Zahnspange: sinnvoll oder nicht?

Februar 2008 | Medizin & Trends

Trend zur Zahnregulierung hält an
 
Whoopi Goldberg, Tom Cruise, Britney Spears und die Prinzen William und Harry haben eines gemeinsam: Sie alle waren Zahnspangen-Träger, und sie zeigten die Spangen auch her, wenn sie in die Kamera lächelten. Ob es an Vorbildern wie ihnen liegt, dass sich heutzutage immer mehr Menschen noch im Erwachsenenalter die Zähne regulieren lassen? MEDIZIN populär geht dieser Frage nach und gibt einen Überblick über neue und gängige Methoden gegen das Durcheinander im Mund.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Ein Gebiss mit Zähnen, die strahlend weiss und lückenlos wie die Perlen an einer Schnur in Reih und Glied nebeneinander stehen – das wünschen sich immer mehr Menschen, weiß der Wiener Kieferorthopäde Univ. Prof. Dr. Adriano Crismani, der auch stellvertretender Leiter der Bernhard Gottlieb Universitätszahnklinik in Wien ist. Und immer mehr Frauen und Männer erfüllen sich diesen Wunsch: Sie lassen sich noch mit 40, 50, 60 Jahren ihr Gebiss regulieren.

Zahnfehlstellungen nehmen zu
Wen wundert’s? Gesunde Zähne sind schließlich gut für den ganzen Körper. Und: Zähne bestimmen ganz entscheidend unser Aussehen mit, sie beeinflussen die Art wie wir sprechen, lächeln, lachen, wie wir insgesamt mit unseren Mitmenschen kommunizieren. Die Zahl der Menschen mit Zahnspangen hat in den vergangenen Jahren aber auch ganz einfach deswegen zugenommen, weil die Zahl der Zahnfehlstellungen zunimmt. Heute werden bei der Hälfte der Kinder und Jugendlichen und bei 40 Prozent der Erwachsenen Fehlstellungen der Zähne oder ganzer Zahnreihen diagnostiziert, vor 100 Jahren waren es nur 30 Prozent, also um zehn bis 20 Prozent weniger. Über die Ursachen weiß man wenig, sicher ist nur eines: Der menschliche Kiefer wird evolutionsbedingt immer kleiner, die Zahl der Zähne, die wir haben, bleibt aber gleich. Und so wachsen die Zähne nach außen oder innen, verdrehen sich oder kippen. Die meisten Menschen mit Zahnfehlstellungen, 35 Prozent, haben „Hasenzähne“, das heißt, ihre obere Frontzahnreihe ragt über die untere hinweg zu weit nach vorne. Mit drei Prozent die zweithäufigste Fehlstellung ist der Deckbiss, bei dem die oberen Schneidezähne nach hinten gerichtet sind und die unteren Frontzähne überdecken. Mit zwei Prozent die dritthäufigste Fehlstellung ist die Progenie, wobei der Unterkiefer so weit nach vorne ragt, dass er den Oberkiefer überdeckt.

Vier gute Gründe für eine Spange
Die oben genannten Fehlstellungen müssen unbedingt behandelt werden, und zwar je früher, desto besser, sagt Univ. Prof. Dr. Crismani. Freilich sei eine Therapie auch dann noch sinnvoll, wenn sie erst im mittleren Alter oder noch später erfolgt. Die Gründe:

  • Erstens, weil die erwähnten Fehlstellungen zu Funktionsstörungen und in der Folge zu Abnützungserscheinungen und Schmerzen im Kiefergelenk führen können.
  • Zweitens, weil die Fehlstellungen die Funktion der Zähne als Kauorgan beeinträchtigen und damit das Kauen als ersten Schritt im Verdauungsprozess erschweren und die Versorgung des Körpers mit Nährstoffen behindern.
  • Drittens führen die Fehlstellungen dazu, dass die Lebensdauer der Zähne verkürzt ist, weil sie in der fehlerhaften Position anfälliger für Karies oder Parodontitis sind.
  • Viertens werde, so Prof. Crismani, in der wissenschaftlichen Literatur auch immer wieder beschrieben, dass grobe Zahnfehlstellungen wie die genannten zu Migräne und Verspannungen im Bereich der Halswirbelsäule führen können.

Herausnehmbar oder festsitzend?
Möglichkeiten der Zahlregulierung gibt es inzwischen viele (siehe Kasten) – welche ist die beste? Univ. Prof. Dr. Crismani: „DIE beste Methode für alle gibt es nicht. Es gibt nur jeweils eine beste Maßnahme für jede einzelne Patientin und jeden einzelnen Patienten.“ Welche das ist, könne nur in ausführlichen zahnärztlichen und kieferorthopädischen Untersuchungen, anhand von Röntgenbildern sowie ge­gebenenfalls Computertomographien und einem Gespräch über persönliche Vorlieben und Abneigungen herausgefunden werden. „Man kann aber davon ausgehen, dass bei Erwachsenen eher festsitzende Brackets das Mittel der Wahl sind, während bei Kindern und Jugendlichen eher herausnehmbare Apparaturen verwendet werden“, sagt Univ. Prof. Dr. Crismani.

Festsitzende Brackets, das bedeutet: Man bekommt kleine Blöcke aus Keramik, Kunststoff oder Metall auf die Zähne geklebt, in die Draht eingebaut wird. Dieser bringt die Zähne durch steten Druck und Zug und den daraus folgenden allmählichen Knochenumbau langsam in die gewünschte Position. Drei bis vier Tage lang dauere es, so Crismani, bis man Druck und Zug nicht mehr spürt, sich also an die Spange gewöhnt hat. Durchschnittlich zweieinhalb Jahre dauere es, bis sich die Zähne wie vorgesehen positioniert haben. Dazwischen muss man etwa alle fünf Wochen zur Kontrolle und etwaigen Nachjustierung der Drähte zum Zahnarzt. Der Lohn für die Mühen sind Zähne in Reih und Glied, ein neues Kau- und Lebensgefühl, weniger Probleme beim Zähneputzen, daher auch ein geringeres Risiko an Karies und Parodontitis zu erkranken und gegebenenfalls weniger Probleme beim Sprechen.

Altersgrenze gibt es nicht
Je früher die Regulierung gemacht wird, desto besser, aber: Eine Altersgrenze gibt es nicht. Zu den Voraussetzungen für den Start der Maßnahme zählt lediglich ein kariesfreies Gebiss. Und eventuell muss man sich Weisheits- oder andere Zähne ziehen lassen, um einen Engstand zu beseitigen. Selten, aber doch, kommt es vor, dass Zahnspangen nicht vertragen werden, etwa, weil eine Allergie gegen ein Material in der Spange besteht. Andere Risiken sind Karies oder Parodontitis, die entstehen, wenn man es mit der Mundhygiene während der Zeit mit der Zahnspange nicht genau genug nimmt. Da Zähne ein Leben lang beweglich bleiben, besteht weiters die Gefahr, dass sie sich nach der Zahnregulierung wieder in ihre alte Position zurück verschieben. Zur Vorsorge müssen die Patientinnen und Patienten nach der Entnahme der fixen Apparatur noch eine so genannte Retention tragen. Diese besteht aus einem dünnen Drähtchen, das innen an die Front- und Eckzähne geklebt wird, und einer herausnehmbare Platte für den Oberkiefer für die Nacht.

Die durchschnittlichen Kosten für eine Zahnregulierung inklusive Voruntersuchungen, Kontrollen und Nachsorge beziffert Univ. Prof. Dr. Crismani mit rund 4500 Euro. Eine Alternative zur Spange, deren Prototyp bereits anno 1890 erfunden wurde, wird es seiner Einschätzung nach übrigens bis auf weiteres nicht geben.

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Welche Zahnspange darf’s denn sein?

Überblick über neue und gängige Methoden

Brackets oder Multiband­-Apparaturen
Die festsitzenden Brackets, zu deutsch Klammern oder Multibandapparaturen, bestehen aus kleinen Blöcken aus Keramik, Kunststoff oder Metall, die auf die Zahnoberfläche geklebt werden und durch Drähte miteinander verbunden sind, die vom Zahnarzt nachjustiert werden können.

Vorteil: Behandlungsdauer ist kürzer als bei herausnehmbaren Spangen.

Nachteil: Sie sind zumindest in der Anfangsphase unbequem und erfordern große Disziplin bei der Mundhygiene, da Speisereste an den Metallblöcken kleben bleiben und entfernt werden müssen, da sich sonst rund um die Brackets Karies bilden kann oder es zu Zahnfleischentzündungen kommt.

Neu: „Unsichtbare“ Brackets, die an der Zahninnenseite befestigt werden. Ihr Nachteil: Sie können das Sprechen erschweren und kosten mehr als herkömmliche.

Clear-In-Ovation
Noch neu ist die so genannte Clear-In-Ovation oder „New Yorker Methode“. Dabei kommen zwar auch Brackets, also Blöcke aus Keramik, Kunststoff oder Metall, die auf die Zähne geklebt werden, und ein Draht zum Einsatz, die Spange ist also festsitzend und sichtbar. Doch ein spezieller Schiebemechanismus ermöglicht es, dass die Zahnstellung ständig automatisch verändert wird.

Vorteil: Zahnregulierung ist schneller als bisher abgeschlossen.

Nachteil: Langzeiterfahrungen fehlen.

Headgear oder Gesichtsbögen
Ein Headgear oder eine Außenspange kommt dann zum Einsatz, wenn ausschließlich der Oberkiefer reguliert werden muss. Die Apparatur stützt sich auf Bögen, die über ein Band vom Zahn im Mund zu einem Band geführt werden, das man im Kopf- oder Nackenbereich trägt.

Vorteil: Die Methode ist so effektiv, dass die Außenspange nur abends und nachts getragen werden braucht.

Nachteil: Die Spange ist auffällig und unbequem.

Invisalign Zahnkorrektursystem
Bei dieser Methode wird mit Schienen aus Folien gearbeitet, die alle zwei Wochen gewechselt werden. Die Schienen bewegen die Zähne in 0,25-Millimeter-Schritten in die gewünschte Position.

Vorteil: Sie sind beinahe unsichtbar und lassen sich bei Bedarf heraus­nehmen.

Nachteil: Sie sollen mindestens 23 Stunden am Tag getragen werden.

Lose Spangen
Sie bestehen aus Kunststoff und können jederzeit herausgenommen und wieder eingesetzt werden. Daher sind sie bequemer zu tragen und zu reinigen als festsitzende Modelle.

Vorteil: Die Gefahr, Karies oder Zahnfleischentzündungen zu bekommen, ist dank der einfachen Mundhygiene geringer als bei festsitzenden Spangen.

Nachteil: Die meisten Patientinnen und Patienten machen zu oft von der Möglichkeit Gebrauch, die Spange zu entnehmen, so dauert die Behandlung länger als bei fixen Spangen.

MEAW-Methode oder Sato-Technik
Die Zahnregulierung nach der so genannten MEAW-Methode (Multiloop Edgewise Archwire) wurde von Univ. Prof. Dr. Sadao Sato zur „SATO-Technik“ weiterentwickelt. Auch hierbei werden Brackets eingesetzt, nur wird mit den Drähten ein Zug und Druck in drei Raumrichtungen ausgeübt.

Vorteil: Die Methode ist bei groben Fehlstellungen des Ober- oder Unterkiefers eine gute Alternative zu operativen Eingriffen.

Nachteil: Zähne müssen gezogen werden.
          

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