Die Nieren sind ein unterschätztes Hochleistungsorgan. Sie sind essenziell für das Überleben, arbeiten rund um die Uhr. Doch geschwächte Nieren bleiben selbst bei Risikogruppen häufig lange unbemerkt.
Von Karin Schrammel
„Viele Betroffene wissen nichts von ihrer Erkrankung.“
Über zehn Prozent der Bevölkerung leiden an einer chronischen Nierenschwäche, dennoch wissen die wenigsten Menschen darüber Bescheid. Das allgemeine Wissen über die Bedeutung und die vielfältigen Funktionen der Nieren und über Nierenerkrankungen ist sehr begrenzt: Viel höher ist etwa das Bewusstsein über Herzkrankheiten oder über einen gestörten Blutzucker (Diabetes mellitus). „Dabei wird nahezu jeder lebenswichtige Regelkreis im menschlichen Körper von den Nieren entweder kontrolliert oder maßgeblich mitbeeinflusst“, sagt Univ.-Prof. Dr. Kathrin Eller, Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Nephrologie. „Sei es der Elektrolyt- und Flüssigkeits- oder der Säure-Basen-Haushalt, die Entgiftung ständig anfallender Endprodukte unseres Stoffwechsels oder die Herstellung roter Blutkörperchen bis hin zur Funktionstüchtigkeit unserer Knochen, um nur einige wenige Aufgaben der Nieren zu nennen.“ Die zwei bohnenförmigen Organe, die unterhalb des Brustkorbs, rückenseitig, beidseits der Wirbelsäule angesiedelt sind, sind ein wahres Multitalent – und werden oft zu wenig beachtet. Erkranken die Nieren oder fallen sie ganz aus, kann dies lebensbedrohliche Folgen haben. Bei schweren Funktionsstörungen ist eine Dialyse (Blutwäsche) oder eine Nierentransplantation nötig.
Spektrum der Erkrankungen
Das Spektrum der Nierenerkrankungen ist groß: Nierensteine, Nierenzellkrebs, Nierengefäßerkrankungen, Nierenentzündungen, chronische Niereninsuffizienz und viele andere. Man unterscheidet zwischen akuten Funktionsstörungen und chronischen Erkrankungen (siehe Infokasten Seite 13). Während das akute Nierenversagen plötzlich auftritt und oft heilbar ist, entwickelt sich die chronische Nierenerkrankung über Monate oder Jahre schleichend und führt zu einem dauerhaften Funktionsverlust. Die Österreichische Gesellschaft für Nephrologie schätzt, dass die chronische Nierenkrankheit bis zum Jahr 2040 weltweit die fünfthäufigste Todesursache sein wird – die stille Epidemie der Gegenwart. Die Symptome beginnen schleichend und sind so unspezifisch, dass sie häufig übergangen werden. Erste Anzeichen können Müdigkeit und Leistungsabfall, erhöhter Blutdruck, verstärkter nächtlicher Harndrang, blasser Teint, Wassereinlagerungen oder Muskelkrämpfe sein. „Viele Betroffene wissen nichts von ihrer Erkrankung“, bedauert Nephrologin Eller: „Obwohl die Diagnose einer chronischen Nierenkrankheit lediglich zwei Parameter erfordert – die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR), die aus dem Serum-Kreatinin berechnet wird, und die Albuminurie aus einem Spontanharn, bestimmt durch den Urin-Albumin-Kreatinin-Quotienten –, bleibt die Erkrankung immer noch stark unterdiagnostiziert. Damit gehen wertvolle Zeit und Ressourcen verloren.“
Herz und Nieren
Diabetes mellitus und Bluthochdruck sind die häufigsten Ursachen für eine chronische Nierenerkrankung und verursachen zusammen 40 bis 50 Prozent aller Dialysefälle, sagt OA Dr. Peter Palkovits, Nephrologe an der Klinik Ottakring und in der Praxisgemeinschaft Med Wien Mitte (www.med-wien-mitte.at): „Insbesondere werden die empfindlichen Kapillargefäße und Filterstrukturen der Nieren durch chronisch erhöhten Blutzucker chemisch verändert bzw. durch den Bluthochdruck zusätzlich übermäßig belastet. Dadurch kommt es zu strukturellen Vernarbungen mit unwiederbringlichem Funktionsverlust. Wenn der Kreatininwert im Blut messbar zu steigen beginnt, sind aber bereits etwa 50 Prozent (!) des Nierenfunktionsgewebes verloren gegangen – und dies meist unbemerkt.“ Umso bedeutender die zeitgerechte Albumin-Kontrolle in der Harnanalyse: Diese gibt bereits frühzeitig Hinweise auf diabetische und/oder hypertensive Nierenschäden. Bereits hier gilt es, therapeutisch aktiv zu werden. Korrespondierende Gefäßschäden finden sich übrigens auch an der Netzhaut der Augen. Der Augenarzt kann mittels sogenannter Fundoskopie des Augenhintergrunds somit ebenfalls interessante Hinweise auf die Nierengesundheit liefern.
Auch das Herz leidet unter selbigen Bedingungen. Der Herzmuskel verliert an Geschmeidigkeit und versteift zusehends, wodurch seine Blutfüllung in der Entspannungsphase (Diastole) beeinträchtigt wird und folglich auch der systolische Blutauswurf – selbst bei sonst guter Pumpkraft, erklärt Palkovits: „Auf der hämodynamischen Ebene leiden die bluthungrigen wie empfindlichen Nieren in doppelter Hinsicht: einerseits durch reduzierten Blutzustrom, andererseits durch den venösen Rückstau. Eine Ausscheidungsschwäche der Nieren, vor allem bei Dialysepatientinnen und -patienten, fördert wiederum eine Überwässerung und verstärkt durch Herzüberlastung diesen Teufelskreis.“ Die Wechselbeziehung zwischen Herz und Nieren ist noch wesentlich komplexer. Die Rolle der Nieren wurde in diesem sogenannten kardiorenalen Kontinuum lange unterschätzt – und das zu Unrecht: Die Herzgesundheit wird von der Nierenfunktion maßgeblich beeinflusst, weiß Palkovits: „Die meisten höhergradig Nierenkranken erleben die Hämodialyse gar nicht, weil sie schon vorher an kardiovaskulären Ereignissen, z. B. Herzinfarkt, versterben. It’s the kidney that breaks the heart.“
Erfolgversprechende Therapie
Bewährte Medikamente wie ACE-Hemmer und AT2-Blocker, aber auch neuere SGLT2-Hemmer beeinflussen neben der Nierenfunktion auch die Herz-Kreislauf-Gesundheit positiv, senken den Blutdruck und reduzieren den Blutzucker, sagt Palkovits: „Zeitgerecht eingesetzt, können SGLT2-Hemmer eine Dialysepflichtigkeit sogar um bis zu 25 Jahre hinauszögern.“ Substanzen wie nonsteroidale Mineral rezeptorantagonisten (nsMRA) und GLP1-Agonisten ergänzen die pharmakologische Palette.
Nephrologin Eller rät: „Zögern Sie bei einer chronischen Nierenerkrankung nicht, Fachärztinnen oder -ärzte für Nierenheilkunde sowie spezialisierte nephrologische Zentren aufzusuchen, die Sie auf Ihrem Weg begleiten und Ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Gemeinsames rasches, fachkundiges und empathisches Handeln ist die beste Voraussetzung für den Erfolg, auch wenn es an die Nieren geht.“
| Akute Nierenschädigung | Chronische Nierenerkrankung | |
| Beginn | Plötzlich (innerhalb von Stunden bis Tagen) | Schleichend (über Monate bis Jahre) |
| Dauer | Kurzzeitig | Länger als 3 Monate |
| Symptome | Oft heftig: plötzlicher Rückgang der Urinmenge, Ödeme | Lange symptomlos; später Müdigkeit, Appetitlosigkeit |
| Heilbarkeit | Oft vollständig reversibel (umkehrbar) | Meist irreversibel; Ziel ist die Verzögerung des Progresses |
Fotos: zvg, istockphoto/ma_rish