Infektionen & Immunsystem, Nieren & Harnblase

Viren statt Antibiotika

Harnwegsinfekte stellen für viele Betroffene eine quälende Dauerschleife dar: Kaum ist eine Infektion überstanden, kommt die nächste. Ein großes europäisches Forschungsprojekt will diesen Kreislauf nun durchbrechen – mithilfe spezieller Viren und einer gesunden Darmflora.

Von Michaela Neubauer

Brennen beim Wasserlassen, ständiger Harndrang und Schmerzen im Unterbauch: Harnwegsinfektionen gehören zu den häufigsten bakteriellen Infektionen. Weltweit erkranken Schätzungen zufolge jährlich mehr als 400 Millionen Menschen daran, Frauen wesentlich häufiger als Männer. Besonders belastend wird es, wenn die Beschwerden immer wiederkehren. Bei 30 bis 50 Prozent der Betroffenen kommt es zu wiederholten Infektionen. Üblicherweise werden bakterielle Harnwegsinfekte mit Antibiotika behandelt. Doch deren wiederholter Einsatz hat Schattenseiten: Er kann die Darmflora beeinträchtigen und die Entstehung resistenter Bakterien begünstigen. 

Viren als Bakterienjäger

Einen völlig anderen Weg will nun das europäische Forschungsprojekt REPhRAME gehen. Unter Leitung der Universitätsmedizin Frankfurt untersuchen 16 Partner aus Wissenschaft, Medizin und Industrie in acht europäischen Ländern eine neuartige Behandlung gegen wiederkehrende Harnwegsinfektionen. Die Europäische Union fördert das auf fünf Jahre angelegte Projekt im Rahmen von „Horizon Europe“ mit 15 Millionen Euro. Im Mittelpunkt stehen sogenannte Bakteriophagen, kurz Phagen. Das sind Viren, die für Menschen ungefährlich sind, aber bestimmte Bakterien befallen und zerstören können. Anders als ein Antibiotikum, das auch zahlreiche nützliche Bakterien trifft, können Phagen sehr gezielt gegen bestimmte Krankheitserreger eingesetzt werden. Für das Forschungsprojekt sollen mithilfe der Genschere CRISPR entwickelte Phagen zum Einsatz kommen. Sie richten sich gegen häufige Auslöser von Harnwegsinfektionen und sollen gleichzeitig die Gefahr reduzieren, dass neue Resistenzen entstehen.

Die Darmflora als Schutzschild

Doch das Abtöten der Krankheitserreger ist nur der erste Teil der Strategie. Denn viele Bakterien, die Harnwegsinfektionen verursachen, stammen ursprünglich aus dem Darm. Deshalb setzt das Forschungsteam anschließend dort an. Nach der Phagentherapie sollen die Studienteilnehmenden aufbereitete Darmbakterien gesunder Spender erhalten. Damit soll sich ein gesundes Darmmikrobiom wieder etablieren. Die Idee dahinter: Nützliche Mikroorganismen sollen krankmachende Bakterien zurückdrängen und verhindern, dass diese erneut vom Darm in die Harnwege gelangen. Ziel ist es, den Kreislauf aus Infektion, Antibiotikabehandlung und neuerlicher Infektion langfristig zu unterbrechen.

Wer profitiert?

Das europäische Projekt soll nicht nur zeigen, ob die Therapie grundsätzlich funktioniert. Die Forschenden wollen auch herausfinden, was mit den Phagen im Körper geschieht, welche Reaktionen des Immunsystems sie auslösen und wie sich das Darmmikrobiom während der Behandlung verändert. Dabei kommt auch Künstliche Intelligenz zum Einsatz: Mithilfe von KI-Modellen soll künftig möglichst früh vorhergesagt werden können, welche Patientinnen und Patienten besonders gut auf die Behandlung ansprechen. Gleichzeitig untersuchen die Forschenden die Auswirkungen auf Beschwerden und Lebensqualität sowie die Akzeptanz der ungewöhnlichen Therapie. Auch die Kosten und ein möglicher Einsatz im Gesundheitssystem werden analysiert.

Noch ist die Phagentherapie bei wiederkehrenden Harnwegsinfekten keine etablierte Standardbehandlung. Genau das soll REPhRAME ändern. Das Projekt könnte dabei weit über Harnwegs­infektionen hinaus Bedeutung bekommen. Denn je mehr Bakterien gegen gängige Antibiotika resistent werden, desto dringender benötigt die Medizin Alternativen.


Fotos: istock/MARHARYTA MARKO

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