Bewegungsapparat & Sport

Wenn der Knochen abbaut

Osteoporose wird häufig erst entdeckt, wenn Knochen so porös geworden sind, dass sie ohne große Krafteinwirkung brechen. Wie man dem „Knochenschwund“ vorbeugen kann, ab wann Vorsorge sinnvoll ist und welche Rolle Sport spielt. 

Von Sandra lobnig

Prim. Dr. Michael Smeikal, MSc
„Die Basis für jede Therapie ist ein ausgeglichener Kalzium- und Vitamin-D-Haushalt.“

Ist das nicht heimtückisch? Da leidet man möglicherweise seit Jahren an Osteoporose – und ahnt gar nichts davon. Denn Knochenschwund, wie Osteoporose auch genannt wird, bleibt lange unbemerkt. Wenn Dichte, Festigkeit und Qualität der Knochen abnehmen, verursacht das weder Schmerzen noch Beschwerden.

Bis auf einmal ein Knochen „einfach so“ bricht und es, wie man im medizinischen Fachjargon sagt, zu einer „Bagatellfraktur“ kommt. Etwa als Folge eines leichten Sturzes oder durch einen undramatischen Stoß. Passiert das, sollten die Alarmglocken läuten. Denn dann sind die Knochen so porös geworden, dass oft schon geringe Krafteinwirkung ausreicht, um sie zu brechen.

Während bei gesunden Menschen der Auf- und Abbau der Knochen im Gleichgewicht ist und die Knochen stabil sind, ist bei Osteoporose-Betroffenen der Stoffwechsel in den Knochen gestört. Das führt dazu, dass mehr Knochensubstanz ab- als aufgebaut wird. 

Runder Rücken durch Wirbelbrüche 

Es gibt „typische“ Brüche, die auf Osteoporose hindeuten, sogenannte osteoporotische Leitfrakturen, erklärt Prim. Dr. Michael Smeikal, MSc, Facharzt für Innere Medizin und Osteoporose-Experte. Dazu zählen Wirbel- oder Hüftfrakturen, aber auch gebrochene Speichen im Unterarm sowie Oberarmbrüche.

Je nach Alter der Patientinnen und Patienten treten eher die einen oder die anderen auf. „Bei älteren Patientinnen und Patienten sind es Hüftfrakturen, bei jüngeren, zum Beispiel Frauen nach der Menopause im Alter von 55 oder 60 Jahren, brechen zuerst die Wirbelkörper. Denn diese haben viele Knochenbälkchen, die anfällig für Brüche sind.“ Wenn die Wirbelkörper einbrechen, kann das zu einem Rundrücken führen oder dazu, dass man an Körpergröße einbüßt.  

Alter als Risikofaktor

Osteoporose gilt als Volkskrankheit. In Österreich leidet rund eine halbe Million Menschen daran. Achtzig Prozent der Betroffenen sind weiblich, trotzdem will Michael Smeikal nicht von einer klassischen Frauenkrankheit sprechen. Immerhin sind 20 Prozent der Betroffenen männlich. „Osteoporose ist vielmehr eine Erkrankung der älteren Menschen“, sagt er.

Fortgeschrittenes Alter gilt als einer der größten Risikofaktoren. Rauchen und Alkohol, chronisch entzündliche Erkrankungen oder bestimmte Medikamente wie Kortison können das Osteoporose-Risiko ebenfalls steigern. Auch der Östrogenabfall im Zuge der Wechseljahre kann bei Frauen einen negativen Einfluss auf die Knochengesundheit haben. „Östrogen unterstützt den Knochenanbau und bremst den Abbau“, erklärt Smeikal.

Sinkt das Östrogen, verringert sich auch seine schützende Wirkung auf die Knochen. Weshalb Frauen nach der letzten Regelblutung ein erhöhtes Erkrankungsrisiko haben. Außerdem spielt die Genetik eine Rolle. Wer von Wirbel- oder Hüftfrakturen bei älteren Menschen in der Familie weiß, sollte deshalb die Osteo­porose-Vorsorge besonders ernst nehmen.  

Knochendichtemessung

Apropos Vorsorge: Frauen ab 65 wird empfohlen, mittels Knochendichtemessung ihre Knochengesundheit zu überprüfen, Männern ab 70 Jahren. Zählt man aufgrund des Lebensstils, der Krankheits- oder Familiengeschichte zu einer Risikogruppe (oder befindet sich als Frau in der Menopause), ist die Messung schon ab dem 50.

Lebensjahr angeraten. Bei der Knochendichtemessung wird die Stabilität der Knochen in einem bildgebenden Verfahren überprüft. Die Knochendichte allein sei aber zu wenig, um das tatsächliche Risiko vorherzusagen, sagt Smeikal. Der Wert, den die Messung liefert, sei nur bedingt aussagekräftig. „Alle Einflussfaktoren, wie zum Beispiel das Alter, müssen mitgedacht werden. Das gleiche Knochendichteergebnis kann bei einer 55-Jährigen ein anderes Frakturrisiko bedeuten als bei einem 95-Jährigen.“

Gute Therapiemöglichkeiten

Die gute Nachricht: Osteoporose kann gut behandelt werden. „Die Basis für jede Therapie ist ein ausgeglichener Kalzium- und Vitamin-D-Haushalt“, sagt Michael Smeikal. 1.000 Milligramm Kalzium pro Tag sollte man zu sich nehmen, um den Bedarf zu decken. Das sei über die Ernährung grundsätzlich möglich, mit zunehmendem Alter allerdings oft schwieriger – weshalb auf kalziumhältige Medikamente zurückgegriffen werden kann.

Dazu 800 Einheiten Vitamin D und 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht (ein Gramm bei älteren Menschen). „Darauf aufbauend wird eine entsprechende Therapie ausgewählt  – abhängig vom Frakturrisiko und von den Begleiterkrankungen.“ Die Medikamente wirken zweifach: Sie stoppen den Knochenabbau und fördern den Aufbau. Denn was vielen nicht bewusst ist: Beim Knochen handelt es sich um lebendiges Gewebe, die Knochendichte kann sich verändern – auch zum Positiven.

Die medikamentöse Behandlung dauert so lange, wie die Erkrankung fortbesteht. „Gerade bei alten Menschen wird Osteoporose oft zu einer chronischen Erkrankung, sodass die Therapie lebenslang notwendig ist.“ 

Knochen lieben Belastung

Michael Smeikal weist darauf hin, dass Osteoporose eine Krankheit ist, an der man potenziell sterben kann. Weniger an den Knochenbrüchen als an deren Folgen. Frakturen zählen im Alter zu den häufigsten Todesursachen. „Der Klassiker: Ein achtzigjähriger Mann bricht sich den Oberschenkelhals, braucht eine Hüftprothese und bekommt nach der Operation eine Lungenentzündung, an der er verstirbt.“ 

Wie bei allen Krankheiten ist Vorbeugung besser als Therapie. Und man kann einiges tun, um gar nicht erst an Osteoporose zu erkranken. Neben kalziumreicher Ernährung und ausreichend Vitamin-D spielt Sport eine wichtige Rolle. Die Sehnen und Muskeln, die sich am Knochen befinden, üben einen Reiz auf den Knochen aus, wenn sie bewegt werden.

Dieser Reiz wiederum regt den Knochenaufbau an. Umgekehrt baut der Knochen ab, wenn die Belastung ausbleibt. Besonders dramatisch können das bettlägerige Menschen erleben, die sich die Hüfte brechen, weil sie sich im Bett umdrehen. Gezieltes Krafttraining ist deshalb sowohl für die Prävention wichtig als auch als Begleitmaßnahme während der Therapie von Osteoporose. 


Der Mensch und seine Knochen

Neugeborene Babys haben zwischen 300 und 350 Knochen, ein erwachsener Mensch nur noch rund 200. Was passiert mit dem Skelett, wenn ein Baby heranwächst? Die Knochen wachsen im Laufe der Zeit zusammen. Denn Knochen sind kein „steinernes“ Gerüst, das den menschlichen Körper aufrecht hält und die inneren Organe schützt. Sie sind selbst Organe und bestehen aus lebendigem Gewebe. In ihrem Inneren sind sie gut durchblutet.

Ein gesunder Knochen befindet sich im permanenten Auf- und Abbau. Durch den Knochenumbau erneuert sich das menschliche Skelett alle paar Jahre. Am längsten ist übrigens der Oberschenkelknochen, die kleinsten Knochen befinden sich im Ohr: Die Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel sind nur wenige Millimeter lang.


Fotos:  fotostudio M. Lenz, stock/crevis2

Share

Medizin Populär