Durch Impfungen treten heute viele Erkrankungen nicht mehr auf, was aber nicht heißt, dass es sie nicht mehr gibt. Sie haben nur den Schrecken verloren, weil wir sie nicht mehr sehen.
Von Karin Schrammel
„Poliomyelitis kann ein gesundes Kind schwer schädigen – bis hin zu bleibenden Lähmungen. Durch die Impfung lässt sich diese Erkrankung verhindern.“
Es war Nachkriegszeit: Weltweit kursierte eine gefürchtete Infektionskrankheit, die Poliomyelitis. Nach anfänglichen Symptomen wie Fieber, Halsweh, Übelkeit konnte die Krankheit verschwinden oder in Lähmungserscheinungen, die vor allem bei Kindern auftraten, wieder auftreten. Teilweise verlief die Erkrankung tödlich, wenn etwa das Herz oder die Atemwege betroffen waren. In anderen Fällen waren Betroffene ihr Leben lang gelähmt oder gehbehindert, galten als nicht arbeitsfähig. Einige waren auf Beatmungsgeräte wie die Eiserne Lunge angewiesen.
Hohe Todesrate
Erste Fälle von Poliomyelitis gab es seit dem 19. Jahrhundert. 1930 kam es zu größeren Krankheitswellen, in den späten 1940er Jahren war ein weltweiter Höhepunkt erreicht. „In den Nachkriegsjahren herrschte eine regelrechte Epidemie in Österreich“, weiß Dr. Monika Peter, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde in Wiener Neustadt. Zwischen 1946 und 1961 wurden in Österreich 12.620 Erkrankungsfälle und 1.426 Todesfälle an paralytischer Poliomyelitis registriert.
Die Todesrate bei den gemeldeten Polio-Fällen lag bei rund elf Prozent. Es galten strenge Vorsichtsmaßnahmen, Betroffene wurden in Infektionshäusern isoliert. Lange Zeit war wenig bekannt über die Krankheit, die aus Kindern Krüppel machte. Es dauerte viele Jahre, bis es Fortschritte gegen die Erkrankung gab.
Ende der 1950er Jahre starteten schließlich groß angelegte Impfkampagnen. Genannt wurde die Erkrankung ursprünglich Heine-Medin-Krankheit, nach dem deutschen Orthopäden Jakob Heine und dem schwedischen Kinderarzt Karl Oskar Medin, die das Krankheitsbild und seinen epidemischen Charakter im 19. Jahrhundert erstmals genauer beschrieben.
Heutzutage verwendet man die medizinische Bezeichnung Poliomyelitis, kurz: Polio. Eingebürgert hat sich auch die Bezeichnung „Kinderlähmung“. „Der Name Kinderlähmung darf Erwachsene jedoch nicht in falscher Sicherheit wiegen“, sagt Monika Peter. „Auch ungeimpfte Erwachsene können erkranken, und das Risiko einer paralytischen Form steigt tendenziell mit dem Alter.“
1 von 200
Polioviren gehören zur Gruppe der Enteroviren und sind kleine, unbehüllte RNA-Viren. Sie kommen ausschließlich beim Menschen vor und werden in drei Serotypen unterteilt, wobei Typ 1 weltweit am häufigsten vorkommt und schwere Erkrankungen verursachen kann. Typ 2 und 3 gelten als ausgerottet. Die Übertragung erfolgt überwiegend fäkal-oral, etwa durch Schmierinfektionen oder verunreinigte Lebensmittel und Wasser. Da sich das Virus zunächst auch im Rachenraum vermehren kann, ist auch eine Übertragung über Tröpfchen möglich.
Bis zu 90 Prozent der Poliovirus-Infektionen verlaufen symptomlos oder nur mit milden, unspezifischen Beschwerden und bleiben daher häufig unerkannt. Bei einigen ähneln die Symptome oft einem grippalen Infekt. „Bei der abortiven Poliomyelitis bleibt das Zentralnervensystem unbeteiligt; die milden, unspezifischen Beschwerden klingen vollständig ab“, sagt Monika Peter.
„Bei einem kleinen Teil der Infizierten, ein bis zwei Prozent, befällt das Virus das zentrale Nervensystem. Hierbei treten Symptome wie Nackensteifigkeit oder Muskelspasmen auf. Zu Lähmungen der Muskulatur kommt es nicht. Und bei etwa 0,1 bis 0,5 Prozent der Infizierten kommt es zu bleibenden Lähmungen, also bei einem von 200.“
Das Tückische: Auch Jahrzehnte nach einer Kinderlähmung kann es zu einem Post-Polio-Syndrom mit Müdigkeit, Muskelschwäche, Schmerzen und Lähmungen kommen. Eine Heilung gibt es bis heute nicht, jedoch eine Impfung. 1998 wurde umgestellt von der Schluckimpfung auf den inaktivierten Polioimpfstoff IPV als Spritze, meist in Kombinationsimpfstoffen. Geimpft werden sollten schon Babys, sagt die Kinderärztin.
Vorübergehende Impfreaktionen sind nach der 6-fach-Impfung häufig: „Etwa 30 Prozent der Kinder reagieren beispielsweise mit Schmerzen an der Einstichstelle, Reizbarkeit oder Fieber. Schwerwiegende Nebenwirkungen sind hingegen sehr selten. Nähe, Trinken und Ruhe genügen oft. Bei Bedarf kann zusätzlich ein alters- und gewichtsentsprechend dosiertes Schmerz- oder Fiebermittel wie Paracetamol gegeben werden. Im Gegensatz zu dem, was man bei nicht geimpften Kindern riskiert, ist die mögliche Impfreaktion nicht der Rede wert.“
In ihrer Praxis führt sie täglich Aufklärungsgespräche über notwendige Impfungen und mögliche Nebenwirkungen. Viele Eltern sind bei Impfentscheidungen verunsichert – schließlich möchte jeder das Beste für sein Kind. „Ich vergleiche das Impfen gerne mit dem Anschnallen im Auto: Beides sind vorbeugende Maßnahmen. Man hofft, dass man ihren Schutz nie wirklich braucht – aber wenn es darauf ankommt, können sie schwere Folgen verhindern oder deutlich abmildern.“
Nicht ausgerottet
Polio ist noch nicht ausgerottet: In Pakistan und Afghanistan kursiert Wildtyp 1. „Durch die weltweite Reisetätigkeit besteht das Risiko, dass das Virus auch in unseren Breiten auf eine ungeimpfte Person trifft. Bei routinemäßigen Abwasseruntersuchungen werden in Europa vereinzelt Polioviren nachgewiesen – ein Hinweis darauf, dass das Virus weiterhin eingeschleppt werden kann“, weiß die Ärztin.
Fakt ist: Impfungen haben vielen tödlichen Infektionskrankheiten ihren Schrecken genommen, da sie aus unserem Alltag verschwunden sind. Es ist ein Präventionsparadox, sagt Monika Peter: „Je erfolgreicher eine Impfung ist, desto seltener wird die Krankheit – und desto leichter gerät ihre Bedrohlichkeit in Vergessenheit. Gerade deshalb dürfen wir wirksame Schutzimpfungen nicht vernachlässigen.“ Schließlich diene die Vergangenheit auch immer dazu, um aus ihr zu lernen.
Polio: Impfen schützt!
Die Polio-Impfung gehört zum kostenfreien Kinderimpfprogramm in Österreich. Sie erfolgt gemeinsam mit der Impfung gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Haemophilus influenzae und Hepatitis B als 6-fach-Impfung.
- Impfung: ab der vollendeten 6. Lebenswoche, jedenfalls im 3. Lebensmonat
- Impfung: 2. Dosis zwei Monate nach der 1. Dosis
- Impfung: 6 Monate nach der 2. Dosis
Auffrischungsimpfungen mit 4-fach-Impfstoffen gegen Diphtherie, Tetanus, Polio und Pertussis:
- Auffrischungsimpfung: nach dem 5. Geburtstag (im 6. Lebensjahr) und vor Schuleintritt
- Auffrischungsimpfung: nach fünf Jahren, spätestens in der 8. Schulstufe, zwischen dem 14. und 15. Lebensjahr, spätestens vor Ende des Pflichtschulalters
Impf-Empfehlungen für Erwachsene
Für die Auffrischungsimpfung gibt es Einzel- oder Kombinationsimpfstoffe, die gleichzeitig auch vor Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten schützen. Nach der Grundimmunisierung und zwei Auffrischungsimpfungen sind weitere Impfungen nur bei entsprechender Indikation erforderlich und sollten alle zehn Jahre erfolgen. Bei fehlender Grundimmunisierung: zwei Impfungen im Abstand von ein bis zwei Monaten, 3. Impfung sechs bis zwölf Monate nach der 2. Impfung. Der Impfschutz beträgt 100 Prozent.
Polio 2026 in Zahlen
Endemische Länder 2
Afghanistan und Pakistan – nur dort zirkuliert wildes Poliovirus Typ 1. „Endemisch“ bedeutet, dass die Übertragung dort nie dauerhaft unterbrochen wurde.
- Lähmungsrisiko ≈ 1 von 200
Infektionen führen nach der WHO-Größenordnung zu bleibender Lähmung. - Rückgang seit 1988 > 99 %
weniger Wildpoliofälle weltweit – damals lähmte das Virus geschätzt täglich mehr als tausend Kinder. - Ausgerottete Wildtypen 2 von 3
Typ 2 zertifiziert 2015, Typ 3 zertifiziert 2019. Nur Typ 1 zirkuliert weiter. - Poliorisiko durch IPV 0
Österreich und viele andere poliofreie Länder verwenden den inaktivierten Polioimpfstoff IPV als Spritze, meist in Kombinationsimpfstoffen. Er enthält keine vermehrungsfähigen Polioviren und kann keine Polioerkrankung auslösen.
Stand der Länder- und Fallangaben: 2. September 2026. Die Zahlen zur Ländereinstufung stammen aus der WHO-Notfallkomitee-Erklärung vom 25. August 2026.
Fotos: zvg, istock/naumoid