Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Vorstand des Instituts für Sozialästhetik und Psychische Gesundheit an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien, beantwortet die aktuelle Leserfrage.
Von Natascha Gazzari
„Der wohl häufigste Irrglaube über Burnout lautet: Das bekommen die anderen.“
Medizin populär-Leserin Iris M. (42) fragt: „Ich fühle mich seit Monaten nur noch erschöpft. Beruf, Familie und Haushalt wachsen mir über den Kopf. Abends liege ich müde im Bett, kann aber nicht einschlafen, weil meine Gedanken kreisen. Meine Nerven liegen blank und ich fahre wegen Kleinigkeiten aus der Haut. Was kann ich tun, um wieder zur Ruhe zu kommen?“
Belastung ist ein Zustand, der immer dann auftritt, wenn die vorhandenen Bewältigungsstrategien für die anstehenden Aufgaben nicht mehr ausreichen. Das betrifft häufig Menschen mit einer Mehrfachbelastung durch Beruf, Familie und die Pflege von Angehörigen. Erstes Anzeichen einer Überlastung kann sein, dass die Regenerationsphasen immer kürzer werden. Es wird abends weitergearbeitet oder Unerledigtes am Wochenende nachgeholt. Ein wichtiges frühes Warnsignal ist auch eine erhöhte Reizbarkeit.
Viele Betroffene schlafen schlechter und haben kaum noch Zeit für Beziehungen oder Freizeit. Bleibt die Überforderung bestehen, geht die Reizbarkeit zunehmend in Gereiztheit über – schon Kleinigkeiten reichen aus, um richtig böse zu werden. Im weiteren Verlauf kann es schließlich zu einem völligen Zusammenbruch kommen. Burnout ist übrigens weit verbreitet: Mehr als 40 Prozent der Erwachsenen in Österreich zeigen Burnout-Anzeichen. Trotzdem glauben viele, dass sie selbst davon nicht betroffen sein können und unterschätzen erste Anzeichen wie zunehmende Reizbarkeit, fehlende Erholungsphasen oder Schlafstörungen.
Wie wirkt sich Dauerstress auf den Körper aus?
Mit zunehmender Überlastung fährt das vegetative Nervensystem hoch. Man spricht dann von einem erhöhten Sympathikotonus. Dadurch können Blutdruck und Herzfrequenz steigen, außerdem treten häufig Unruhezustände, Schlafstörungen sowie Magen- und Verdauungsbeschwerden auf. Anfangs sind die Symptome oft unspezifisch, können sich jedoch mit der Zeit verfestigen. Gleichzeitig verlieren viele Betroffene zunehmend Energie und das Vertrauen in sich selbst und ihr Umfeld. Sie haben das Gefühl, aus der Situation nicht mehr herauszukommen, und finden das Leben nicht mehr schön.
Welche Maßnahmen bringen wieder mehr Ruhe?
Menschen, die auf dem Weg ins Burnout sind, leiden an Energieverlust, Möglichkeitenverlust und Vertrauensverlust. Ein zentraler Schritt ist, bewusst Zeit für Regeneration einzuplanen und regelmäßig Phasen zu schaffen, in denen Körper und Psyche zur Ruhe kommen können. Ebenso wichtig sind soziale Kontakte und die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen. Darüber hinaus empfiehlt es sich, den Blick nicht ausschließlich auf die Belastung zu richten, sondern auch auf andere Bereiche des Lebens. Zeit mit nahestehenden Menschen, Erlebnisse in der Natur oder kulturelle Aktivitäten können neue Kraft geben. Wer sich bewusst schönen Dingen widmet, kann daraus unheimlich viel Kraft schöpfen.
Wann sollte man sich professionelle Hilfe suchen?
Idealerweise so früh wie möglich! In einer frühen Phase reichen oft Veränderungen im Alltag und bewusst eingeplante Erholungszeiten aus. Nehmen die Beschwerden jedoch zu oder treten Schlafstörungen, Bluthochdruck, Magenprobleme oder ausgeprägte Gereiztheit auf, sollte professionelle Unterstützung in Anspruch genommen werden. In einem fortgeschrittenen Stadium sind häufig medizinische und psychotherapeutische Behandlungen sowie mitunter auch Rehabilitationsmaßnahmen erforderlich.
Wichtig ist außerdem, dass das Umfeld aufmerksam bleibt: Fällt etwa auf, dass ein sonst ausgeglichener Mensch plötzlich dauerhaft gereizt reagiert, kann das ein frühes Warnsignal sein. Auch Arbeitgeber tragen Verantwortung für die psychische Gesundheit ihrer Beschäftigten und sollten bei Anzeichen einer Überforderung das Gespräch suchen und für eine Reduktion der Belastung sorgen.
Fotos: Inge Prader, istockphoto: natalia deriabina