Warum Männer die Prostata auch dann im Blick behalten sollten, wenn sie sich gesund fühlen, was der PSA-Wert tatsächlich aussagt und warum sich frühe Abklärung lohnt.
Von Natascha Gazzari
„Die Tastuntersuchung ist heutzutage meist nicht mehr notwendig und kann den Männern erspart werden.“
Keine Schmerzen, keine Beschwerden, fit und mitten im Leben: Wer sich gesund fühlt, sieht oft wenig Grund, einen Arzt aufzusuchen. Gerade Männer neigen dazu, Vorsorgeuntersuchungen aufzuschieben – nicht selten mit dem Gedanken, dass schon alles in Ordnung sein wird, solange nichts zwickt. Bei Prostatakrebs kann dieses Abwarten allerdings trügerisch sein. Denn im frühen Stadium macht die Erkrankung meist keinerlei Beschwerden.
Mit mehr als 8.000 Neudiagnosen pro Jahr ist Prostatakrebs nicht nur die häufigste Krebserkrankung des Mannes, sondern insgesamt die häufigste Krebsform in Österreich. Das Risiko steigt mit zunehmendem Alter und auch die familiäre Vorbelastung spielt eine Rolle. „Männer sollten ab dem 50. Lebensjahr zur Vorsorge gehen, wenn sie nach entsprechender Aufklärung eine Früherkennung wünschen“, sagt Prim. Priv.-Doz. Dr. Anton Ponholzer, F.E.B.U., Vorstand der Abteilung für Urologie und Andrologie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien und Vorstandsmitglied der Österreichischen Krebshilfe.
Für Männer mit familiärer Vorbelastung, etwa wenn Vater oder Bruder an Prostatakrebs erkrankt sind, empfiehlt sich der Beginn bereits ab 45 Jahren. Gerade weil sich ein Tumor zunächst unbemerkt entwickeln kann, kommt der Früherkennung eine besondere Bedeutung zu. Wird Prostatakrebs in einem frühen Stadium entdeckt, bestehen heute sehr gute Behandlungsmöglichkeiten und damit gute Chancen auf Heilung.
Ein Wert, aber keine Diagnose
Herzstück der Prostatakrebs-Früherkennung ist der PSA-Wert. Dabei handelt es sich um ein Eiweiß, das von den Zellen der Prostata gebildet wird und über eine Blutabnahme bestimmt werden kann. Ein erhöhter Wert sorgt bei
vielen Männern zunächst für Verunsicherung. Er bedeutet allerdings keineswegs automatisch, dass ein Tumor vorliegt, wie der Facharzt für Urologie erläutert: „Ein erhöhter PSA-Wert zeigt lediglich, dass das Risiko erhöht sein kann.“ Auch andere Veränderungen der Prostata können den Wert beeinflussen. Deshalb lässt sich aus einem einzelnen erhöhten PSA-Wert noch keine Krebsdiagnose ableiten.
Entscheidend ist vielmehr, wie der Wert eingeordnet und bei Bedarf weiter abgeklärt wird. „Wenn der PSA-Wert erhöht ist und dies bestätigt wird, ist heutzutage eine spezielle Prostata-MRT eindeutig zu empfehlen“, sagt der Experte. Die Magnetresonanztomografie kann dabei helfen, auffällige Bereiche der Prostata genauer zu beurteilen und zu entscheiden, ob weitere Untersuchungen notwendig sind.
Die Tastuntersuchung der Prostata gehört übrigens nicht mehr routinemäßig zur Prostatakrebsfrüherkennung dazu. Gerade diese Untersuchung hat bei vielen Männern die Vorstellung von einem unangenehmen Vorsorgetermin geprägt. „Die Tastuntersuchung ist heutzutage meist nicht mehr notwendig und kann den Männern erspart werden“, berichtet der Urologe.
Nicht jeder Tumor braucht sofort eine Therapie
Die Diagnose Prostatakrebs ist für jeden Mann zunächst ein Schock. Gleichzeitig hat sich die Behandlung in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt. Nicht jeder entdeckte Tumor muss sofort behandelt werden – und nicht jede Diagnose bedeutet automatisch Operation oder Bestrahlung. „Das Spektrum der Therapien ist extrem breit“, so Ponholzer.
Bei manchen Männern ist aufgrund eines sehr günstigen, langsam wachsenden Tumors zunächst überhaupt keine aktive Behandlung notwendig. Stattdessen wird die Erkrankung engmaschig kontrolliert und überwacht. Ist eine Behandlung erforderlich, kommen bei einem lokal begrenzten Tumor insbesondere Operation oder Bestrahlung infrage. „Darüber hinaus stehen zahlreiche medikamentöse Therapien zur Verfügung“, ergänzt der Urologe. Welche Behandlung die richtige ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab und muss individuell entschieden werden.
Mögliche Nebenwirkungen einer Therapie wie Erektionsstörungen oder Inkontinenz können, müssen jedoch nicht auftreten. Sie hängen unter anderem von der jeweiligen Behandlung und den individuellen Voraussetzungen ab und sollten vor einer Therapie ausführlich besprochen werden.
Wenn die Blase Probleme macht
Wer auf Beschwerden wartet, bevor er zum Urologen geht, sollte wissen: „Typische Symptome, die eindeutig auf Prostatakrebs hinweisen, gibt es im Frühstadium nicht.“ Probleme beim Wasserlassen können allerdings ein Hinweis darauf sein, dass mit der Prostata etwas nicht stimmt – müssen aber keineswegs durch einen Tumor verursacht werden. Mit zunehmendem Alter wird eine gutartige Vergrößerung der Prostata häufig.
Sie kann die Harnröhre einengen und dadurch den Harnfluss beeinträchtigen. „Wenn ein Mann das Gefühl hat, dass er die Blase nicht richtig entleeren kann oder sehr häufig Wasser lassen muss, sollte er das beim Urologen abklären lassen“, rät der Experte. Eine gutartige Prostatavergrößerung ist zwar nicht gefährlich und kein Vorläufer von Prostatakrebs, kann die Lebensqualität aber deutlich beeinträchtigen und sollte entsprechend behandelt werden.
Männergesundheit
Der Blick des Urologen oder der Urologin richtet sich allerdings nicht ausschließlich auf die Prostata. Auch andere Krebserkrankungen können das männliche Urogenitalsystem betreffen – etwa Tumore der Niere, der Blase oder des Hodens. Hodenerkrankungen können bereits in jungen Jahren eine Rolle spielen. Die sexuelle Gesundheit gehört ebenfalls zu Ponholzers Fachgebiet: „Das kann beispielsweise bei unerfülltem Kinderwunsch relevant werden. Fruchtbarkeitsprobleme können selbst bei jüngeren Männern eine Abklärung und gegebenenfalls Behandlung notwendig machen.“
Männer sollten daher nicht erst dann einen Termin beim Urologen vereinbaren, wenn Beschwerden bereits ausgeprägt sind. Auffälligkeiten oder Veränderungen gehören abgeklärt – unabhängig davon, ob es um die Prostata, die Blase, die Hoden oder die sexuelle Gesundheit geht.
Gesund leben, Risiken senken
Nicht alle Erkrankungen lassen sich durch einen gesunden Lebensstil verhindern. Trotzdem kann jeder Mann selbst einiges dafür tun, seine gesundheitlichen Risiken zu reduzieren. Dazu gehören regelmäßige Bewegung, ein normales Körpergewicht und eine ausgewogene Ernährung. Auf das Rauchen sollte laut Ponholzer vollständig verzichtet werden. Und auch beim Alkohol lohnt sich Zurückhaltung. „Alkohol wird zunehmend als Risikofaktor erkannt. Selbst kleine Mengen sind gesundheitlich nicht unbedenklich, daher sollte man möglichst wenig trinken.“
Zeit für die eigene Gesundheit
Vielleicht ist es gerade der volle Terminkalender, der Männer davon abhält, einen Vorsorgetermin zu vereinbaren. Vielleicht ist es die Vorstellung, dass eine Untersuchung unangenehm sein könnte. Oder schlicht der Gedanke: „Mir fehlt doch nichts.“ Genau dieser Gedanke kann bei Prostatakrebs allerdings in die Irre führen. „Ein Mann, der sich gesund fühlt und deshalb auf die Vorsorge verzichtet, erhöht das Risiko, dass eine bösartige Erkrankung erst später
entdeckt wird. Dann kann die Behandlung schwieriger sein und die Heilungschancen können sinken“, erläutert der Experte.
PSA-Wert als Wegweiser
Das empfohlene Intervall des PSA-Screenings hängt vom Ergebnis des PSA-Tests ab:
- Männer mit einem PSA von < 1,0 ng/mL werden im Abstand von fünf Jahren zur nächsten PSA-Bestimmung eingeladen.
- Männer mit einem Wert von 1,0–2,99 ng/mL werden in zwei Jahren zur nächsten PSA-Bestimmung eingeladen.
- Bei einem PSA von ≥ 3,0 ng/mL soll das PSA innerhalb von vier bis sechs Wochen neuerlich bestimmt werden. Bei einem neuerlichen PSA von ≥ 3,0 ng/mL muss eine Abklärung bei Fachärztinnen, -ärzten für Urologie und Andrologie erfolgen.
- Bei einem wiederholten PSA-Wert von ≥ 3,0 ng/mL ist eine weitere Abklärung mittels biparametrischer MRT empfohlen.
Männer-Vorsorge: Mehr als nur Prostata
- Hoden: Ab der Pubertät regelmäßig selbst auf Veränderungen achten. Bei Knoten, Schwellungen oder anderen Auffälligkeiten ärztlich abklären lassen.
- Darm: Ab 45 Jahren an die Darmkrebsvorsorge denken – etwa mit einer Darmspiegelung oder einem Stuhltest.
- Haut: Die Haut regelmäßig selbst beobachten und auffällige Veränderungen ärztlich kontrollieren lassen.
- HPV: Die HPV-Impfung wird für Buben und Mädchen ab dem neunten Geburtstag empfohlen.
Fotos: istock: alvarez, Bigmouse108