Nieren & Harnblase

Inkontinenz – Zeit, offen zu sprechen

Harninkontinenz ist weit verbreitet, aber für viele ein sensibles Thema. Eine Frauenärztin macht Betroffenen Mut, offen über ihr Problem zu sprechen. Denn richtig diagnostiziert lassen sich Inkontinenzbeschwerden gut behandeln.

Von Natascha Gazzari

OÄ Dr. Magdalena Ritter
„Regelmäßiges Beckenbodentraining 
ist bei Harninkontinenz das Um und Auf.“ 

Meist beginnt es ganz unscheinbar: ein nasser Fleck nach dem Niesen, ein unfreiwilliger Tropfen beim Joggen, der ständige Blick nach der nächsten Toilette. Was zunächst wie ein kleines Missgeschick wirkt, kann schnell zur ständigen und belastenden Begleiterin im Alltag werden. Dass Harninkontinenz ein Problem ist, das oft im Verborgenen wächst, weiß die Gynäkologin OÄ Dr. Magdalena Ritter aus Erfahrung: „Obwohl wir versuchen, das Thema zu enttabuisieren, sprechen viele Betroffene ihre Inkontinenz aus Scham nicht offen an.“ Dabei wäre das der erste und wichtigste Schritt auf dem Weg zurück in einen Alltag, der nicht von der ständigen Sorge, dass „es wieder passiert“, geprägt ist.

Risikofaktoren

Harninkontinenz kann jede und jeden treffen, das Risiko steigt jedoch mit zunehmendem Alter. Bei den über 60-Jährigen haben rund
23 Prozent eine Form der Blasenschwäche, wobei Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer. Die Gründe dafür liegen in den Besonderheiten des weiblichen Körpers: „Schwangerschaften und Geburten sowie hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren können den Beckenboden schwächen und das Entstehen von Harninkontinenz begünstigen“, so die Gynäkologin. Es gibt jedoch auch Risikofaktoren, die Frauen und Männer gleichermaßen betreffen, wie Übergewicht, Bewegungsmangel und chronischer Husten (COPD).

Es beginnt mit einem Gespräch

Sobald der ungewollte Harnverlust die Lebensqualität beeinträchtigt, sollte man sich professionell beraten lassen. In einem ausführlichen Gespräch werden die Beschwerden erhoben und eruiert, um welche Form der Inkontinenz es sich handelt. „Wichtiger Teil der Diagnostik ist das Blasentagebuch, in dem zwei Tage lang die Trinkmenge, die Harnmenge, die Intensität des Harndrangs sowie die Menge des unfreiwilligen Harnverlusts dokumentiert werden“, so Ritter. Ergänzend kann eine urodynamische Messung durchgeführt werden, um die Speicher- und Entleerungsfunktion von Harnblase und Harnröhre möglichst exakt zu messen und zu beurteilen. Konnte die Ursache für den unfreiwilligen Harnverlust identifiziert werden, stehen eine Vielzahl an Therapiemöglichkeiten zur Verfügung – von Lebensstilanpassungen bis hin zu operativen Eingriffen. Die bewusste und langfristige Änderung von Gewohnheiten spielt dabei eine entscheidende Rolle, wie die Expertin für Urogynäkologie berichtet: „Rauchstopp, regelmäßige Bewegung und ballaststoffreiche Ernährung können die Beschwerden positiv beeinflussen.“ Geht die Inkontinenz mit Übergewicht einher, sollte laut Ritter auch hier angesetzt werden: „Bereits eine Gewichtsreduktion von fünf bis zehn Prozent kann die Inkontinenz erheblich verbessern.“ 

Unverzichtbarer und vielleicht wichtigster Teil der Therapie – und zwar unabhängig davon, ob es sich um eine Drang- oder eine Belastungsinkontinenz handelt – ist das gezielte Beckenbodentraining. „Regelmäßiges und kontinuierliches Beckenbodentraining ist das Um und Auf und führt bei rund 80 Prozent der Betroffenen zu einer Verbesserung bzw. zu einem zufriedenstellenden Ergebnis“, sagt Magdalena Ritter. Voraussetzung für erfolgreiches Beckenbodentraining ist, dass es unter physiotherapeutischer Anleitung erlernt und langfristig praktiziert wird.

Hilfsmittel und medikamentöse Therapien

Medizinische Hilfsmittel wie Pessare, die von der Frauenärztin oder vom Frauenarzt verordnet und individuell angepasst werden müssen, können bei einer Belastungsinkontinenz unterstützend wirken. „Pessare werden in die Vagina eingeführt und stützen Blase und Harnröhre von innen“, erklärt die Gynäkologin. Zur Therapie der Harninkontinenz gehört immer auch eine individuelle Beratung zu geeigneten Inkontinenzhilfsmitteln wie speziellen Einlagen, Inkontinenztampons oder saugfähigen Windelhosen, die den Alltag deutlich erleichtern können. Je nach Form der Harninkontinenz können zusätzlich medikamentöse Behandlungsoptionen wie lokal angewendete Östrogene oder sogenannte Anticholinergika bei Dranginkontinenz zum Einsatz kommen. Anticholinergika beruhigen die überaktive Blase und vermindern den plötzlichen, schwer kontrollierbaren Harndrang.

Botox gegen den Harndrang

Führen konsequente Physiotherapie, Toilettentraining und medikamentöse Therapie bei der Dranginkontinenz nicht zum gewünschten Erfolg, können Injektionen mit Botulinumtoxin helfen. Bei einem minimal-invasiven Eingriff wird Botox gezielt in den Blasenmuskel gespritzt, um den Harndrang zu verringern und die Blasenkapazität zu erhöhen. „Der kurze Eingriff erfolgt mittels Blasenspiegelung mit lokaler Betäubung, die Wirkung tritt nach zwei bis drei Wochen ein und hält typischerweise sechs bis zwölf Monate an“, erläutert Ritter.

Operation als zusätzliche Option

„Eine Operation macht nicht automatisch alles besser“, bringt es die Frauenärztin auf den Punkt und verweist erneut auf die enorme Bedeutung von regelmäßigem Beckenbodentraining. „Alles, was ohne OP besser wird, ist ein Erfolg.“ Ist ein operativer Eingriff dennoch erforderlich, gilt die sogenannte „Schlingenoperation“ – auch als TVT bekannt – als Goldstandard in der Behandlung einer Belastungsinkontinenz. Dabei wird in einem kurzen, minimal-invasiven Eingriff ein schmales, netzartiges Kunststoffband spannungsfrei unter die Harnröhre eingesetzt, um diese zu stabilisieren. 

Alternativ besteht die Möglichkeit, die Harnröhre mit einer gelartigen Substanz zu unterspritzen, die den Blasenverschluss unterstützt. Dieses besonders schonende Verfahren dauert nur wenige Minuten und kann bei Bedarf auch in örtlicher Betäubung durch­geführt werden.


Welche Arten gibt es?

Belastungsinkontinenz: 

Hauptmerkmal der Belastungsinkontinenz bzw. Stressinkontinenz ist ungewollter Urinverlust bei körperlicher Belastung, z. B. beim Husten, Niesen oder beim Sport, besonders beim Bergabgehen.
Je nach Ausmaß des Urinverlusts unterscheidet man drei
Schweregrade:

  • Grad 1: Harnverlust bei starker Belastung; Urinmenge ist gering, oft nur Tropfen; geringe Beeinträchtigung der Lebensqualität
  • Grad 2: Harnverlust häufiger, z. B. bei alltäglichen Aktivitäten wie Gehen oder Husten. Menge kann variieren, manchmal größere Mengen; beeinträchtigt Alltag und Lebensqualität stärker
  • Grad 3: regelmäßiger oder kontinuierlicher Harnverlust bei verschiedenen Aktivitäten oder sogar schon in Ruhe; oft größere Mengen Urin; das tägliche Leben ist stark eingeschränkt; oft Rückzug aus dem sozialen Leben

Dranginkontinenz: 

Typisch für die Dranginkontinenz ist ein plötzliches und unkontrollierbares Bedürfnis, die Toilette aufzusuchen. Der damit verbundene Harnverlust variiert von Tropfen bis zu großen Mengen. Der permanente Harndrang führt zu häufigen Toilettengängen, bei denen meist nur kleine Mengen Urin abgesetzt werden.

Tipps für den Alltag mit Inkontinenz

  1. Nicht sofort aufs WC:
    Die normale Füllmenge einer Blase beträgt etwa 350 ml. Beim ersten Gefühl von Harndrang nicht sofort auf die Toilette stürmen – besonders bei Dranginkontinenz.
  2. Bewusstes Trinken:
    Die Trinkmenge auf eineinhalb bis maximal zwei Liter täglich beschränken (außer bei extremer körperlicher Belastung oder sehr hohen Temperaturen). Beim Trinken gilt: Viel hilft nicht immer viel!
  3. Trainieren, trainieren, trainieren:
    Regelmäßiges Beckenbodentraining ist das A und O – bei jeder Inkontinenzform und selbst nach einer Operation.

Fotos: Karin Nussbaumer, istockphoto/AlonzoDesign

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