Verdauung unter Druck

März 2019 | Psyche & Beziehung

Psychische Belastungen setzen unseren Verdauungsorganen zu, umgekehrt nimmt das „Bauchhirn“ auch Einfluss auf die Psyche. Dieses enge Wechselspiel wird in der Therapie immer besser berücksichtigt.
 
– Von Mag. Alexandra Wimmer

Sie streiten während des Abendessens mit ihrem Liebsten und bringen danach keinen Bissen mehr hinunter? Vor einer Prüfung oder einem schwierigen Meeting bekommen Sie regelmäßig Durchfall? Dass unser Körper auf Stress und psychische Belastung reagiert, kennt wahrscheinlich jeder. „Physiologische Reaktionen auf Stress, Angst oder Unbehagen sind ganz normal“, erklärt die Internistin, Gastroenterologin und Psychotherapeutin Univ. Prof. Dr. Gabriele Moser von der Medizinischen Universität Wien. Schließlich besteht eine enge Verbindung zwischen Gehirn und Bauch, zwischen Psyche und Verdauung – die Hirn-Bauch-Achse (brain-gut-axis): Vom enterischen Nervensystem (ENS), auch „Bauchhirn“ genannt, führen 90 Prozent der Informationen über Nervenstränge ins Gehirn, nur zehn Prozent führen vom Gehirn zum Bauch.

Stress verändert Darmflora

Dass Stress sich gleichsam auf den Magen schlägt, ist nicht nur auf die genannten Nervenbahnen, sondern auch auf die mikrobielle Besiedlung des Darms, das Mikrobiom, zurückzuführen: Stress & Co haben Auswirkungen darauf, das Risiko für psychische und organische Erkrankungen steigt. „Unter Stress kann die Vielfalt nützlicher Bakterien im Darm reduziert sein und die Darmschleimhaut durchlässiger werden“, informiert Moser. „Und durch ein weniger vielfältiges Mikrobiom ist man weniger resistent gegen Stress.“ Gestresste wiederum sind anfälliger für eine gastrointestinale Infektion – ein Teufelskreis. Aufgrund von Dauerstress ist auch das Risiko für einen akuten Schub einer entzündlichen Darmerkrankung wie Colitis ulcerosa erhöht. Und auch bei funktionellen Verdauungsstörungen (FGIS) wie dem Reizdarmsyndrom oder Reizmagen, bei denen die Psyche eine entscheidende Rolle spielt, ist das Mikrobiom häufiger verändert als bei Beschwerdefreiheit. Verschiedene Untersuchungen belegen weiters, dass das Mikrobiom in Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen steht: Die Vielfalt der Darmbakterien von Patientinnen und Patienten mit Angststörungen, Depressionen oder einer posttraumatischen Belastungsstörung ist demnach im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung möglicherweise geringer.

Psyche und Körper als Einheit

Ob die depressive Verstimmung oder das Verdauungsproblem zuerst war, sei für die Behandlung nicht wirklich relevant, betont Moser. „Die Henne-Ei-Frage suggeriert, dass es möglich wäre, dass psychisches Geschehen wie massiver Stress unabhängig vom Verdauungstrakt stattfinden könnte. Oder, dass massive Verdauungsprobleme keinerlei Einfluss auf das Gehirn hätten“, veranschaulicht die Expertin den Zugang der psychosomatischen Medizin. Bei massiven Beschwerden im Verdauungstrakt leiden meist Körper und Psyche. Ein Beispiel: „Wenn Verdauungsbeschwerden aufgrund einer Infektion auftreten, heißt das nicht, dass sich allein durch die Behandlung der Infektion auch die psychische Situation beruhigt.“ Und wenn bei massivem Stress regelmäßig die Beweglichkeit des Magens eingeschränkt ist, sollte man nicht nur diese Motilitätsstörung behandeln, sondern auch die Psyche entlasten.

Das Glück sitzt im Bauch

Der Zusammenhang zwischen Mikrobiom, Psyche und Verdauungsproblemen ist komplex: „Darmbakterien sind einerseits beteiligt an Entzündungsvorgängen, andererseits sind sie involviert in die Produktion von Neurotransmittern, zum Beispiel von Serotonin“, erklärt Assoz. Prof. Priv. Doz. Dr. Eva Reininghaus, Fachärztin für Psychiatrie an der Medizinischen Universität Graz. Man weiß, dass bei psychischen Erkrankungen nicht nur die Vielfalt der Darmbakterien verringert ist. Die Produktion des „Wohlfühlhormons“ Serotonin, das bei der Entwicklung von Depressionen eine Rolle spielt, ist ebenfalls verändert. Über 95 Prozent des Serotonins werden im Darm gebildet, für dessen Produktion wiederum Tryptophan aus der Ernährung benötigt wird. Dieses steckt etwa in Nüssen, Kürbiskernen, Buchweizen, Eiern, Thunfisch und Schweinefleisch.
Des Weiteren können entzündliche Veränderungen die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut, ein „Leaky gut“, fördern. In diesem Fall können Stoffe aus dem Darm in den Blutkreislauf bzw. in das Gehirn gelangen. Auch Entzündungen beeinflussen das Zusammenspiel von Psyche und Verdauung: „Darm und Gehirn sind nicht nur über Nerven miteinander verbunden, sondern auch über verschiedene entzündliche Mechanismen“, verdeutlicht Reininghaus. Man weiß, dass chronische Entzündungen an der Entstehung psychiatrischer Erkrankungen wie einer Depression oder einer manisch-depressiven Erkrankung beteiligt sind.

Richtige Ernährung & Probiotika

Was dem Darm schmeckt, tut letztlich auch der Psyche gut. Über die richtige Ernährung dürfte sich nicht nur das Mikrobiom, sondern auch Entzündungsvorgänge – und damit möglicherweise eine Depression – beeinflussen lassen. „In der Therapie wird die Ernährung zukünftig ein wichtiger Faktor sein, um Depressionen zu beeinflussen“, ist Reininghaus überzeugt. Wie die Kost konkret aussehen sollte, ist (noch) nicht bekannt. „Man weiß allerdings, dass eine mediterrane Ernährung – viel Fisch, viele Ballaststoffe, wenig Zucker und wenige gesättigte Fette – günstig ist“, betont die Expertin.
Den Konsum industriell produzierter Nahrung sollte man der Gesundheit zuliebe reduzieren: „Studien zeigen, dass Emulgatoren, Stabilisatoren, Färbe- und Konservierungsmittel in industriell produzierten Nahrungsmitteln auch die Darmbarriere und das Mikrobiom stören können“, informiert die Gastroenterologin Moser.
Die Gabe von Probiotika – lebende Mikroorganismen, die organische Säuren wie Milchsäure produzieren und den pH-Wert im Darm senken – dürfte ebenfalls die Bakterienvielfalt im Darm fördern und Entzündungen entgegen wirken. Dies legt eine Untersuchung von Reininghaus an Menschen mit manisch-depressiver Erkrankung nahe. „Die Patientinnen und Patienten erhielten drei Monate Probiotika mit gesundheitsförderlichen Bakterien“, erzählt sie. Das Ergebnis: Konzentration, Aufmerksamkeit und die kognitive Leistungsfähigkeit haben sich deutlich verbessert. Auch Verdauungsstörungen, unter denen viele depressive Menschen leiden, wurden weniger.
In einer anderen Studie konnte die Expertin zeigen, „dass sich durch Probiotika auch Entzündungswerte verbessern“ – möglicherweise in weiterer Folge mit positiven Auswirkungen auf die Symptomatik einer Depression.  
Neben der Ernährung und der Gabe von Probiotika dürfte sich ausreichend Bewegung sehr günstig auf die Psyche auswirken; auch, weil regelmäßiger Sport Entzündungen im Körper reduziert. Ein gutes Konfliktmanagement sowie Maßnahmen zur Stressbewältigung können ebenfalls hilfreich sein.

Lernen, auf sich selbst zu hören

Speziell bei den FGIS attestieren rund 40 randomisierte, kontrollierte Studien der Psychotherapie eine sehr gute Wirksamkeit: Die Symptome werden gemildert, Lebensqualität und psychische Situation verbessert. „Psychopharmaka und die Psychotherapie zählen unabhängig voneinander zu den erfolgreichsten Behandlungen“, erklärt Gastroenterologin Moser. Im Zuge der Psychotherapie wird der Bauch nicht länger als Feind erlebt. „Er ist oft wie ein Sensor, der frühzeitig alarmiert, wenn er nicht mehr kann oder mit etwas nicht einverstanden ist“, betont Moser.
Ob man etwas nicht schlucken kann oder einem etwas im Magen liegt – man sollte möglichst schon als Gesunder in sich hineinhören: Was spüre ich? Was sagt mir dieses Gefühl jetzt?
Moser regt bei ihren Patientinnen und Patienten zudem das vorübergehende Führen eines Symptomtagebuchs an, in das man mögliche Auslöser notiert: belastende Situationen, Nahrungsmittel. Daneben sollte auch vermerkt werden, was man als positiv und hilfreich erlebt: Was tut mir gut? An welchen Tagen habe ich kaum Beschwerden? „Für viele ist das Symptomtagebuch eine therapeutische Hilfe, um zu erkennen, was sie in bestimmten Situationen vielleicht ändern sollten“, beobachtet die Expertin. Allerdings: „Da viele Betroffene ständig auf die Verdauung fokussiert sind, sollte das Symptomtagebuch nicht länger als zwei bis vier Wochen geführt werden.“ 

Bauchhypnose für eine entspannte Mitte

Mit besonders großem Erfolg wird bei FGIS die Bauchhypnose, die „Gut directed Hypnotherapy“, angewendet: Zur Selbstentspannung kommen spezielle, heilsame Vorstellungen vom Magen-Darm-Trakt hinzu: Die Betroffenen visualisieren, wie dieser sich ruhig und rhythmisch, Meereswellen gleich, verhält. Die Wirksamkeit der Bauchhypnose lässt sich messen: „In US-Studien wurde im Rahmen von Untersuchungen der Hirnaktivität dargestellt, welche Areale im Gehirn von Reizdarmpatienten aktiviert werden“, informiert Moser. Allein die Erwartung eines Reizes, etwa die Dehnung im Darm, lasse Angstareale im Gehirn aktiver werden. „Nach einer Hypnose-Therapie sehen wir bei den Betroffenen hingegen dieselben Muster wie bei Gesunden.“

Der Körper als Ressource

Dass der Körper nicht Feind, sondern eine wichtige Ressource ist, wenn man mit ihm kommuniziert, vermittelt der Wiener Neustädter Psychotherapeut Dr. Reinhard Pichler seinen Klienten. „Es ist entscheidend, die Sprache des Körpers kennenzulernen“, betont er. Indem man die körperlichen Signale erkennt und Bedürfnisse adäquat erfüllt, fühlt man sich rundum wohler. „Man spürt sich mehr, das Selbstwertgefühl steigt“, beobachtet der Psychotherapeut, der in seiner Praxis auf „multiprofessionelle Zusammenarbeit“ mit Ärzten und anderen Spezialisten setzt. Auch nimmt er neben der psychischen Befindlichkeit den Lebensstil und die psychosozialen Rahmenbedingungen seiner Klienten unter die Lupe.

Bei depressiven Verstimmungen oder Depressionen bewähre es sich insbesondere, Ängsten auf den Grund zu gehen und diese zu bearbeiten, ergänzt Pichler. „Dadurch finden die Betroffenen oft schnell einen selbst stärkenden Weg.“ Der Wendepunkt ist erreicht. Außerdem gelte es, „den depressiven Denkzirkel zu durchbrechen“, betont der Psychotherapeut, der seinen Klienten etwa die Verwendung des Wörtchens „immerhin“ nahelegt. „Wenn Betroffene in der Therapiestunde wieder in negative Denkmuster verfallen, frage ich, was denn immerhin in Ordnung ist.“ Die eigene Situation von einer neuen Perspektive aus zu betrachten, erweitere letztlich den Handlungsspielraum.

 

Das Mikrobiom schnell erklärt

Jeder Mensch trägt eine gigantische Wohngemeinschaft in sich – das Mikrobiom. Es umfasst sämtliche Kleinstlebewesen – Bakterien, Viren und Pilze –, die vorwiegend im unteren Dünn- und Dickdarm leben. Eine Billion Lebewesen finden sich in einem Gramm Darminhalt wieder. Damit zählt der menschliche Dickdarm zu den Orten mit der höchsten Einwohnerdichte überhaupt. Neben dem Darm besiedeln die mikroskopisch kleinen Zeitgenossen aber auch Haut und Schleimhäute,
etwa in Mund, Rachen und Genitalien.
Mikroskoptisch betrachtet ist der menschliche Körper eher eine Ansammlung von Kleinstlebewesen, verfügt er doch über mehr Bakterien als Zellen. Je nach Lebensstil führen nützliche, gesunderhaltende oder krankmachende pathogene Mikroorganismen Regie. So mischen Mikroben beispielsweise im Immunsystem oder Stoffwechsel mit und können Herzkreislauf-Erkrankungen begünstigen oder verhindern ­– je nach dem, wie man sie hegt und pflegt. Auch Nahrungsmittelintoleranzen und Allergien können die Folgen einer durcheinander geratenen Darmflora sein. In Summe hat das Mikrobiom Einfluss auf nahezu alle körperlichen Regungen.  (sn)

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Betroffene für Reizdarm-Studie gesucht

Univ. Prof. Dr. Gabriele Moser führt ab April 2019 am AKH Wien eine Studie mit Reizdarmpatienten mit Durchfall durch. Interessierte können sich unter der Telefonnummer 01/40400 49420 (Tonband) melden, sie werden zurückgerufen.   

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Regelmäßig zur Darmkrebsvorsorge

Bei jeder Vorsorgeuntersuchung ab 40 Jahren wird ein Test auf optisch nicht sichtbares (okkultes) Blut im Stuhl angeboten. Ab dem 50. Geburtstag sollte zusätzlich alle sieben bis zehn Jahre eine Darmspiegelung (Koloskopie) durchführt werden – bei Auftreten von Darmkrebs in der Familie bzw. auffälligem Befund schon früher und  häufiger: Mit einem speziellen Endoskop wird die Darmschleimhaut auf Veränderungen (Polypen) untersucht, die meist gleich während der Untersuchung entfernt werden können. (sfh)

 

Webtipp

Opens external link in new windowwww.darmplus.at
(in der Suchfunktion „Bauchhypnose“ eingeben)
Mehr als 200 Therapeuten bieten mittlerweile österreichweit die Bauchhypnose an.

Webtipp
Opens external link in new windowwww.krebshilfe.net
Hier erfahren Sie unter „Services“ – „Spezialzentren/zertifizierte Stellen für Koloskopie“ mehr über die sanfte Koloskopie, schmerzfrei und sicher mit dem „Qualitätszertifikat“.

Stand 03/2019

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