Angst vorm Zahnarzt?

September 2012 | Medizin & Trends

Wie sich die Furcht überwinden lässt
 
Kaum jemanden lässt der Besuch beim Zahnarzt kalt. Jedem Dritten aber treibt der Anblick des Bohrers regelrecht Angstschweiß auf die Stirn. Und viele fürchten sich so sehr, dass sie sogar wichtige Kontrolluntersuchungen und dringend notwendige Behandlungen anstehen lassen. Lesen Sie, wie sich die Angst vorm Zahnarzt überwinden lässt.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Mir wird ein Zahn gezogen! Eine Wurzelbehandlung steht an! Eine Füllung muss ausgetauscht werden! Das sind die Top drei auf der Hitliste der Ängste beim Zahnarztbesuch. Auf den Plätzen folgen die Entfernung von Zahnstein, das Spritzen des Betäubungsmittels, das Gefühl, während das Betäubungsmittel injiziert wird, der Anblick des Bohrers und das Bohren selbst sowie der typische Geruch und die Geräuschkulisse in Zahnarztordinationen.
Kaum jemanden lässt der Besuch beim Zahnarzt kalt. Bei jedem dritten Österreicher ist das Unbehagen aber so ausgeprägt, dass die Betroffenen als ängstlich eingestuft werden. Fünf Prozent davon sind nach den Ergebnissen verschiedener Befragungen besonders schwere Fälle: Sie fürchten sich so sehr, dass sie sogar wichtige Kontrolluntersuchungen und dringend notwendige Behandlungen anstehen lassen.

Herzklopfen, Übelkeit, Zittern

Während man früher mit dem Problem oft nichts anfangen konnte und die Betroffenen nicht selten als besonders wehleidig belächelte, nimmt man sich heute in immer mehr Praxen speziell dieser Patienten an. So z. B. in der „Smile Clinic“, einem Zentrum für Zahnmedizin in Salzburg. Dessen ärztliche Leiterin Dr. Susanne Stockmayr-Sarmini weiß nur zu gut, in wie vielen verschiedenen Facetten sich Zahnbehandlungsangst äußern kann. „Die einen schwitzen vermehrt an den Händen und Füßen, ihr Herz klopft schneller, der Blutdruck steigt, die Muskeln verspannen sich, sie zittern, oder es wird ihnen schwindlig und übel, wenn sie die Zahnarztordination betreten“, sagt sie. Bei anderen zeigen sich schon Tage vor dem Zahnarzttermin klassische Symptome. „Sie schlafen schlecht, bekommen Durchfall, sind aggressiv, gereizt und unruhig und fürchten, nicht ganz normal oder sogar verrückt zu sein.“

Flucht im wahrsten Sinn des Wortes

Alles das sind physiologische und psychologische Veränderungen, die sich Mutter Natur eigentlich erdacht hat, um uns auf einen Kampf vorzubereiten – oder auf Flucht. Und fliehen, das tun manche Angstpatienten tatsächlich. Stockmayr-Sarmini: „Entweder, indem sie anstehende Termine immer wieder verschieben. Oder indem sie sofort nach dem Betreten der Praxis wieder umkehren, sobald sie den typischen Geruch wahrnehmen oder Bohrgeräusche hören. Oder aber, indem sie erst gar keinen Termin vereinbaren.“ Das Fatale: Je länger Angstpatienten Behandlungen vermeiden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass immer aufwendigere Arbeiten notwendig werden, die für den Patienten umso unangenehmer sind.

Schlechte Erfahrungen als Ursache

So kann sich ein Teufelskreis entwickeln, weiß Dr. Ursula Lirk, klinische Psychologin, die bei der Arbeit mit Angstpatienten mit den Zahnärzten der „Smile  Clinic“ kooperiert. Der Grund: „Nahezu alle Betroffenen haben ihre Angst aufgrund von schlechten, schmerzhaften Erfahrungen bei Zahn­behandlungen im Kindesalter entwickelt.“ Andere Faktoren, die die Angst vorm Zahnarzt mitbegründen bzw. auslösen und aufrechterhalten können, sind z. B. Eltern oder andere Bezugspersonen, die ebenfalls an Zahnbehandlungsangst leiden und diesbezüglich ein schlechtes Vorbild sind. Aber auch akuter oder chronischer Stress, der Konsum von anregenden Drogen und bestimmte körperliche Erkrankungen, vor allem jene, die auf hormonelle Schwankungen zurückgehen, können hinter der übermäßigen Furcht stecken.

Narkose, Hypnose, Entspannungsmusik

Die Medizin bietet heute eine breite Palette an Hilfsmaßnahmen, die auf die persönlichen Bedürfnisse der Betroffenen und die individuellen Gegebenheiten abgestimmt werden können. Stockmayr-Sarmini: „Für sehr Ängstliche, die schon viele Jahre nicht beim Zahnarzt waren und daher oft extrem schadhafte Zähne oder auch starke Zahnfleischentzündungen, oft auch Abszesse haben, empfiehlt sich eine mehrteilige Behandlungsserie unter Narkose.“ Da brauchen die Ängstlichen dann nur noch zum Termin erscheinen und sich in den Zahnbehandlungsstuhl setzen. Vom Zähnereißen, Bohren, dem Herausschneiden von Abszessen etc. bemerken sie so rein gar nichts, und sie können nach der Behandlung und einer kurzen Ruhepause wieder nach Hause gehen.
„Angstpatienten, die nicht in Narkose versetzt werden, sich die Behandlung aber trotzdem leichter machen möchten, bietet sich eine Hypnose an“, sagt Lirk. Unter Hypnose bekommen die Patienten zwar die Behandlung mit, die Situation und die Angst machenden Reize wie der Anblick von Bohrer und Spritze werden aber nicht mehr wie sonst als unerträglich empfunden (siehe Narkose ohne Spritze unten). Lirk über weitere Möglichkeiten, die Angst vorm Zahnarzt zu überwinden: „Vielen Angstpatienten hilft es, wenn man vor der Behandlung ein beruhigendes Gespräch mit ihnen führt, oder wenn man während der Behandlung immer wieder einmal nach ihnen schaut und sie beruhigt.“ Ebenfalls viele schätzen es auch, während der Behandlung über Kopfhörer entspannende Musik hören oder via Bildschirm an der Decke einen Film sehen zu können. Anderen geht es dank einer entsprechenden Brille besser, die bewirkt, dass sie nichts von der Behandlung sehen. Und wieder andere gehen schon entspannter an die Sache heran, wenn die Bohrgeräusche in der Zahnarztpraxis von Musik oder – wie es in der Salzburger Klinik der Fall ist – von einem plätschernden Brunnen im Wartezimmer übertönt werden.

Was man selbst tun kann

Was können Menschen mit Angst vorm Zahnarzt selbst dazu tun, um weniger ängstlich zu sein? „An einen Ort denken, an dem sie sich wohl fühlen, und sich gedanklich dorthin versetzen, ehe die Behandlung oder Untersuchung startet“, sagt Lirk. Außerdem sollten die Betroffenen unbedingt dem Zahnarzt sagen, dass sie Angst vor der Behandlung haben. So kann sich dieser darauf einstellen und die Behandlung entsprechend gestalten. Etwa, indem er mit dem Patienten Zeichen ausmacht, womit dieser z. B. ausdrücken kann, dass er eine Pause braucht. Denn nur, wenn die Zahnarztbehandlung nicht mehr so schlimm für die Betroffenen ist, kann sich der Gedanke festigen, dass man sich nicht mehr so sehr davor fürchten braucht, so Lirk und Stockmayr-Sarmini, „und nur dann lässt sich die Angst lindern und manchmal sogar ganz überwinden“.

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Narkose ohne Spritze:
Hypnose beim Zahnarzt

Bei manchen Patienten reichen zwei Minuten, bei anderen dauert es eine Viertelstunde – bis sie von einem entsprechend geschulten Zahnarzt oder einem Assistenten in Hypnose versetzt sind und solcherart die Behandlung zwar bei Bewusstsein, aber wie in Trance erleben. Durch hypnotisierende Worte oder Musik werden angenehme Gefühle geweckt. Zugleich wird dadurch von Angstauslösern wie Bohrer und Spritze abgelenkt – so verliert der Patient zunehmend die Zahnbehandlungsangst. Ein zusätzlicher Vorteil der Hypnose besteht darin, dass man mit einer geringeren Dosis an Betäubungsmitteln auskommt, da deren Abbau aufgrund des sozusagen ruhiger gestellten Nervensystems verlangsamt ist. Manchmal braucht man dank dieser „Narkose ohne Spritze“ sogar gar kein Betäubungsmittel mehr.

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