Das überwachte Herz

Januar 2008 | Medizin & Trends

Neues Gerät soll Herzkranken mehr Sicherheit bringen
 
Mit Hilfe der Telemedizin ist die Nachsorge für herzkranke Menschen auch von zu Hause aus möglich. Wie das funktioniert? Ein „eingebauter Lebensretter“ überwacht die Arbeit des Herzens rund um die Uhr und übermittelt die Ergebnisse von zu Hause aus per Datenleitung an ein Herzzentrum. So können die Experten schon bei geringsten Veränderungen reagieren und mit den Betroffenen Kontakt aufnehmen. MEDIZIN populär über die ersten Erfahrungen in Österreich.
 
Von Mag. Wolfgang Bauer

Kurt S. ist 67 und leidet an Herzinsuffizienz, wie die chronische Schwäche des Herzmuskels genannt wird, eine Krankheit, von der in Österreich rund 160.000 Menschen betroffen sind. Nach einem Infarkt war Kurts Herz nicht mehr in der Lage, genügend Blut durch den Körper zu pumpen und ihn ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen. Daher nahm die Leistungsfähigkeit des Patienten stetig ab, schon bei geringsten Belastungen geriet er außer Atem. Außerdem bestand die Gefahr von unvorhersehbar lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen (so genanntes „Kammerflimmern“), die unbehandelt innerhalb weniger Minuten zum Tod führen können und bisher nur durch den Notarzt mit Elektroschock behandelbar waren.

Die behandelnden Ärzte pflanzten Kurt S. in der linken Brustkorbhälfte ein spezielles Gerät ein, einen so genannten implantierbaren Cardioverter-Defibrillator (ICD) in Kombination mit einem speziellen Schrittmachersystem (in der Fachsprache Kardiale Resynchronisations-Therapie oder CRT genannt). Dieses Gerät kann – vereinfacht gesagt – lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen selbstständig erkennen und behandeln sowie die Pumpleistung des Herzens wesentlich verbessern.

Seither kann Herr S. wieder nach Herzenslust Spazieren gehen, ohne gleich müde zu werden, kann Freunde und Bekannte besuchen und hat durch seinen „eingebauten Lebensretter“ wieder mehr Selbstvertrauen. Vor allem aber ist er im Kreise seiner Familie wieder der aktive Opa, der er früher war und der gerne und oft mit seinen Enkerln spielt. Noch ein Vorteil: Herr S. muss nicht mehr so häufig zur Nachsorgeuntersuchung ins nächste Herzzentrum, sondern kann das alles von zu Hause aus erledigen.

Ständige Verbindung zu den Experten
Kurt S. ist einer von 100 Herzpatienten mit implantierter ICD-Technologie, die an einer Anwendungsbeobachtung des Universitätsklinikums Graz und des Klinikums St. Pölten teilnehmen. „Die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass diese Technologie von den Patientinnen und Patienten überaus gut angenommen wird. So haben beispielsweise 63 Prozent der befragten Patienten die Handhabung der dazu nötigen Geräte als ,sehr einfach‘ und die restlichen 37 Prozent als ,einfach‘ bezeichnet“, freut sich Primar Dr. Harald Mayr, Leiter der 3. Medizinischen Abteilung mit Schwerpunkt Kardiologie am Landesklinikum St. Pölten.

Die Nachsorge von zu Hause aus funktioniert per Datenleitung und auf Knopfdruck. „Die Patienten fragen zu vereinbarten Terminen die Daten aus ihrem implantierten Herzgerät mit Hilfe eines Monitors ab. Dieser ist klein, tragbar und leicht zu bedienen. Die abgefragten Daten werden danach durch den Monitor automatisch über eine analoge Telefonleitung an einen sicheren Server übertragen. Der Arzt kann nun über einen üblichen Internetzugang die Daten durchsehen und damit den Gesundheitszustand des Patienten sowie den Zustand des Gerätes rasch und zeitsparend überprüfen“, erklärt Univ. Prof. Dr. Karlheinz Tscheliessnigg, Vorstand der Universitätsklinik für Chirurgie, Leiter der Klinischen Abteilung für Herzchirurgie sowie Rektor der Medizinischen Universität Graz.

Für die Patientinnen und Patienten bedeutet dies vereinfachte Nachsorgekontrollen und weniger Krankenhausbesuche. „ICD-Patienten müssen gewöhnlich ihr implantiertes Gerät alle drei bis sechs Monate, Schrittmacher-Patienten alle sechs bis zwölf Monate mit einem speziellen Programmiergerät überprüfen lassen. Das findet zur Zeit hauptsächlich in Spezialambulanzen größerer Krankenhäuser statt und setzt daher eine Anreise der Patienten voraus. Doch die Mehrzahl der Nachkontrollen fördert keine nennenswerten Probleme zu Tage, nur bei wenigen Patienten ist eine intensivere Nachkontrolle erforderlich oder muss das implantierte Herzgerät umprogrammiert werden“, so Univ. Prof. Dr. Burkert Pieske, Leiter der Klinischen Abteilung für Kardiologie an der Medizinischen Universität Graz.

Die Telemedizin vereinfacht nun diese Prozedur beträchtlich, Patienten erledigen die Kontrolle von zu Hause aus und sparen Zeit und Fahrtspesen.

Auch die Sicherheit steigt
Wenn Patienten ihre Daten ans Herzzentrum durchgeben, so lautet in den meisten Fällen das Ergebnis: „Alles o.k.!“ Der nächste Übertragungstermin von Daten kann vereinbart werden. Was aber, wenn das Gerät bei dieser Fernuntersuchung ein Problem meldet? „Dank der raschen Übertragung können wir bereits nach wenigen Minuten reagieren und zum Beispiel die Patienten zu einer Kontrolle in die Arztpraxis oder ins Krankenhaus bitten“, sagt Prof. Tscheliessnigg. In vielen Fällen wird es auch ausreichen, einen Termin in den folgenden Tagen zu vereinbaren. Manchmal kann es auch genügen, die Patienten einfach zu beruhigen.

Seit Neuestem gibt es sogar Implantate, die von selbst Alarm schlagen. Wenn zum Beispiel ein Vorhofflimmern auftritt oder sich Flüssigkeit in der Lunge ansammelt, erkennt das Gerät selbstständig die Abweichung von der Norm und gibt diese Information sofort und ohne Zutun des Patienten über den Monitor und Server an den Arzt weiter. Dieser kann in kürzester Zeit die Daten überprüfen und mit dem Patienten Kontakt aufnehmen.

Vielversprechende Erfahrungen
Wie effizient dieses hochkomplexe Nachsorgesystem arbeitet, hat sich in der genannten Studie bereits bei der ersten Nachkontrolle der Patienten gezeigt. Dabei haben 20 Betroffene ihre Daten zu einem vereinbarten Termin übertragen. Primar Mayr: „Es dauerte lediglich eineinhalb Stunden, bis ihre Daten zur Gänze kontrolliert waren, also der Zustand ihres Herzens und die Funktionstüchtigkeit des Gerätes. Zusätzlich wurden in diesem Zeitraum neue Termine vergeben, die Dokumentation für den Patientenakt erstellt und Patientenbriefe verfasst. Ein Patient wurde zur Klärung eines Details auch telefonisch kontaktiert. Ein Kollege meinte, dass er für all diese Dinge normalerweise zwei Vormittage braucht. Es wundert daher nicht, dass die Telemedizin auch in der Ärzteschaft überaus gut angenommen wird.“

Dass diese neue Technologie Sinn machen kann, haben bereits mehrere Studien gezeigt. „Am Klinikum Brandenburg in Deutschland wurde zum Beispiel in einer Machbarkeitsstudie gezeigt, dass bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz durch die Fernüberwachung die Krankenhauseinweisungen um bis zu 70 Prozent gesenkt werden konnten“, betont Professor Pieske. Er ist sich bewusst, dass in Österreich wie auch den europäischen Nachbarländern noch einige Hürden überwunden werden müssen, bis die Telemedizin durch die öffentliche Hand abgegolten wird und diese Technologie nicht nur den Teilnehmern der Beobachtungsstudie zukommt.

Prof. Pieske: „Es ist zu wünschen, dass das Gesundheitssystem die Einführung der vielversprechenden und sinnvollen Telemedizin in der Kardiologie ermöglicht. Hierfür müssen aber noch einige klinische, wirtschaftliche und auch rechtliche Fragen geklärt werden.“


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Herzinsuffizienz:
Wenn der Herzmuskel schwächelt

Zu einer chronischen Schwächung des Herzmuskels kommt es, wenn zum Beispiel im Rahmen einer Herzkranzgefäßerkrankung ein Herzinfarkt auftritt. Aber auch jahrelanger Bluthochdruck, Herzklappendefekte, Herzmuskelentzündungen und altersbedingte degenerative Prozesse können dazu führen, dass das Herz nur mehr wenig Blut durch den Organismus pumpen kann. Für die Betroffenen bedeutet dies: Abnahme der Leistungsfähigkeit und der Belastbarkeit, Kurzatmigkeit, ständige Müdigkeit, im fortgeschrittenen Stadium ist die Schwäche so weit ausgeprägt, dass die Patienten praktisch ans Bett gefesselt sind. In Österreich leiden etwa 160.000 Menschen darunter, jährlich kommen rund 16.000 neue Fälle dazu.

Durch die Herzinsuffizienz kommt es pro Jahr zu mehr Einweisungen ins Krankenhaus als durch Krebs. Neben der medikamentösen Behandlung (etwa mit Mitteln, die die Herzkraft steigern) und chirurgischen Maßnahmen greift man zunehmend auch auf die Implantierung spezieller Schrittmachersysteme zurück, welche die Pumpleistung des Herzens deutlich verbessern.


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So bleibt Ihr Herz gesund
Wenn Ihnen Ihre Gesundheit „am Herzen liegt“, sollten Sie rechtzeitig Vorsorge treffen und

  • regelmäßig Ihren Blutdruck kontrollieren: wenn sich bei sieben von 30 Messungen Werte über 135/85 mm Hg ergeben, sollten Sie Ihren Arzt aufsuchen
  • mit dem Rauchen aufhören
  • Übergewicht vermeiden
  • sich täglich mindestens eine halbe Stunde bewegen
  • täglich fünf Portionen Obst und Gemüse essen
  • regelmäßig zur Gesundenuntersuchung gehen

               

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