Wurzelkanalbehandlungen sind heute dank neuer Technologien weitgehend schmerzfrei, erläutert Zahnarzt Dr. dent. med. Sasa Jovanović aus Freistadt (OÖ).
Von Carolin Rosmann
Das Ziel ist, den eigenen Zahn so lange wie möglich zu erhalten.
Warum ist der Erhalt der eigenen Zähne so wichtig für die Gesundheit?
Der eigene Zahn ist durch nichts zu ersetzen. Er gibt Stabilität im Kiefer, sorgt für gutes Kauen und damit für eine gesunde Verdauung. Auch Sprache,
Aussehen und Selbstbewusstsein hängen eng damit zusammen. Eigene Zähne sind ein Stück Lebensqualität.
Welche Faktoren können dazu führen, dass ein Zahn in Gefahr ist und eine Wurzelbehandlung notwendig wird?
Meist steckt eine tiefe Karies dahinter. Aber auch kleine Risse, ein Unfall oder wiederholte Behandlungen können das Zahninnere schwächen. Dringen Bakterien bis zum Nerv vor, entzündet sich dieser – dann hilft nur eine Wurzelbehandlung, um den Zahn zu retten.
Was sind die wichtigsten Schritte, um einen Zahn vor einer Extraktion zu bewahren?
Der erkrankte Nerv wird entfernt,
die feinen Kanäle gründlich gereinigt und desinfiziert und schließlich dicht verschlossen. Wenn das gelingt, kann der Zahn noch viele Jahre seinen Dienst tun – ganz ohne Schmerzen.
Viele Patientinnen und Patienten haben Angst vor Wurzelbehandlungen – wie gelingt es, diese so schmerzfrei wie möglich zu gestalten?
Die Angst ist verständlich, aber in den allermeisten Fällen unbegründet. Moderne Betäubungen wirken zuverlässig. Neben der klassischen Lokalanästhesie setzen wir heute auch auf Methoden wie die intraligamentäre Anästhesie. Dabei wird das Anästhetikum direkt in den Bereich des Zahnhalteapparats eingebracht – die Wirkung tritt schnell ein und bleibt lokal begrenzt. Mit Geduld, einer ruhigen Atmosphäre und guter Erklärung erleben die Patientinnen und Patienten die Behandlung fast immer schmerzfrei.
Gibt es neue Techniken oder Materialien, die eine Wurzelbehandlung angenehmer und erfolgreicher machen?
Ja, die Zahnmedizin hat sich stark weiterentwickelt. Elektronische Messgeräte, maschinelle Instrumente und das Arbeiten unter dem Mikroskop oder mit Lupenbrille ermöglichen eine extrem präzise Behandlung – wir sehen dadurch Strukturen, die früher verborgen blieben. Für die Desinfektion kommen moderne Verfahren wie der Einsatz von Laserlicht hinzu, das tief in die feinen Kanäle eindringt und Bakterien besonders effektiv eliminiert. Auch biokeramische Materialien gewinnen an Bedeutung: Sie sind biologisch sehr verträglich, dichten zuverlässig ab und regen sogar körpereigene Heilungsprozesse im Knochen an. Das erhöht die Langzeiterfolge erheblich.
Ein weiterer Fortschritt liegt in der Diagnostik: Mit modernen Röntgenverfahren, insbesondere der selektiven 3D-Aufnahme (DVT), kann heute gezielt nur der betroffene Zahn dreidimensional dargestellt werden. Dadurch erhalten wir ein extrem genaues Bild der Kanäle, ihrer Verzweigungen und möglicher Besonderheiten – bei gleichzeitig geringer Strahlenbelastung. Diese präzise Planung reduziert Risiken und erleichtert eine sichere, schonende Behandlung.
Welche weiteren Faktoren spielen eine Rolle für den Behandlungserfolg?
Zum Beispiel die Spülung der Wurzelkanäle: Statt nur auf eine Lösung zu setzen, kombinieren wir heute verschiedene Spülungen: Natriumhypochlorit entfernt zuverlässig Bakterien und Gewebereste, während EDTA (Ethylendiamintetraessigsäure) Kalk- und Schmierschichten löst und so die feinen Kanalstrukturen besser zugänglich macht. Erst die Kombination beider Wirkstoffe sorgt für eine gründliche Reinigung bis in kleinste Verästelungen.
Ebenso wichtig ist die Isolierung des Zahns während der Behandlung. Mit dem sogenannten Kofferdam, einem dünnen Gummituch, wird der behandelte Zahn von der übrigen Mundhöhle abgeschirmt. So können keine neuen Bakterien eindringen, die Patientin oder der Patient schluckt keine Spüllösungen – und das Gefühl während der Behandlung ist deutlich angenehmer und sicherer.
Wie sieht die Nachsorge aus, um den Zahn langfristig zu erhalten?
Nach der Behandlung braucht der Zahn meist eine stabile Krone, um ihn dauerhaft zu schützen. Wichtig sind außerdem regelmäßige Kontrollen und eine gute Mundhygiene – so bleibt der Erfolg erhalten.
Welche Rolle spielt die Prävention in der Zahnerhaltung?
Eine entscheidende. Wer gründlich putzt, fluoridhaltige Produkte nutzt, sich ausgewogen ernährt und regelmäßig zur Kontrolle kommt, senkt das Risiko für Karies und Entzündungen enorm. Vorbeugen ist immer einfacher als heilen.
Wann sollte man bei Schmerzen oder Karies frühzeitig einen Zahnarzttermin vereinbaren?
Am besten sofort, sobald man etwas bemerkt. Schon kleine Warnsignale wie Druckempfindlichkeit oder ein Ziehen beim Kauen sind ernst zu nehmen. Je
früher wir eingreifen, desto einfacher und schonender ist die Behandlung.
Wie bewerten Sie die Zukunft der Wurzelbehandlung?
Die Zukunft ist vielversprechend. Bildgebende Verfahren werden immer genauer, neue Spüllösungen, Laser, biokeramische Werkstoffe und regenerative Materialien eröffnen zusätzliche Möglichkeiten. Unser Ziel bleibt klar: den eigenen Zahn so lange wie möglich zu erhalten.
Fotos: zvg, istockphoto/ ayo888, andrey popov