Schmerz ist ein wichtiges Warnsignal des Körpers. Doch manchmal bleibt er bestehen, obwohl die ursprüngliche Verletzung längst verheilt ist. Was hinter chronischen Schmerzen stecken kann und warum Medikamente nur ein Teil der Lösung sind.
Von Natascha Gazzari
„Anhaltende Schmerzen betreffen stets den gesamten Menschen und nicht nur ein einzelnes Organ oder ein Körperteil.“
Ein Schnitt in den Finger, ein verstauchter Knöchel oder ein entzündetes Gelenk: Schmerz macht uns darauf aufmerksam, dass im Körper etwas nicht stimmt. Er erfüllt eine wichtige Schutzfunktion und sorgt dafür, dass wir eine verletzte Körperstelle schonen. Normalerweise verschwinden die Beschwerden wieder, wenn die Ursache behoben ist.
Schmerz kann jedoch auch zum Dauerzustand werden, wie Prim. Dr. Manfred Greher, MBA, Ärztlicher Direktor und Vorstand der Abteilung für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie im Herz-Jesu-Krankenhaus Wien, berichtet. „Von chronischen Schmerzen spricht man, wenn die Beschwerden länger als drei bis sechs Monate bestehen oder über die übliche Heilungszeit einer Verletzung oder Erkrankung hinaus anhalten.“ Chronische Schmerzen können das Leben stark einschränken. Bewegungen fallen schwerer, Schlaf und Konzentration leiden, Beruf und Freizeit werden beeinträchtigt. Wer ständig Schmerzen hat, ist zudem häufig erschöpft oder niedergeschlagen.
Wenn das Nervensystem empfindlicher wird
Chronischer Schmerz ist nicht allein eine Reaktion auf eine körperliche Schädigung. Meist entsteht er aus dem komplexen Zusammenspiel von körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren. Häufig beginnt chronischer Schmerz mit einer konkreten Ursache. Halten die Beschwerden jedoch über längere Zeit an, kann sich die Verarbeitung der Schmerzsignale verändern: „Schmerzreize werden verstärkt wahrgenommen und gespeichert – es kommt zur Sensibilisierung. Vereinfacht wird dieser Vorgang als Schmerzgedächtnis bezeichnet“, erläutert Manfred Greher. Beschwerden können also fortbestehen, selbst wenn die ursprüngliche Ursache längst abgeheilt ist.
Zu den häufigsten Auslösern chronischer Schmerzen zählen Erkrankungen der Wirbelsäule und der Gelenke, Nervenschädigungen, Tumorerkrankungen sowie länger anhaltende Beschwerden nach Operationen oder
Unfällen. Doch auch andere Faktoren wie anhaltender Stress, psychische Belastungen, Depressionen sowie Fehl- und Überbelastungen können laut Greher eine Chronifizierung begünstigen.
Die Suche nach der Ursache
Chronische Schmerzen sind komplex und sehr individuell. Bei der Diagnose geht es deshalb um mehr als die Frage, wo es wehtut. Eine fundierte Diagnostik beginnt immer mit einem ausführlichen Gespräch: „Dabei geht es nicht nur um Art, Dauer und Intensität der Beschwerden, sondern auch um deren Auswirkungen auf Beruf, Alltag und Lebensqualität.
Vorerkrankungen, bisherige Therapien sowie mögliche psychische und soziale Einflussfaktoren werden ebenfalls berücksichtigt.“ Eine körperliche Untersuchung ergänzt die Anamnese. Je nach Beschwerdebild können zusätzlich bildgebende Verfahren, Funktionsuntersuchungen oder Laboruntersuchungen sinnvoll sein.
Ziel ist es, nicht nur eine mögliche körperliche Ursache zu finden, sondern auch jene Faktoren zu erkennen, die zur Chronifizierung beigetragen haben. „Anhaltende Schmerzen betreffen immer den gesamten Menschen und nicht nur ein einzelnes Organ oder Körperteil“, betont der Schmerzspezialist.
Viele Bausteine
Schmerz ist nicht gleich Schmerz, daher setzt die moderne Schmerzmedizin auf verschiedenen Ebenen an. In speziellen Schmerzzentren wie dem Therapiezentrum Chronischer Schmerz (TCS) des Herz-Jesu-Krankenhauses Wien greifen verschiedene Behandlungsmöglichkeiten ineinander, die individuell auf die Betroffenen abgestimmt werden. „Wir verfolgen einen ganzheitlichen und interdisziplinären Ansatz“, so Greher.
Zu Beginn einer Behandlung werden Vorbefunde und bisherige Therapien besprochen, der Betroffene untersucht und die bestehende Medikation überprüft beziehungsweise angepasst. Anschließend erfolgt ein Gespräch mit klinischen Psychologinnen und Psychologen. „Ein multiprofessionelles Team bespricht jeden individuellen Fall und entwickelt daraus ein maßgeschneidertes Therapiekonzept“, erläutert der Mediziner.
Je nach Bedarf werden medizinische Behandlung, Physio- und Ergotherapie, gezielte Bewegung, therapeutisches Yoga, Entspannungsverfahren, Biofeedback, Akupunktur und psychologische Begleitung miteinander kombiniert. Auch Schmerzbewältigungstraining und Ernährungsberatung können dazugehören.
„Medikamente sind ein wichtiger Bestandteil der Behandlung, reichen alleine jedoch vielfach nicht aus. Zudem können Nebenwirkungen ihre Anwendung begrenzen“, ordnet Greher den Einsatz von Schmerzmitteln ein. „Entscheidend ist das Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen“, sagt der Schmerzspezialist. Das Ziel ist dabei nicht zwangsläufig vollständige Schmerzfreiheit. Vielmehr gehe es darum, körperliche Funktionen, Selbstständigkeit und Lebensqualität wieder zu verbessern.
In Bewegung bleiben
Eine wichtige Säule der multimodalen Schmerztherapie ist Bewegung. Wer Schmerzen hat, schont sich verständlicherweise. Kurzfristig kann das sinnvoll sein. Dauerhafte Schonung kann jedoch einen ungünstigen Kreislauf in Gang setzen: Die Muskulatur wird schwächer, die körperliche Leistungsfähigkeit nimmt ab, Bewegungen werden aus Angst vor Schmerzen vermieden und der Alltag wird immer eingeschränkter.
Aktivität sollte Schritt für Schritt wieder aufgebaut werden. „Es geht nicht um sportliche Höchstleistungen, sondern darum, Bewegung wieder selbstverständlich in den Alltag zu integrieren“, betont der Experte. Physiotherapie kann dabei helfen, geeignete Übungen zu finden und Ängste vor Bewegung abzubauen.
Stress als Schmerzverstärker
Chronische Schmerzen wirken sich nicht nur auf den Körper aus. Auch die psychische Verfassung beeinflusst, wie Schmerzen wahrgenommen und verarbeitet werden. Anhaltender Stress, Ängste oder depressive Verstimmungen können Beschwerden verstärken. Gleichzeitig können chronische Schmerzen selbst die Psyche belasten. Entspannungstechniken, Achtsamkeit und psychologische Unterstützung können dabei helfen, besser mit den Beschwerden umzugehen. „Wer die Mechanismen chronischer Schmerzen versteht und lernt, selbst aktiv Einfluss zu nehmen, kann seine Lebensqualität meist deutlich verbessern“, erklärt der Schmerzspezialist.
Die Zukunft der Schmerztherapie
Die Schmerzmedizin entwickelt sich laut Greher zunehmend in Richtung einer personalisierten Versorgung. Auch digitale Gesundheitsanwendungen, Telemedizin und KI-Anwendungen dürften künftig eine größere Rolle spielen. „Interdisziplinäre multimodale Therapieansätze gewinnen weiter an Bedeutung, weil sie langfristig die besten Erfolgsaussichten bieten.“ Chronische Schmerzen müssen von den Betroffenen nicht einfach hingenommen werden. Auch wenn nicht immer vollständige Schmerzfreiheit erreicht werden kann, lässt sich häufig etwas verändern – an der Beweglichkeit, am Umgang mit den Beschwerden und damit an der Lebensqualität.
Missverständnisse rund um chronische Schmerzen
- „Ein Bild sagt alles“: Gerade bei Rückenschmerzen zeigt sich, dass ein Befund auf einem Röntgen- oder MRT-Bild nicht automatisch die Erklärung für die Beschwerden liefert. Etwa 80 Prozent der Rückenschmerzfälle sind unspezifisch. Die Ursache lässt sich dann auch nicht aus radiologischen Bildern ablesen. Bei chronischen Schmerzen kann das Nervensystem auch ohne aktuelle Gewebeverletzung überempfindlich reagieren. Starke Schmerzen bedeuten daher nicht zwangsläufig, dass eine schwere körperliche Schädigung dahintersteckt.
- „Schonung ist die beste Therapie“: Dauerhafte Schonung führt häufig nicht zu einer rascheren Genesung, sondern zu einer weiteren Verschlechterung der Beschwerden. Auch Medikamente sind nicht die alleinige Antwort. Entscheidend ist vielmehr, mehrere Behandlungsbausteine miteinander zu verbinden.
Was Betroffene selbst tun können
- Aktiv bleiben: Regelmäßige, individuell angepasste Bewegung hilft, Beweglichkeit und Muskulatur zu erhalten.
- Schonhaltungen vermeiden: Wer aus Angst vor Schmerzen immer mehr Bewegungen vermeidet, kann einen Kreislauf aus Inaktivität und zunehmender Einschränkung fördern.
- Stress reduzieren: Entspannung, Achtsamkeit und Strategien zur Stressbewältigung können helfen, besser mit Schmerzen umzugehen.
- Faktor Schlaf: Ein regelmäßiger Schlafrhythmus und ausreichend Erholung unterstützen die Behandlung.
- Realistische Ziele setzen: Nicht nur Schmerzfreiheit zählt. Auch mehr
Beweglichkeit, Aktivität und Selbstständigkeit sind wichtige Therapieerfolge.
Fotos: Herz-Jesu Krankenhaus / Felicitas Matern, istock/lyudinka