Inkontinenz

November 2009 | Medizin & Trends

Das verschwiegene Leiden
 
Für MEDIZIN populär erklärt Univ. Prof. Dr. Engelbert Hanzal, 2. Vorsitzender der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich, Leiter der Uro-Gynäkologischen Ambulanz am Wiener AKH und Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Klosterneuburg, welche Ursachen Harninkontinenz haben kann und welche Therapien wirklich helfen.
 
von Mag. Sabine Stehrer

Als „unwillkürlichen Harnabgang“ definiert die „International Continence Society“ die Harninkontinenz. Hierzulande leiden nach den Ergebnissen von Umfragen, die bei Vorsorgeuntersuchungen gemacht wurden, eine Million Menschen darunter. Die große Mehrheit davon, 850.000, sind Frauen, 150.000 Männer. Nur ein Drittel sucht ärztliche Hilfe, schätzungsweise zwei Drittel sind der Meinung, dass man mit dem Leiden leben muss und behelfen sich bestenfalls mit Einlagen, die den Harn auffangen und den Geruch neutralisieren.

Für letzteres Verhalten hat Univ. Prof. Dr. Engelbert Hanzal zwar Verständnis: „Harninkontenz ist eben etwas, worüber man nicht gerne spricht.“ Dennoch ermutigt er die Betroffenen, die Hemmungen zu überwinden und einem Arzt oder einer Ärztin zu sagen, was Sache ist: „Ich verliere unfreiwillig Harn.“ Schließlich gibt es heute, so der Experte, gegen Harninkontinenz eine ganze Reihe von erfolgversprechenden Therapien. Welche der Behandlungsmöglichkeiten zum Einsatz komme, werde auf die Ursache der Inkontinenz und die betroffene Person abgestimmt.

Die häufigsten Ursachen

Als häufigsten Grund für die Inkontinenz bei Frauen wie auch bei Männern nennt Hanzal das Alter. „Vom 60. Lebensjahr an werden die Schließmuskeln, die den Harn in der Harnröhre halten, bei beiden Geschlechtern kontinuierlich schwächer, das erhöht die Wahrscheinlichkeit für unwillkürlichen Harnabgang.“ Unter den Über-80-Jährigen ist bereits jeder Zweite inkontinent. Beckenbodengymnastik und Medikamente, eventuell auch ein operativer Eingriff können aber auch noch im Alter von 80plus helfen, wieder „dicht“ zu werden. Hanzal: „Ob eine Physiotherapie, Medikamente oder eine Operation in Frage kommen, hängt bei der altersbedingten Inkontinenz stark vom allgemeinen Gesundheitszustand der Betroffenen ab.“

Bei jüngeren Frauen findet sich unter den häufigsten Ursachen für das Tröpfeln die Belastung des Harntraktes durch den Druck, der bei einer Schwangerschaft und bei der Geburt auf die genannten Organe ausgeübt wird. Auch bei Übergewicht oder körperlich schwerer Arbeit, insbesondere bei schwerem Heben kann es zu einer Beeinträchtigung der Verschlussfunktion der Harnröhre kommen – und der Harn kann dann bei weiteren körperlichen Belastungen durch Husten, Lachen oder Niesen nicht gehalten werden.

Therapien für Frauen

„Erfahrungsgemäß sehr wirksam ist bei dieser so genannten Stress- oder Belastungsinkontinenz die Beckenbodengymnastik, die am besten in Kursen unter der Leitung von physiotherapeutisch geschultem Personal erlernt und im Idealfall täglich und lebenslang betrieben wird“, sagt Hanzal.

Ist der unwillkürliche Harnverlust mit verstärktem Harndrang verbunden, spricht man von einer überaktiven Blase. Auch dagegen helfe, so Hanzal, das Trainieren des Schließmuskels bei der Beckenbodengymnastik, kombiniert mit Verhaltenstraining und Medikamenten, die genau jene Nerven beruhigen, die den Harndrang verursachen. Bei einer Mischinkontinenz, der Kombination von Belastungsinkontinenz und überaktiver Blase, helfen ebenfalls Beckenbodentraining und Medikamente. In spezialisierten Zentren wie der neurourologischen Ambulanz der Medizinischen Universität Innsbruck wird manchmal zudem Botox eingesetzt, um die den Harndrang auslösenden Nerven ruhig zu stellen.

„Sprechen die Patientinnen auf diese konservativen Therapien nicht an, kann man überlegen, operativ gegen das Leiden vorzugehen“, sagt Hanzal. Bei dem häufigsten Eingriff gegen die Belastungsinkontinenz wird den Patientinnen eine Schlinge aus Kunststoff um die Harnröhre eingesetzt, die den Verschlussmechanismus verstärken soll. Hanzal weiß: „Das funktioniert bei acht von zehn Patientinnen, sie sind nach der Operation kontinent, und zwar anhaltend über mindestens sieben Jahre.“ Eine über diesen Zeitraum hinausgehende Erfahrung gebe es noch nicht, da die Methode noch verhältnismäßig neu sei.

Bei Frauen stecken manchmal auch Harnwegsinfektionen hinter einer Inkontinenz – die dann durch die Einnahme von Antibiotika gegen die Infektion geheilt werden kann. Selten sind Blasensenkungen, Gebärmuttersenkungen, Blasensteine, Blasentumore oder neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Parkinson, Alzheimer und Schlaganfälle die Ursache für ein Inkontinenzleiden. In diesen Fällen muss die Behandlung des Harnverlustes abgestimmt auf die Therapie der Grunderkrankungen erfolgen.

Therapien für Männer

So wie bei Frauen können auch bei Männern neurologische Grunderkrankungen und auch Harnwegsinfektionen bereits in jüngeren Jahren eine Inkontinenz verursachen. Meist stehen bei Inkontinenzproblemen des Mannes jedoch Prostataerkrankungen im Vordergrund. Hanzal: „Dabei verengt sich die Harnröhre, und es kommt zur Behinderung des Harnflusses, was mit der Zeit zu einer chronisch unvollständigen Blasenentleerung führen kann.“ Dies habe dann wiederum häufige Blasenentleerungen zur Folge, was den Blasenmuskel stresst und den Betroffenen „undicht“ macht. „Medikamente zur Prostataverkleinerung und/oder zur Hemmung einer Blasenüberaktivität oder auch Operationen zur Erweiterung der Harnröhre oder zur Entfernung der Vorsteherdrüse stellen hier häufig angewendete Therapiemöglichkeiten dar“, sagt Hanzal.

Eine reine Stressinkontinenz kommt bei Männern nach der Entfernung der Prostata bei Prostatakrebs vor, besonders dann, wenn viel Gewebe entfernt werden musste. Hanzal: „In diesen Fällen ist wichtig, die Beckenbodenmuskulatur zu trainieren, es gibt aber auch die Möglichkeit, einen künstlichen Schließmuskel einzusetzen.“ Dabei wird eine Manschette aus Kunststoff um die Harnröhre gelegt, die per Knopfdruck weiter gestellt werden kann, um die Blasenentleerung in Gang zu setzen, und auch wieder enger, um die Entleerung zu beenden. Der Knopf wird in den Hoden implantiert und vom Betroffenen selbst betätigt. Eine zweite Möglichkeit: Die Harnröhre wird mit Kunststoff unterspritzt und so künstlich verengt – eine Methode, so Hanzal, deren Wirkung sich allerdings mit der Zeit verlieren kann, da sich das eingebrachte Gewebe auflöst.

Vorbeugen können Frauen und Männer, so Hanzal, zumindest jenen Arten von Inkontinenz, die auf eine Schwächung der Blasenschließmuskeln zurückgehen. „Dafür zieht man den Blasenschließmuskel täglich 30 Mal willkürlich zusammen und hält die Kontraktion jeweils sechs Sekunden lang.“ Eine Übung, die jeder jederzeit durchführen könne und die, wie Hanzal sagt, „genauso selbstverständlich sein sollte wie sich täglich zweimal die Zähne zu putzen“.

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