Krebs bei Senioren

Mai 2010 | Medizin & Trends

Ältere Tumorpatienten und ihre besonderen Bedürfnisse
 
Krebserkrankungen zählen zu den häufigsten Krankheiten des höheren Alters und sind in Österreich nach Herz- und Kreislauferkrankungen die zweithäufigste Todesursache. Was bisher viel zu wenig berücksichtigt wurde: Ältere Krebspatienten haben andere Bedürfnisse als jüngere. Diese besonderen Ansprüche verstärkt ins Blickfeld von Forschung und Medizin zu rücken, ist ein Ziel des Vereins Senioren-Krebshilfe, der vor kurzem in Tirol gegründet wurde und jetzt im Mai eine hochkarätig besetzte Tagung über die geriatrische Onkologie veranstaltet.
Der Präsident des Vereins Univ. Prof. Dr. Reinhard Stauder erklärt im Gespräch mit MEDIZIN populär, warum es für das Thema höchste Zeit ist.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Interview

Univ. Prof. Dr. Reinhard Stauder von der Abteilung für Hämatologie und Internistische Onkologie an der Medizinischen Universitätsklinik Innsbruck ist Präsident des Vereins Senioren-Krebshilfe und Österreich-Repräsentant der Internationalen Gesellschaft für geriatrische Onkologie SIOG.

MEDIZIN populär
Herr Prof. Stauder, warum rückt man den älteren Krebspatienten gerade jetzt ins Blickfeld?

Univ. Prof. Dr. Reinhard Stauder
Ich denke, die Zeit ist reif dafür. Und ich denke auch, man erkennt derzeit nicht nur in der Medizin, sondern ganz allgemein in der Gesellschaft, dass der ältere Mensch insgesamt wichtig ist. Da die Lebenserwartung steigt, wird es in nächster Zukunft immer mehr ältere Menschen geben. Und weil Krebs nach den Herz- und Kreislauferkrankungen die zweithäufigste Alterskrankheit ist, wird es auch immer mehr ältere Krebspatienten geben. Schon jetzt ist die Hälfte aller Krebspatienten in Österreich über 70. Allein die große Zahl der Betroffenen erklärt die Wichtigkeit einer verstärkten Beschäftigung mit älteren Krebspatienten und ihren Bedürfnissen.

Worin unterscheiden sich Alt und Jung, wenn die Diagnose Krebs gestellt wird?
Ältere Betroffene haben sehr klare Vorstellungen vom Leben und wollen häufig wissen, was die Diagnose Krebs für ihr weiteres Leben bedeutet. Sie erklären dann auch sehr genau, wie sie sich das weitere Vorgehen vorstellen. Zum Beispiel sagen sie uns Ärzten, sie wollen mit allen sinnvollen Therapien behandelt werden, weil sie im kommenden Sommer mit ihrem Partner noch eine Reise machen möchten oder das nächste Weihnachtsfest noch gemeinsam mit ihrem Enkerl verbringen wollen. Oder sie wünschen sich eine Therapie, bei der ihnen ihre Lebensqualität erhalten bleibt und sie sich ihre Autonomie bewahren können.

Gibt es auch Unterschiede in der Therapie?
Ältere Krebspatienten mit einem guten Gesundheitszustand können behandelt werden wie jüngere. Ältere, die aber schon an Begleiterkrankungen leiden oder gebrechlich sind, brauchen eine maßgeschneiderte Therapie, die ihre besonderen Wünsche und Vorstellungen berücksichtigt. Da hat die Internationale Gesellschaft für geriatrische Onkologie einen sehr guten Weg vorgegeben, den wir in Innsbruck bereits seit einiger Zeit erfolgreich und zur Zufriedenheit der Patienten praktizieren (siehe unten, Anm. Red.).

Wird nicht auch die Behandlung jüngerer Krebspatienten auf deren individuelle Bedürfnisse abgestimmt?
Ja, aber bei vielen der älteren Krebspatienten ist die Ausgangslage schwieriger. Einige haben nicht nur bereits andere Erkrankungen und sind gebrechlich, sondern auch vergesslich, was auch eine Rolle spielen muss, wenn es um die Wahl der Behandlung geht.

Was ist abgesehen von einer maßgeschneiderten Therapie sonst noch nötig, um die Situation für ältere Krebspatienten zu verbessern?
Ein wichtiger Punkt ist, in klinischen Studien festzustellen, wie Krebsmedikamente und Strahlentherapie bei älteren Patienten wirken. Derzeit richtet sich die Therapie ja nach Erkenntnissen, die aus Studien mit Jüngeren stammen. Eines der wesentlichen Ziele der Internationalen Gesellschaft für geriatrische Onkologie ist es, den Blickpunkt der Forschung in Richtung älterer Krebspatient zu lenken. Auch der Verein Senioren-Krebshilfe nimmt sich gezielt der Bedürfnisse der älteren Betroffenen an.

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Krebs bei Älteren
Der neue Weg der Behandlung

Die Internationale Gesellschaft für Geriatrische Onkologie hat für die Behandlung älterer Krebspatienten folgenden Weg vorgegeben:
Über ein sogenanntes Assessment, eine Bestandsaufnahme, die aus mehreren Tests besteht, wird festgestellt,

* wie mobil der Patient ist:
Kann er ohne Hilfen gehen, braucht er Gehhilfen, oder ist er auf den Rollstuhl angewiesen. So weiß man, ob der Patient eigenständig in die Apotheke gehen kann, um sich Medikamente zu holen, ob er einkaufen gehen kann, um sich regelmäßig etwas zum Essen zu besorgen, ob er problemlos zu den ärztlichen Kontrollen kommen kann.
* welche Begleiterkrankungen der Mensch hat, ob er Diabetes hat, ob eine Störung der Nierenfunktion besteht, oder ob er schon einmal einen Herzinfarkt gehabt hat. Mit den Medikamenten, die gegen Begleiterkrankungen genommen werden, müssen sich die Krebsmedikamente vertragen.
* wie es um die Merk- und Denkfähigkeit des Menschen bestellt ist. Denn der Patient muss die Medikamente wie vorgesehen einnehmen und muss auch regelmäßig zu Kontrollen kommen.

Die Antworten und eine ergänzende ärztliche Untersuchung zur Abklärung des Allgemeinzustands führen zu einem ganzheitlichen Bild, auf dessen Grundlage der Patient einer von drei Gruppen zugeordnet wird:

* Gruppe eins ist abgesehen von der Krebserkrankung körperlich in einem sehr guten Zustand und geistig fit. Die Angehörigen dieser Gruppe können behandelt werden wie jüngere Patienten.
* Gruppe zwei ist grundsätzlich in einem guten Zustand, hat aber abgesehen vom Krebs noch andere Erkrankungen, die bei der Therapie berücksichtigt werden müssen.
* Gruppe drei hat deutliche Begleiterkrankungen, ist gebrechlich und oft auch in ihrer Denk- und Merkfähigkeit eingeschränkt. In diesen Fällen stehen eine milde Therapie, die Schmerztherapie und die Palliativmedizin im Vordergrund.

Kontakt:
Verein Senioren-Krebshilfe: www.senioren-krebshilfe.at

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