Neurologie & Psyche

Schwere Last

Wer stark übergewichtig ist, trägt oft nicht nur körperlich mehr Gewicht mit sich herum. Studien zeigen, dass Adipositas auch das Risiko für Depressionen deutlich erhöht. Warum Körper und Psyche so eng miteinander verbunden sind und wie sich der Teufelskreis durchbrechen lässt.

Von Angelika Kraft

Dr. Alexander Kautzky
„Übergewichtige Frauen haben ein etwa dreifach erhöhtes Risiko für Depressionen.“ 

Als Sabine von der Arbeit nach Hause kommt, nimmt sie sich eigentlich vor, noch eine größere Runde spazieren zu gehen, um endlich den überflüssigen Kilos den Kampf anzusagen. Stattdessen landet sie erschöpft auf dem Sofa. Die Motivation fehlt, der Frust wächst und als Trost warten eine Tiefkühlpizza im Gefrierfach und etwas Süßes in der Schoko-Lade.

Nach dem Essen setzt zwar kurzfristig ein Glücksgefühl ein, doch schon nach wenigen Minuten überwiegen Schuldgefühle und Selbstkritik, die Stimmung kippt ins Negative. Ein Szenario, das viele Betroffene kennen, denn Übergewicht und Depressionen treten häufig gemeinsam auf und verstärken sich oft sogar gegenseitig.

Wenn die Psyche leidet

Eine österreichische Studie der Medizinischen Universität Wien und des Complexity Science Hub analysierte die Daten von Millionen Krankenhauspatientinnen und -patienten. Das Ergebnis: Bei Menschen mit Adipositas wird häufig erst das starke Übergewicht diagnostiziert und einige Jahre später eine Depression. Besonders auffällig ist der Zusammenhang bei übergewichtigen Frauen. „Sie haben ein etwa dreifach erhöhtes Risiko für Depressionen, bei Männern ist das Risiko immerhin noch etwa doppelt so hoch“, erklärt der Psychiater Dr. Alexander Kautzky.

Die Ursachen sind vielfältig: „Die Häufung von Adipositas und Depression beruht sowohl auf psychosozialen, physiologischen, lebensstilbezogenen als auch biologischen Zusammenhängen“, so Kautzky. Bewegung, Ernährung und psychisches Wohlbefinden beeinflussen sich dabei laufend gegenseitig.

Entzündungen im Körper

Besonders intensiv erforscht wird derzeit die Rolle chronischer Entzündungen. „Sowohl in Tiermodellen als auch in klinischen Studien konnte gezeigt werden, dass eine Vermehrung von Fettzellen zu einer Erhöhung von Entzündungsmarkern führt“, sagt Kautzky. Diese sogenannte systemische Inflammation bleibt oft unbemerkt, kann aber weitreichende Folgen haben. Die Entzündungsstoffe gelangen langfristig auch ins Gehirn und beeinflussen dort wichtige Prozesse. „Dadurch können Mechanismen beeinträchtigt werden, die für die psychische Gesundheit von großer Bedeutung sind“, erklärt der Experte.

Unter anderem leidet die Neuroplastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, sich anzupassen und zu erneuern. Auch hormonelle Veränderungen spielen eine Rolle.

Mehr als nur eine Zahl auf der Waage

Mindestens ebenso belastend wie die körperlichen Folgen ist für viele Betroffene die gesellschaftliche Reaktion. „Etliche Studien haben nachgewiesen, dass Menschen mit Adipositas gesellschaftlich verzerrt wahrgenommen werden und auch tatsächlich Diskriminierung erfahren“, weiß Kautzky. Das betreffe den Arbeitsmarkt ebenso wie das Gesundheitssystem. Wer ständig mit Vorurteilen konfrontiert wird, entwickelt oft Schamgefühle und zieht sich zurück. Kontakte werden weniger, Aktivitäten eingeschränkt, das Selbstwertgefühl sinkt.

Genau diese Faktoren fördern wiederum depressive Symptome – ein Teufelskreis. „Die eigene negative Einstellung der Betroffenen wirkt sich nachgewiesenermaßen sowohl auf die körperliche als auch auf die psychische Gesundheit aus“, betont der Psychiater.

Den Kreislauf durchbrechen

Die gute Nachricht: Der Zusammenhang zwischen Adipositas und Depression ist keine Einbahnstraße. Beide Erkrankungen können behandelt werden. Wichtig ist dabei, Schuldzuweisungen zu vermeiden.

Adipositas ist keine Frage mangelnder Disziplin, sondern eine komplexe chronische Erkrankung mit zahlreichen Einflussfaktoren. „Die gesellschaftliche Herausforderung besteht darin, die Bedeutung von Adipositas als chronische Erkrankung anzuerkennen und gleichzeitig das Stigma der Betroffenen zu reduzieren“, sagt Kautzky.

Wer Unterstützung sucht – sei es durch Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapie, Ernährungsberatung oder Bewegungsprogramme –, schafft die Grundlage für positive Veränderungen. Denn manchmal beginnt der Weg aus dem Teufelskreis nicht mit einem großen Schritt, sondern mit der Erkenntnis, dass ihn niemand allein gehen muss.


Fotos:  zvg, istockphoto/SvetaZi

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