten und Lymphozyten gemessen“, erläutert Mustafa. Erhöhte Lymphozytenwerte finden sich häufiger bei viralen Infektionen. Bei bakteriellen Infektionen wiederum sind öfter die neutrophilen Granulozyten erhöht. Eine Erhöhung der eosinophilen Granulozyten kann zum Beispiel auf eine Allergie hinweisen.

Klinisch-chemischer Befund

Nicht nur die festen, auch die Blutbestandteile, die im Blutplasma gelöst sind, können gemessen werden. Blutplasma setzt sich aus Wasser, Eiweißstoffen, Elektrolyten, Hormonen, Vitaminen, Nährstoffen und Stoffwechselprodukten zusammen. Die Untersuchung dieser Bestandteile nennt man klinisch-chemischen Befund.
„Damit lässt sich etwa die Funktion verschiedener Organe wie der Nieren überprüfen“, sagt Mustafa. Für eine laborchemische Überprüfung der Niere untersucht man Kreatinin und Harnstoff. Die Leberenzyme wie ALAT, ASAT und GGT lassen Rückschlüsse auf Erkrankungen der Leber zu.
Die Untersuchung der Blutfette (Cholesterin, Triglyzeride, HDL und LDL) ermöglicht es, das Risiko für die Entwicklung von Herz-Kreislauf- bzw. Gefäßerkrankungen einzuschätzen. Die Höhe von Blutzucker oder Glukose wie derum kann anzeigen, ob eine Zuckerkrankheit (Diabetes) vorliegt.

Schilddrüse, Tumore

Die Funktion der Schilddrüse, die eine wichtige Rolle bei der Regulation des Stoffwechsels spielt, kann ebenfalls untersucht werden. Dazu misst man die Schilddrüsenhormone FT3, FT4 und TSH. Der TSH-Wert gibt Aufschluss über die Schilddrüsenfunktion und zeigt eine Über- oder Unterfunktion an. „Bei einer Schilddrüsenüberfunktion läuft der Stoffwechsel auf Hochtouren, bei einer Unterfunktion läuft der Stoffwechsel quasi zu langsam ab“, erklärt Mustafa. Substanzen, die auf einen Tumor im Körper hindeuten, Tumormarker, können ebenfalls im Blut gemessen werden. Diese Parameter dienen im Wesentlichen der Verlaufskontrolle, wenn bereits ein Tumor bekannt ist. Eine Ausnahme stellt der PSA-Wert für die Diagnose des Prostatakarzinoms dar.

Entzündungen und Infektionen
Hinweise auf mögliche Entzündungen liefert der Wert des C-reaktiven Proteins (= CRP). Zu akuten Entzündungen kann es zum Beispiel aufgrund von viralen oder bakteriellen Infektionen kommen. Chronische Entzündungen entstehen etwa im Rahmen von Tumorerkrankungen oder Autoimmunerkrankungen.
Nur „bedingt als reiner Entzündungsparameter geeignet“ sei hingegen die Blutsenkungsgeschwindigkeit. Hier misst man, wie schnell Blutzellen im ungerinnbar gemachten Blut absinken: Je rascher, umso größer die Wahrscheinlichkeit für eine Entzündung.
Auch verschiedene Infektionserkrankungen können durch Laboruntersuchungen ermittelt werden. „Virusinfektionen etwa lassen sich mithilfe der Bestimmung von Antikörpern indirekt nachweisen. Man misst die Reaktion des Körpers auf einen Erreger“, erklärt Mustafa. „Eine andere Möglichkeit wäre, das Vorhandensein der Erbinformation von Viren im Blut nachzuweisen.“

Mangel an Nährstoffen?
Vitamin D, Magnesium, Eisen oder Kalium: Auch ein Mangel an Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen oder Elektrolyten lässt sich feststellen. Generell sind Mangelerscheinungen bei einer ausgewogenen Ernährung nicht zu befürchten, beruhigt Mustafa. „Ausgenommen, man hat eine begleitende Erkrankung, die die Zufuhr einzelner Nahrungsbestandteile stark beeinträchtigt.“

Zu hohe und zu niedrige Werte
So wertvoll die Informationen sind, die man im Labor gewinnen kann: Eine Diagnose oder eine Behandlung kann nur in Zusammenschau mit einer gründlichen ärztlichen Untersuchung erfolgen – die Blutuntersuchung ist ein Baustein. Ein Beispiel: Zusätzlich zu der Bestimmung von PSA-Werten ist eine urologische Untersuchung unbedingt notwendig.
Nicht jede Krankheit zeigt sich bei einer Blutuntersuchung. „Ein normaler Befund garantiert nicht, dass man kerngesund ist“, betont Mustafa. Umgekehrt zeigt eine Abweichung der Werte vom Normbereich nicht automatisch eine Krankheit an. Schließlich gelten die Norm- oder Referenzbereiche nicht für 100 Prozent der gesunden Bevölkerung. „Je nach Definition liegen bei einer gesunden Bevölkerung 95
Prozent der Werte im Normalbereich. Fünf Prozent der Gesunden haben Werte außerhalb des Normbereiches“, präzisiert Mustafa. Daher ist jemand nicht zwingend krank, wenn die Werte erhöht oder erniedrigt sind. Deshalb muss der Befund mit dem Arzt besprochen werden, der ins Labor überwiesen hat.

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Das sollten Sie beachten:
Bitte nüchtern!
Weil einige Blutwerte ansonsten ihre Aussagekraft verlieren, ist es wichtig, dass man nüchtern zur Blut abnahme kommt. Das bedeutet: Am besten isst man zwölf Stunden vor der Blutabnahme nichts mehr.
Und auch davor sollte man nur mäßig essen und auf sehr fett- und kohlenhydratreiche, üppige Speisen und Alkohol verzichten.
Trinken sollte man nur Wasser oder ungesüßten Tee. Ob man Medikamente weiter einnehmen kann, sollte man mit seinem Hausarzt oder Facharzt abklären.

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Was bedeutet das?
Die wichtigsten Werte im Überblick


Leukozyten:
Die weißen Blutkörperchen sind hauptsächlich für die Abwehr von Krankheitserregern wie Bakterien, Viren, Pilzen verantwortlich; außerdem vernichten sie beschädigte Zellen.
Erythrozyten: Die roten Blutkörperchen liefern den Sauerstoff für alle Körperzellen.
Hämoglobin: Der rote Blutfarbstoff ist wichtiger Bestandteil der Erythrozyten und transportiert den eingeatmeten Sauerstoff von der Lunge in den gesamten Körper.
Hämatokrit: Zeigt an, wie viele rote Blutkörperchen sich im Blut befinden und wie dick- bzw. dünnflüssig das Blut ist.
Thrombozyten: Die Blutplättchen sind für die Blutgerinnung zuständig und stoppen etwa im Fall einer Verletzung eine Blutung.
Natrium: Spielt eine wichtige Rolle für den Flüssigkeits- und Säure-Basen-Haushalt, für Nervenimpulse und Muskelaktivität.
Kalium: Ist verantwortlich für die Regulation des Wasserhaushalts und außerdem wichtig für die Weiterleitung von Impulsen bei Muskeln, Nerven und Zellen.
Glukose (Blutzucker) wird über die Nahrung aufgenommen und in den Zellen gespeichert.
CRP: Der in der Leber gebildete Eiweißstoff ist wichtig für die Immunabwehr und ein Entzündungsparameter.
Cholesterin ist ein Blutfett und außerdem Ausgangsstoff für die Bildung von Hormonen.
Triglyceride zählen wie das Cholesterin zu den Blutfetten.
LDL: Bei erhöhten Werten des „bösen“ Cholesterins drohen langfristig gefährliche Folgen wie Atherosklerose und Herzinfarkt.
HDL: Das „gute“ Cholesterin hat eine schützende Wirkung auf die Gefäße.

Stand 02/2016

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