Hormone, Stoffwechsel & Diabetes

Abnehmen mit System

Abnehmspritzen haben die Adipositas-Therapie grundlegend verändert. Hormon-Experte DDr. Gerald Jahl erklärt, warum nachhaltiger Erfolg nur mit Diagnostik, Lebensstiländerung und guter Begleitung möglich ist.

Von Michaela Neubauer

DDr. Gerald Jahl
„Die Spritze öffnet die Tür – durchgehen müssen die Patientinnen und Patienten selbst.“ 
www.cardea.at

Übergewicht ist selten nur eine Frage von Disziplin, sondern das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus Stoffwechsel, Hormonen, genetischer Veranlagung und Lebensstil. Für DDr. Gerald Jahl, Facharzt und Hormonpraktiker in Krems an der Donau, beginnt jede erfolgreiche Therapie deshalb mit einer gründlichen Diagnostik. „Ich muss wissen, wo der Patient steht: Wie viel Muskelmasse ist vorhanden, wie sieht der Fettanteil aus, wie der Wasserhaushalt?“ 

In seiner Praxis werden daher neben Blut­werten auch Körperzusammensetzung, Stoffwechseltyp, Stressindex und Faktoren wie Schlaf, Insulinresistenz, Schilddrüse, Mikronährstoffe und Hormonstatus berücksichtigt. Gerade Frauen um die 50 seien häufig betroffen: Mit der hormonellen Umstellung sinken Östrogene, die Schilddrüse wird träge, was die Gewichtszunahme begünstigt. 

Insulin als Abnehmblocker

Ein zentrales Thema ist für Jahl die Insulinresistenz: „Diese sehen wir bei 80 bis 85 Prozent unserer Patientinnen und Patienten. Vereinfacht gesagt ist der Körper dann eher darauf programmiert, Fett zu speichern, statt darauf zuzugreifen. Die Folge: Abnehmen wird deutlich schwieriger.“ Hier sieht der Experte den Wert einer strukturierten ärztlichen Begleitung. Denn je nach Ausgangslage braucht es unterschiedliche Strategien: Bei manchen Personen stehen gezielte Essenszeiten und der Verzicht auf Zwischenmahlzeiten im Vordergrund, bei anderen mehr Alltagsbewegung und Krafttraining. „Abnehmen ist am Ende auch Mathematik“, sagt er. Wer Fett verlieren möchte, muss weniger Energie aufnehmen, als er verbraucht – aber auf eine Weise, die gesund und durchhaltbar bleibt.

Wie GLP-1 wirkt

Vor diesem Hintergrund haben Abnehmspritzen in den letzten Jahren für einen regelrechten Umbruch in der Adipositas-Therapie gesorgt. GLP-1-Rezeptor-Agonisten imitieren ein körpereigenes Sättigungssignal, das normalerweise nur kurz wirkt. Durch die verlängerte Wirkung fühlen sich Betroffene schneller satt, haben weniger Hunger und vor allem seltener Heißhungerattacken. Essen verliert an emotionaler Bedeutung, rückt in den Hintergrund, was vor allem für Menschen, die mit unkontrollierten Essanfällen zu kämpfen haben, eine große Erleichterung bedeutet. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Therapie über den reinen Gewichtsverlust hinausgeht: So liegen für einzelne Medikamente wie etwa Wegovy Studienergebnisse vor, die auf positive Effekte auf Herz-Kreislauf-System, Blutdruck, Entzündungswerte und sogar Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Fettleber hindeuten. Empfohlen sieht Jahl eine solche Therapie vor allem bei Menschen mit deutlichem Übergewicht, etwa ab einem BMI über 30 bzw. einem BMI über 27 mit gewichtsbedingter Begleiterkrankung – immer unter ärztlicher Begleitung und nach genauer Abklärung. Dennoch warnt er davor, die Behandlung zu unterschätzen: „Das ist kein Selbstläufer. Wer glaubt, er nimmt die Spritze und macht weiter wie bisher, wird langfristig keinen Erfolg haben.“ Entscheidend sei, dass Patientinnen und Patienten ihr Verhalten verändern: Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stressmanagement und psychologische Faktoren müssen immer mitgedacht werden.

Knochen und Muskeln schützen

Ein Thema, das viele Menschen beschäftigt, sind mögliche Nebenwirkungen. Laut Jahl zeigt sich hier jedoch ein differenzierteres Bild, als oft angenommen wird: In einer großen Zulassungsstudie von Wegovy berichteten etwa rund 3,9 Prozent der Teilnehmenden über Beschwerden wie Übelkeit oder Verdauungsprobleme. Interessant: In der Placebo-Gruppe – also ohne Wirkstoff – waren es mit etwa 3,7 Prozent nahezu gleich viele. Für Jahl ein klarer Hinweis, dass viele Beschwerden nicht direkt auf das Medikament zurückzuführen sind. „Wer trotz Sättigungsgefühl weiterisst oder sehr fett- und zuckerreich konsumiert, provoziert Beschwerden. Auch zu wenig Flüssigkeit kann Kopfschmerzen oder Unwohlsein verstärken. Tatsächlich sind echte Unverträglichkeiten in der Praxis eher selten“, erklärt er. Ebenso häufig ist die Sorge, beim Abnehmen Muskelmasse zu verlieren. Jahl stellt klar: Dieses Risiko besteht bei jeder Form der Gewichts­abnahme – nicht nur bei Medikamenten. Wer im Kaloriendefizit ist, baut nicht ausschließlich Fett ab. Deshalb brauche es ausreichend Eiweiß und Krafttraining, beispielsweise durch Übungen mit dem eigenen Körpergewicht, die auch zuhause gemacht werden können. Besonders bei Frauen in den Wechseljahren müsse aufgrund des sinkenden Östrogenspiegels zusätzlich auf die Knochengesundheit geachtet werden. 

Anwendung und Erfolgsaussichten

Die Spritze wird in der Regel einmal pro Woche selbstständig unter die Haut injiziert, meist in den Bauch oder Oberschenkel. Wichtig ist, dabei möglichst einen fixen Wochentag einzuhalten, um einen gleichmäßigen Wirkspiegel zu gewährleisten. Erste Effekte zeigen sich meist rasch: „Bereits nach zwei bis vier Wochen sehen wir, ob die Therapie anschlägt“, erklärt Jahl. Sichtbare Gewichtsveränderungen folgen meist innerhalb der ersten Wochen – im Durchschnitt sind etwa zwei bis vier Kilogramm pro Monat realistisch, sofern die Mitarbeit stimmt. Wie lange die Behandlung dauert, hängt stark vom individuellen Ziel ab. Wer beispielsweise 20 Kilogramm abnehmen möchte, benötigt meist mehrere Monate Therapie. Entscheidend ist jedoch nicht nur die Abnahme selbst, sondern auch die Phase danach: „Das Absetzen sollte niemals abrupt erfolgen“, betont Jahl. Stattdessen wird die Medikation schrittweise reduziert, um den Körper an die neue Situation zu gewöhnen und Rückfälle zu vermeiden. Der Experte arbeitet deshalb mit einem langsamen Ausschleichen über viele Wochen. „Bei manchen Frauen begleite ich das 26 bis 28 Wochen lang“, erzählt er. Ziel ist, dass das neue Essverhalten auch ohne Medikament stabil bleibt.

Kosten und Verantwortung

Derzeit ist die Behandlung für Erwachsene eine Privatleistung, die von den Patientinnen und Patienten selbst getragen werden muss. Je nach Dosierung und Produkt liegen die Kosten bei rund 250 bis 500 Euro pro Monat. In bestimmten Fällen können Zusatzversicherungen einen Teil der Kosten übernehmen, etwa bei nachgewiesener Adipositas oder vor einem bariatrischen Eingriff wie Schlauchmagen oder Magenbypass. Jahl sieht darin auch einen psychologischen Aspekt: „Viele investieren bewusst in ihre Gesundheit und ziehen die Therapie dadurch konsequenter durch.“ Gleichzeitig betont er, dass zusätzliche Kosten auch für Diagnostik, Begleitung, Coaching oder ergänzende Maßnahmen entstehen können. Umso wichtiger ist es, sich im Vorfeld gut zu informieren und die Therapie gemeinsam mit erfahrenen Fachleuten zu planen. Für stark übergewichtige Kinder und Jugendliche besteht unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, die Therapie mit Wegovy über spezialisierte Adipositas-Zentren im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung zu erhalten. Voraussetzung ist eine klare medizinische Indikation sowie eine umfassende Betreuung durch ein interdisziplinäres Team. Eine Verschreibung im niedergelassenen Bereich ist hier nicht vorgesehen.

Letztlich zeigt sich: Abnehmspritzen können ein wirkungsvolles Tool sein – ersetzen aber weder Eigenverantwortung noch eine Lebensstiländerung. Oder wie Jahl es formuliert: „Die Spritze öffnet die Tür – durchgehen müssen die Patientinnen und Patienten selbst.“


Fotos:  zvg, istockphoto/a dragan

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