Schwache Blase

März 2015 | Medizin & Trends

Zehn Fragen, zehn Antworten

Wenn mit den Jahren die Blase schwach wird, tauchen Ängste und Verunsicherung, aber auch jede Menge Fragen auf. Die häufigsten zehn beantwortet ein Experte für MEDIZIN populär.

Von Mag. Sabine Stehrer

1. Gehört Blasenschwäche zum Älterwerden dazu?

„Unfreiwilliger Harnverlust ist keine unbedingte Alterserscheinung“, sagt Univ. Prof. Dr. H. Christoph Klingler von der Universitätsklinik für Urologie am AKH in Wien. „Sie ist vielmehr eine Krankheit, die in jedem Lebensalter auftreten kann, Menschen über 50 aber häufiger trifft.“ Die Erklärung dafür: Ab der Lebensmitte werden die Muskeln des gesamten Körpers abgebaut, das Bindegewebe wird schwächer und die Steuerung durch das Nervensystem ungenauer. Gleiches gilt für den Beckenboden und die Schließmuskeln der Blase, daher kann der Harn nicht mehr so gut wie in jungen Jahren gehalten werden. Klingler: „Manchmal ist Blasenschwäche im fortgeschrittenen Alter aber auch ein erstes Anzeichen von Alterserkrankungen wie Demenz, Diabetes oder Morbus Parkinson.“ Da diese Krankheiten so wie die Blasenschwäche an sich umso besser behandelbar sind, je früher sie erkannt werden, sollte man unfreiwilligen Harnverlust nicht einfach als gegeben hinnehmen, so der Experte, sondern sich jedenfalls vom Arzt untersuchen lassen.

2. Wie überwinde ich die Scheu, mit meinem Arzt darüber zu sprechen?
„Am besten, indem man sich vor Augen hält, nicht die oder der einzige Betroffene zu sein“, sagt Klingler. „Blasenfunktionsstörungen wie die Blasenschwäche sind ein häufiges Leiden, mit dem der Arzt oft konfrontiert wird.“ Studien lassen vermuten, dass derzeit etwa eine Million Österreicherinnen und Österreicher immer wieder ungewollt Harn verliert, wobei der Großteil der Generation 50plus angehört, zwei Drittel der Betroffenen Frauen und ein Drittel Männer sind.

3. Wie wird untersucht?

„Am Anfang der Untersuchung steht eine gezielte Befragung“, so Klingler. Diese dient dazu, herauszufinden, um welche Art von Inkontinenz es sich handelt: Eine sogenannte Belastungsinkontinenz liegt dann vor, wenn unter Belastungen wie Springen, schwerem Heben oder auch Husten und Niesen Harn verloren wird. Von einer Dranginkontinenz ist man dann betroffen, wenn heftiger Harndrang zu unkontrolliertem Harnverlust führt. Schließlich gibt es auch noch die sogenannte Mischinkontinenz, die Beschwerden von beiden anderen Inkontinenzformen aufweist. Diese Unterscheidung ist für die Wahl der richtigen Therapie wichtig: „Ist sie schwierig zu treffen, kann hilfreich sein, dass die Betroffenen ein sogenanntes Blasentagebuch führen und zwei Tage lang notieren, wie es um ihre Ausscheidungen bestellt ist“, sagt Klingler. Untersucht wird zudem, ob z. B. eine Harnwegsinfektion besteht, ob es durch die permanente Feuchtigkeit zu Hautveränderungen im Bereich der Ausscheidungsorgane gekommen ist, und ob Blase und Niere gesund sind. Bei Männern wird zudem die Prostata abgetastet.

4. Kann eine Blasenschwäche durch zu viel oder zu wenig trinken ausgelöst werden?

Blasenfunktionsstörungen wie die Blasenschwäche können durchaus mit dem Trinkverhalten in Zusammenhang stehen, erklärt Klingler. Entstehen durch übermäßiges Trinken von mehr als eineinhalb bis zwei Liter pro Tag Harnmengen von zwei bis drei Liter am Tag, muss die Blase tagsüber und auch nachts oft entleert werden, und auch das Risiko, unfreiwillig Harn zu verlieren ist groß. Wer jedoch weniger als eineinhalb Liter Flüssigkeit am Tag zu sich nimmt, riskiert wiederum, dass Stoffwechselvorgänge im Körper nicht richtig funktionieren. Auch Harnwegsinfekte werden so begünstigt.

5. Lässt sich das Problem mit Medikamenten beheben?

Klingler: „Gegen die Dranginkontinenz, die aufgrund einer überaktiven Blase entsteht, gibt es Tabletten, die die Überaktivität einbremsen.“ Wenn die Inkontinenz auf eine bakterielle Entzündung der Harnwege zurückgeht, helfen Antibiotika. „Auch die Einnahme von Östrogenen kann hilfreich sein“, sagt Klingler. Keine wirklich wirksamen Medikamente gibt es aber gegen die Belastungsinkontinenz.

6. Wann ist eine Operation empfehlenswert?

„Wenn eine Frau an einer schweren Belastungsinkontinenz leidet und vergeblich versucht hat, durch Beckenbodengymnastik oder andere konservative Therapien eine Besserung zu erzielen, empfiehlt sich ein operativer Eingriff“, so der Experte. Dabei wird ein Kunststoffband um die Harnröhre gelegt, das die Harnröhre stabilisiert und so unwillkürlichen Harnverlust verhindert. Der Eingriff erfolgt unter Vollnarkose, die Patientinnen bleiben dabei zwei bis drei Tage im Spital und sind nach der Operation zu 85 Prozent kontinent. Für Männer mit Belastungsinkontinenz, die nach einer Prostata-Operation auftreten kann, kommt ebenfalls eine Schlingenoperation in Frage oder ein Eingriff, bei dem ein künstlicher Schließmuskel implantiert wird. Auch diese Maßnahmen führen zu einer weitgehenden, etwa 80-prozentigen Kontinenz.

7. Ist das Problem nach einer Operation lebenslang behoben?

„Leider nicht“, sagt Klingler. „Im Lauf von fünf bis zehn Jahren nimmt die anfänglich gute Erfolgsrate bei jeder Methode deutlich ab.“ Nach der Schlingenoperation sinkt die Kontinenzrate von 85 und 80 Prozent auf etwa 50 bis 60 Prozent. Wenn gewünscht, kann dann der Eingriff wiederholt werden. „Nur muss bedacht werden, dass die Schlingen die Blase überempfindlich machen und eine Dranginkontinenz auslösen können“, sagt Klingler. Wie lange der künstliche Schließmuskel funktioniert, ist verschieden. Männer, die damit z. B. viel Rad fahren oder reiten, belasten das Implantat durch die Erschütterungen bei diesen Sportarten stark und riskieren einen raschen Funktionsverlust. Klingler: „Meistens muss das System aber nach fünf bis zehn Jahren gewechselt werden.“

8. Welche Maßnahmen gegen Blasenschwäche gibt es noch?

„Geht der unfreiwillige Harnverlust auf eine überaktive Blase mit Dranginkontinenz zurück, kann als Alternative Botox, also Botulinum Toxin in die Blase injiziert werden“, sagt Klingler. „Man kann aber auch einen sogenannten Neuromodulator, einen Blasenschrittmacher, implantieren.“ Beide Methoden eignen sich für Frauen und Männer. Schließlich kann noch ein künstlicher Harnausgang oder eine Ersatzblase angelegt werden. Der letzte Ausweg sind ein Dauerkatheter und bei Blasenentleerungsstörungen die Verwendung eines Einmalkatheters, mit dem Betroffene selbst mehrmals am Tag die Blase entleeren.

9. Was kann ich selber dazu tun, um die Blasenschwäche zu lindern?

„Die richtige Menge trinken, also eineinhalb bis zwei Liter am Tag“, sagt Klingler. Bei einer Belastungs- oder Mischinkontinenz kann außerdem Beckenbodentraining helfen, das man am besten unter Anleitung lernt. Richtig und täglich ausgeführt, stärkt es bereits binnen drei Wochen die Beckenbodenmuskulatur.
Manchmal nützt auch ein Toilettentraining, bei dem wieder neu erlernt wird, die Blasenentleerung der Blasenkapazität anzupassen. Wer öfter unkontrolliert Harn verliert, neigt ja dazu, sicherheitshalber – und zu oft – auf die Toilette zu gehen. Das häufige Urinieren kann aber dazu führen, dass sich eine überaktive Blase entwickelt. Wer immer wieder ganz plötzlich einen starken Harndrang spürt, wie das bei der Dranginkontinenz häufig der Fall ist, kann sich in Notsituationen damit behelfen, den Oberkörper nach unten zu beugen – so lässt der Harndrang automatisch nach.

10. Welche Hilfen wird es in Zukunft geben?

Klingler: „Geforscht wird an Medikamenten, die direkt auf die Steuerung der Blase einwirken, und an der Züchtung neuer Schließmuskeln aus Stammzellen.“ Die Arbeiten in beide Richtungen stecken aber noch in den Kinderschuhen – mit verwendbaren Ergebnissen kann frühestens in fünf bis zehn Jahren gerechnet werden.

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