Meine Mutter hat Brustkrebs!

September 2009 | Medizin & Trends

Was tun bei erblicher Vorbelastung?
 
Wenn die Mutter, Tante oder Schwester an Brustkrebs erkrankt, mischt sich zur Sorge um die Betroffenen oft auch die Angst um die eigene Gesundheit. Bekomme ich auch Krebs? Ein Gentest könnte die Zweifel zerstreuen. Doch: Wirft er nicht erst recht Probleme auf? MEDIZIN populär über eine schwierige Frage.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Als ihre Schwester mit 42 Jahren zum zweiten Mal an Brustkrebs erkrankte und ein Gentest ergab, dass auch sie selber Hochrisikopatientin für Brustkrebs ist, traf die Wienerin Birgit Steiner (Name geändert) eine ungewöhnliche Entscheidung: Die erst 25-jährige Frau entschloss sich dazu, sich vorsorglich beide Brüste amputieren zu lassen. „Der Entschluss ist mir nicht leicht gefallen“, sagt sie, „aber die Angst, an Brustkrebs zu erkranken war einfach zu groß und hat mein Leben zu sehr belastet.“ Birgit Steiner zählt zur unbekannten Anzahl von Menschen, die Träger des Brustkrebsgens BRCA 1 sind (Abkürzung für „Breast Cancer“, Brustkrebs). Heute steht sie vor einer zweiten Operation zum Wiederaufbau der Brust und ist immer noch froh über ihre Entscheidung. „Ich würde auch jeder anderen Betroffenen zur Amputation raten.“

Gefährdete Körperteile werden entfernt

Laut Statistik Austria erkranken hierzulande jedes Jahr rund 4800 Frauen und etwa 50 Männer an Brustkrebs, rund 1500 Frauen und 20 Männer sterben jährlich an der Krankheit. „Wir wissen, dass bis zu zehn Prozent der Erkrankungen erblich bedingt sind und etwa die Hälfte davon auf eine erbliche Veränderung in einem der beiden Brustkrebsgene BRCA 1 oder BRCA 2 zurückgehen“, sagt Univ. Prof. Dr. Christian Singer von der Abteilung für spezielle Gynäkologie am Wiener AKH. Dass jemand gleich beide Brustkrebsgene in sich trägt, komme zwar auch vor, sei jedoch höchst selten.
Experte Singer über die Bedeutung des gefährlichen Erbes Brustkrebsgen: „Bei den Betroffenen ist es zu 85 Prozent wahrscheinlich, dass sie bis zum 75. Lebensjahr an Brustkrebs erkranken, wobei das durchschnittliche Erkrankungsalter bei 45 Jahren liegt.“ Ebenfalls schlimm: Träger der Brustkrebsgene haben auch ein deutlich erhöhtes Risiko, Eierstockkrebs bzw. Prostatakrebs zu bekommen – warum das so ist, weiß man nicht.
Wer früh erkennt, Träger von BRCA 1 oder BRCA 2 zu sein, hat außerordentlich gute Chancen, der Erkrankung zu entgehen. Die dafür nötige Maßnahme ist allerdings drastisch: Die gefährdeten Körperteile werden entfernt. „Wer sich zu einer Amputation der Brüste und dazu noch zur Entfernung der Eierstöcke bzw. der Prostata entschließt, erkrankt mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit bis an sein Lebensende nicht an den in Frage kommenden Krebsarten“, sagt Singer.

Bluttest schafft Klarheit

Wie erfährt man, dass man Brustkrebsgenträger ist? Singer: „Zur Risikogruppe zählen natürlich jene, in deren eigener Familie Brustkrebs aufgetreten ist, aber auch Eierstock- beziehungsweise Prostatakrebs. Noch größer ist das Risiko für jene, in deren Verwandtschaft gleich mehrere Erkrankte zu beklagen sind, wenn also zum Beispiel die Mutter, deren Mutter, die Tante und die Schwester betroffen sind.“ Auch über die väterliche Linie können die Gene vererbt werden. In diesen Fällen wäre eine Häufung von Brust- oder Prostatakrebs auffällig. Ebenfalls ein Hinweis auf das mögliche Vorhandensein des Gens: Man ist bereits selbst an einer der genannten Krebsarten erkrankt.
Solcherart betroffenen Frauen und Männern rät Singer, sich zu überlegen, ob sie einen Gentest durchführen. Eine kostenlose Beratung dazu wird z. B. in der Beratungsstelle für erblichen Brust- und Eierstockkrebs am Wiener AKH angeboten. Der Test an sich ist für Betroffene einfach: Ihnen wird lediglich Blut abgenommen, das anschließend im Labor auf den möglichen Defekt von BRCA 1 und BRCA 2 untersucht wird. Dieser Defekt ist schuld daran, dass der Körper bestimmte Zellschäden nicht reparieren kann und so die Entstehung von bösartigen Tumoren begünstigt ist. Da das Untersuchungsverfahren aufwändig ist, liegt das Testergebnis erst einige Monate nach der Blutabnahme vor.
Was passiert dann? „In jedem Fall laden wir die Betroffenen zu einem Gespräch ein. Wenn das Testergebnis positiv ist, also eine Genveränderung gefunden wurde, erklären wir ihnen, was getan werden kann“, erklärt Singer.

Amputation oder engmaschige Untersuchungen

Zwölf Prozent der Hochrisikopatientinnen treffen im Anschluss an das Gespräch über kurz oder lang dieselbe Wahl wie Birgit Steiner oder Anna Maier (siehe Interview): Sie lassen sich vorsorglich die Brüste amputieren – was das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, gegen Null gehen lässt. Ein Trost für viele Frauen sei, so Singer, „dass gleichzeitig mit der Entfernung die Brüste mit Silikonprothesen oder körpereigenem Gewebe wieder aufgebaut werden“.
Ein Drittel der betroffenen Frauen entscheidet sich gegen eine Brustamputation und stattdessen dafür, sich die Eierstöcke entfernen zu lassen, was das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, immerhin noch halbiert.
Doch es gibt auch noch eine andere Möglichkeit als prophylaktische Beseitigungen der gefährdeten Körperteile: „Eine weitere Option ist, die Betroffenen in ein spezielles, sehr engmaschiges Früherkennungsprogramm einzubinden“, sagt Singer.
Dieses Programm besteht aus regelmäßigen Brustultraschalluntersuchungen, Mammographien, Magnetresonanztomographien und Vaginalultraschalluntersuchungen bzw. den entsprechenden Prostatakrebs-Vorsorguntersuchungen, die je nach Alter der Gefährdeten im Abstand von sechs bis zwölf Monaten durchgeführt werden – um Tumore so früh wie möglich erkennen und entfernen zu können, ehe sie gefährlich werden.

Rätsel für die Wissenschaft

Das Brustkrebsgen BRCA 1 wurde 1990 von einer US-amerikanischen Forschergruppe entdeckt, BRCA 2 vier Jahre später. Es hat sich gezeigt, dass beide Brustkrebsgene bei Frauen auch Eierstockkrebs auslösen können und bei Männern Prostatakrebs. Eine wissenschaftliche Erklärung dafür steht noch aus. Für die Forscher bislang ebenfalls ein Rätsel ist auch folgende Erkenntnis: Die Entfernung der Eierstöcke halbiert bei den Brustkrebsgenträgern das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken.

Infotipp
Informationen über den erblichen Brust- und Eierstockkrebs, über den Zugang zu Beratungszentren in ganz Österreich und über mögliche Kostenübernahmen etc:
Internet: www.brustgenberatung.at,
E-Mail: info@brustgenberatung.at,
Telefon: 01/404 00 78-29

INTERVIEW

„Als meine Brüste weg waren …“
Anna Maier über ihre neue Lebensfreude

Acht Jahre lang lebte sie mit dem Wissen, dass sie ein defektes Brustkrebsgen in sich trägt. Als die Angst vor dem Ausbruch der Krankheit unerträglich geworden war, entschloss sich die Wienerin Anna Maier (Name geändert) dazu, sich vorsorglich beide Brüste entfernen zu lassen. Im Gespräch mit MEDIZIN populär erzählt die 56-Jährige, warum sie sich für diese drastische Maßnahme entschieden hat, und wie es ihr heute geht.

MEDIZIN populär
Frau Maier, Sie haben sich als Gesunde beide Brüste entfernen lassen, weil Sie gefährdet waren, an Brustkrebs zu erkranken. Warum hatten Sie so eine große Angst vor Krebs?

Anna Maier
Ich bin erblich extrem stark vorbelastet. Das weiß ich nicht nur, seit ich den Gentest gemacht habe, der ergeben hat, dass ich ein verändertes Brustkrebsgen BRCA 2 in mir trage. Ich weiß es auch, weil meine Großmutter väterlicherseits Brustkrebs hatte, mein Vater an Brustkrebs gestorben ist, die Schwester meines Vaters und auch seine Cousine Brustkrebs hatten. Ich habe gesehen, wie sie alle gelitten haben, das hat meine große Angst ausgelöst.

Sie haben nach dem Gentest acht Jahre lang überlegt, ob Sie sich die Brüste vorsorglich entfernen lassen. Das ist eine lange Zeit. Was hat schließlich den Ausschlag gegeben?

Mein Arzt hat mir dazu geraten. Und ich habe mir gedacht, noch bin ich jung und habe Kraft, und wenn ich es jetzt machen lasse, habe ich aller Wahrscheinlichkeit nach noch viele schöne Jahre mit meinem Mann und meiner Familie vor mir.

Wie ist es Ihnen nach der Operation ergangen?

Als meine Brüste weg waren, war tatsächlich auch die Angst weg, und für mich hat das erhoffte, neue und schönere Leben begonnen. Nur hatte ich anfangs ein Problem mit meinem neuen Körper. Unmittelbar nach der Operation habe ich jeden Spiegel gemieden, und unter der Dusche habe ich immer nach oben geschaut, damit ich meinen Busen nicht sehe. Das hat sich inzwischen geändert. Aber es ist schon so, dass mir auch heute noch etwas fehlt. Ich habe früher auch gern tief ausgeschnittene Sachen getragen, und das sieht jetzt nicht mehr so gut aus.

Was hat denn Ihr Mann zu Ihrem neuen Aussehen gesagt?

Mein Mann arbeitet wie ich im Krankenhaus, er ist auf einer Krebsstation. Er weiß, wenn einmal der Tumor da ist, beginnt das Leiden, und oft kommt die Behandlung zu spät. Er hat gesagt, was er immer sagt: Dass ihm nichts wichtiger ist als meine Gesundheit.

Werden Sie sich die Brüste wieder aufbauen lassen?

Das habe ich demnächst vor. In den nächsten Wochen ist eine weitere Operation mit einem Brustaufbau geplant. Dann sieht mein Busen bestimmt wieder so aus wie früher!

Wenn man Sie noch einmal vor die Entscheidung stellt: Würden Sie die Operation wieder durchführen lassen?

Auf jeden Fall.

Raten Sie auch Ihren Söhnen und Ihrer Tochter zum Test?

Ja, ich habe ihnen schon oft geraten, sich auch testen zu lassen, aber noch haben sie das nicht gemacht.

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