Krebserkrankungen

Mama hat Krebs

Eine Krebsdiagnose trifft nie nur einen Menschen. Wenn eine Mutter erkrankt, verändert sich das Leben einer ganzen Familie. Plötzlich steht eine Frage im Raum, auf die es keine einfache Antwort gibt: Wie erkläre ich meinem Kind, was gerade passiert?

Von Michaela Neubauer

Mag. Jutta Steinschaden
„Man darf vor Kindern weinen. Das ist eine Krisensituation. Natürlich hat man Gefühle.“

Information schützt.“ Diesen Satz gibt Mag. Jutta Steinschaden, Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin der Krebshilfe Wien, Eltern immer wieder mit. Denn so verständlich der Wunsch ist, Kinder vor Angst und Sorgen zu bewahren: Sie spüren meist längst, dass etwas nicht stimmt. Plötzlich gibt es mehr Arzttermine, Oma und Opa holen häufiger vom Kindergarten ab, es wird hinter verschlossenen Türen telefoniert oder das Thema gewechselt, sobald das Kind den Raum betritt.

„Kinder bekommen mit, dass eine andere Stimmung herrscht, dass Angst im Raum steht und die Eltern sich anders verhalten“, sagt Steinschaden. Deshalb rät sie dazu, nach einer Krebsdiagnose möglichst zeitnah und offen mit den Kindern zu sprechen – idealerweise noch bevor die Behandlung beginnt. „Das ist natürlich eine große Hürde, gerade weil sich die Eltern selbst noch in einer Schocksituation befinden. Aber die Erleichterung danach ist meistens größer als die Angst davor.“

Krebs beim Namen nennen

Wie viel ein Kind wissen sollte, hängt von Alter und Entwicklungsstand ab. Eine Grundregel gilt jedoch immer: Kinder müssen nicht alles wissen – aber das, was man ihnen erzählt, sollte wahr sein. Auch das Wort „Krebs“ muss fallen. Umschreibungen wie „Mama hat ein Aua in der Brust“ seien wenig hilfreich. „Kinder können klare, direkte Informationen oft viel besser aufnehmen als ein Herumreden.“

Kinder haben schließlich selbst ständig kleine „Auas“ und könnten daraus falsche Schlüsse ziehen. Bei Brustkrebs könne man etwa erklären, dass in der Brust Zellen krank geworden sind und sich anders verhalten als gesunde Zellen. Wichtig ist außerdem zu vermitteln, was als Nächstes passiert: Muss Mama ins Krankenhaus? Bekommt sie Medikamente? Wie lange wird sie ungefähr weg sein?

Und wenn Eltern selbst noch keine Antwort kennen, dürfen sie auch das sagen: „Das weiß ich im Moment selbst noch nicht. Sobald ich es weiß, sage ich es dir.“ Ganz entscheidend sei außerdem die Information, dass Krebs nicht ansteckend ist. „Man darf die Mama weiterhin umarmen und mit ihr kuscheln.“ Ebenso wichtig: Das Kind trägt keinerlei Schuld an der Erkrankung.

Unterschiedliche Reaktionen

Wie Kinder auf die Nachricht reagieren, kann sehr verschieden sein. Manche stellen sofort viele Fragen, andere sagen nur „Aha“ und gehen wieder spielen. „Eltern sind manchmal fast enttäuscht, dass nicht mehr kommt“, erzählt Steinschaden. Doch auch das könne völlig normal sein. Kinder verarbeiten Informationen oft schrittweise und kommen Stunden oder Tage später mit Fragen zurück.

Deshalb sollte ein solches Gespräch nicht zwischen Tür und Angel oder unmittelbar vor dem Schlafengehen stattfinden. Kurzfristig können Schlafprobleme, Wut, Rückzug oder stärkere Anhänglichkeit auftreten. Hellhörig sollten Eltern allerdings werden, wenn Veränderungen länger anhalten oder stärker werden.

Besonders aufmerksam wird Steinschaden, wenn Kinder plötzlich auffallend angepasst sind: „Wenn Eltern sagen: Mein Kind ist gerade so tüchtig, so brav und so angepasst, dann ist das für mich eher ein Warnsignal.“ Manche Kinder versuchen dann, die Familie zusätzlich zu entlasten und tragen ihre Ängste allein mit sich herum. „Die Kinder schützen oft die Eltern – und die Eltern glauben gleichzeitig, sie schützen die Kinder.“

Mama darf krank sein

Während der Therapie wird die Erkrankung für Kinder oft sichtbarer. Eine Chemotherapie kann Müdigkeit, Übelkeit oder Haarausfall verursachen. „Die Kinder sollten wissen, dass die Nebenwirkungen nicht der Krebs sind.“ Sonst könne der Eindruck entstehen, die Mutter werde immer kränker, obwohl die Beschwerden durch die Behandlung hervorgerufen werden. Auch Haarausfall lässt sich kindgerecht erklären: Medikamente gegen Krebs greifen besonders schnell teilende Zellen an – dazu gehören auch Haarzellen.

Manche Familien beziehen die Kinder beim Haareabschneiden oder Rasieren mit ein, sofern sich die Mutter damit wohlfühlt. Vor allem aber müsse sie nicht versuchen, trotz Therapie den gesamten Alltag unverändert aufrechtzuerhalten. Familie und Freunde dürfen konkret helfen: Kinder abholen, Essen bringen, einkaufen oder einen Ausflug übernehmen. „Viele Freunde sagen: Melde dich, wenn du etwas brauchst. Aber dafür fehlt den Betroffenen oft die Kraft.“ Besser seien konkrete Angebote. Und Hilfe anzunehmen bedeute nicht, sofort etwas zurückgeben zu müssen.

Nichts versprechen, was niemand weiß

Besonders schwierig wird es, wenn die Erkrankung zurückkehrt oder nicht heilbar ist. Auch dann empfiehlt Steinschaden: ehrlich bleiben, nichts beschönigen – aber Hoffnung ermöglichen. „Man darf nicht versprechen, dass man auf jeden Fall wieder gesund wird.“

Stattdessen könne man erklären, dass die Krankheit gefährlich sein kann, die Ärztinnen und Ärzte aber alles tun, damit es der Mutter möglichst gut geht – und dass das Kind rechtzeitig erfährt, wenn sich etwas verändert. Zur Erkrankung gehört häufig auch Angst: vor der Therapie, den Nebenwirkungen, einem Rückfall oder dem Tod. Eltern müssen diese Gefühle vor ihren Kindern nicht verstecken. „Man darf vor Kindern weinen. Das ist eine Krisensituation. Natürlich hat man Gefühle.“ Wichtig sei zugleich zu zeigen, dass Gefühle kommen und auch wieder gehen können.

Wenn Eltern selbst kaum Halt finden oder nicht wissen, wie sie mit ihren Kindern sprechen sollen, kann psychoonkologische Unterstützung helfen. Oft reicht zunächst ein Elterngespräch. „Die Kinder müssen nicht immer sofort selbst zu uns kommen. Gerade bei jüngeren Kindern kann man viel darüber erreichen, dass die Eltern wieder Sicherheit gewinnen.“ Denn wer selbst stabiler steht, kann auch dem Kind mehr Halt geben.


Sabine, 39, aus Wien – „Ich darf nicht sterben“

ICH DARF NICHT STERBEN – das war mein erster Gedanke, als ich 2025 im Rahmen einer Routine-Mammografie einen „auffälligen“ Befund erhielt und nach der Biopsie die Diagnose Brustkrebs feststand. Meine Kinder (8 und 10) waren noch so klein, sie brauchen doch ihre Mutter!

Die Situation überforderte mich sehr, aber dank der Unterstützung meines Mannes, meiner besten Freundin und der Krebshilfe-Beraterin schaffte ich es halbwegs gut, mit meinen Ängsten umzugehen. Mein größtes Problem war aber, ob und wie ich es meinen Kindern sagen soll. Ich wollte sie um jeden Preis beschützen und ihnen keine Angst machen.

Meine Krebshilfe-Beraterin ermutigte mich, es ihnen mit ihrer Unterstützung kindgerecht zu sagen, da Kinder immer „mitbekommen“, dass etwas nicht stimmt und es dann fälschlicherweise auf sich beziehen. Anfangs war ich skeptisch, aber letztlich stimmte ich zu. Es war eine sehr gute Entscheidung, mit den Kindern zu sprechen und sie ihrem Alter entsprechend zu informieren und miteinzubeziehen.

Agnes, 44, aus Anif bei Salzburg – „Die Angst ist immer da“

Mit der Brustkrebsdiagnose änderte sich mein Leben von einem Tag auf den anderen. Nie hatte ich daran gedacht, an Krebs zu erkranken. Soweit wir wissen, gibt es keine Krebsfälle in unserer Familie. Umso größer war der Schock. Am meisten leide ich unter der Angst.

Seit der Diagnose ist sie wie ein Schatten da: zunächst die Angst vor dem Tod, dann vor den Nebenwirkungen, später vor den Kontrolluntersuchungen. Wirkt die Therapie? Was, wenn Metastasen dazugekommen sind? Und nach Therapieende die ungläubige Erleichterung: Ist jetzt alles vorbei? HATTE ich Krebs oder HABE ich ihn noch? Seit Ende 2024 bin ich krebsfrei. Aber nicht frei von Angst.

Bei jedem Zwicken ist sie wieder da: Ist der Krebs zurück? Während der Erkrankung lehnte ich psychologische Unterstützung zunächst ab. Seit letztem Jahr nehme ich die Termine bei der Krebshilfe dankbar wahr. Ich habe gelernt, mit der Angst umzugehen. Ganz verschwinden wird sie wohl nie.


Fotos: krebshilfe wien, istock/Katarzyna Bialasiewicz

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