Leben mit Alzheimer

April 2009 | Medizin & Trends

„Es ist wie ein Auseinandergehen“
 
Die meisten Österreicher, die an Alzheimer leiden, werden daheim und von ihren Angehörigen betreut. So auch Werner Schär, 73 Jahre alt, früher Schriftsetzer von Beruf. Ihm steht seine Frau Ingrid, 65, zur Seite. Im Interview mit MEDIZIN populär erzählt sie, wie sich ihr Leben seit der Diagnose vor fast drei Jahren verändert hat.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

MEDIZIN populär
Frau Schär, wann haben Sie bemerkt, dass Ihr Mann so viel vergisst, dass man sich Sorgen machen muss?

Ingrid Schär
Das war ungefähr zwei Jahre vor der Diagnose. Zuerst habe ich noch gedacht: typisch Mann. Wenn ich ihm gesagt habe, kauf uns doch bitte die fünf Sachen ein, hat er nur zwei davon nach Hause gebracht. Erst als er daheim die angestammten Plätze für verschiedene Dinge nicht mehr gefunden hat, habe ich mit meiner Tochter darüber geredet.

Als die Diagnose erstellt war, welche Therapie hat man Ihrem Mann vorgeschlagen?

Er hat nach den Tests und Untersuchungen im Krankenhaus Tabletten verschrieben bekommen, und einmal in der Woche geht er zum Gedächtnistraining. Dort bekommt er auch Hausaufgaben, die machen wir gemeinsam.

Welche Aufgaben sind das?

Wir bilden aus Buchstaben Wörter, ordnen Gegenstände Bildern zu und so weiter. Ich war früher Trainerin für Seniorengymnastik, deswegen mache ich auch Gymnastik mit ihm, damit er mobil bleibt.

Ich nehme an, dass Sie Ihre gemeinsame Freizeit früher anders verbracht haben …

Ja, wir waren sehr aktiv, wir sind Ski gefahren, gewandert, er ist sehr gern und viel Rad gefahren, und in der Pension wollten wir eigentlich viel reisen.

Das geht nun alles nicht mehr?

Ich habe vor kurzem eine Schiffsreise für uns gebucht, da hat er gesagt, er fährt mit. Rad fahren würde er auch gern noch, aber das geht nicht mehr. Ich trau’ mich nicht mehr, ihn allein hinaus zu lassen, seit er vor zwei Monaten einmal nicht mehr vom Spazierengehen heimgekommen ist und dann 17 Stunden lang abgängig war.    ‘

Wo ist er gewesen?

Das wissen wir nicht. Ich habe ihm damals wie immer seinen Wohnungsschlüssel, ein bisschen Geld, Visitenkarten und das Handy mitgegeben, damit er mich anrufen kann, wenn er sich verirrt. Er kann sich ja oft nicht an unsere Adresse erinnern. Dann ist er nicht und nicht heimgekommen. Ich hab ihn polizeilich suchen lassen, aber auf einmal war er wieder da, die Visitenkarten, das Handy, das Geld und der Schlüssel waren weg. Ich habe nun sicherheitshalber das Schloss austauschen lassen, wir wissen ja nicht, mit wem er unterwegs war.

Erkennt Ihr Mann seine Kinder noch?

Ja, wir haben eine Tochter und einen Sohn, die erkennt er. Auch unsere drei Enkelkinder erkennt er noch, aber wenn wir Freunde treffen, fallen ihm oft die Namen nicht mehr ein. Da wird er sich dessen bewusst, was mit ihm los ist, das macht ihn traurig, manchmal schimpft er auch.

Wie ist das für Sie?

Katastrophal! Wir hatten früher eine innige Beziehung, und nun ist es wie ein langsames Auseinandergehen, so als ob einer abzweigt und weggeht, aber körperlich ist er noch da.

Worüber freut sich Ihr Mann?

Mein Mann war immer sehr zufrieden mit allem, was ich ihm geboten habe. Jetzt freut er sich nur noch selten, eigentlich nur dann, wenn unsere dreijährige Enkelin mit ihm spielt.

Wie selbstständig ist Ihr Mann bei der Erledigung der alltäglichen Dinge?

Er isst das, was ich ihm hinstelle. Und auch sonst macht er das, was ich ihm sage. Wobei ich ihm immer mehr helfen muss. Wenn ich ihm zum Beispiel sage, er soll die Socken aus der Lade holen, weiß er inzwischen oft nicht mehr, was Lade heißt.

Überlegen Sie, ihn in einem Pflegeheim betreuen zu lassen, wenn er einmal gefüttert und gewaschen werden muss?

So weit will ich eigentlich nicht denken, weil mir das sehr weh tut. Ich weiß es daher nicht.

Woher holen Sie sich Ihre Kraft?

Aus meinem Glauben und von sportlichen Aktivitäten, dem Nordic Walking und Wanderungen mit meinen Freundinnen. Die Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alzheimerkranken hilft mir schon auch, obwohl – bei der letzten Unternehmung mit der Gruppe habe ich mich sehr geärgert.

Worüber?

Wir waren am Alzheimertag bei einer Veranstaltung im Wiener Rathaus, und dort sagte eine Politikerin bei ihrer Ansprache, dass sich heute niemand mehr vor der Diagnose Alzheimer zu fürchten braucht. Das war sehr schlimm für mich.

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