Ob im Rahmen einer Kur, Rehabilitation, Solo-Reise oder eines Retreats: Immer mehr Menschen machen sich allein auf den Weg, um sich ihrer mentalen und körperlichen Gesundheit zu widmen.
Von Michaela Neubauer
„Nachhaltige Veränderung entsteht meist dann, wenn alle Ebenen berücksichtigt werden: die körperliche, die psychische und die personale.“
Die klassische Kur hat in Österreich eine lange Tradition. Sie dient dem Erhalt der Gesundheit und der Prävention vor Erkrankungen – lange bevor ernsthafte Beschwerden entstehen. Natürliche Heilmittel wie Thermalwasser, Schwefel oder Moor stehen dabei im Mittelpunkt. Doch auch wenn Erholung ein wichtiger Bestandteil ist, sind aktive Mitarbeit, Struktur und die Bereitschaft zur Veränderung gefragt. Heute wurde dieses Modell vielerorts von der Gesundheitsvorsorge Aktiv (GVA) abgelöst. Sie setzt stärker auf Bewegung, Ernährung und mentale Gesundheit und richtet sich gezielt an Menschen, die vorsorglich etwas für ihre Lebensqualität tun möchten. Die Programme sind individueller geworden, die Therapien aktiver – und der Fokus verschiebt sich zunehmend hin zu nachhaltigen Lebensstiländerungen. Anders ist die Zielsetzung der Rehabilitation: Sie kommt dann zum Einsatz, wenn die Gesundheit bereits eingeschränkt ist – zum Beispiel nach einer Operation, einem Unfall oder bei chronischen Erkrankungen. Hier richtet sich der Fokus darauf, körperliche und psychische Funktionen wiederherzustellen und den Weg zurück in den Alltag zu ermöglichen.
Reflexion in Umbruchsphasen
Neben diesen etablierten Angeboten gewinnen auch selbstgewählte Auszeiten zunehmend an Bedeutung. Solo-Reisen und Retreats liegen nicht nur im Trend, sondern spiegeln vor allem ein tiefes Bedürfnis nach Selbstreflexion, Entschleunigung und Neuorientierung wider. Katharina Rauscher, MA, Psychotherapeutin in Wien, beobachtet diesen Wunsch vor allem in Zeiten des Übergangs: „Aus psychologischer Sicht gibt es mehrere Gründe, warum Menschen sich bewusst für eine Solo-Reise entscheiden. Häufig befinden sie sich in einer Umbruchsphase des Lebens – zum Beispiel bei einem Jobwechsel, nach einer Trennung oder wenn ein Lebensabschnitt endet und ein neuer beginnt. Dann entsteht oft das Bedürfnis, sich Zeit für sich selbst zu nehmen und wieder in Kontakt mit den eigenen Bedürfnissen zu kommen, was im schnelllebigen Alltag leicht in den Hintergrund gerät.“ Solche Phasen sind nicht an ein bestimmtes Alter gebunden, sagt Rauscher, die ihre Klientinnen und Klienten dabei unterstützt, ihre Motivation für eine Reise zu klären, mögliche Herausforderungen vorzubereiten und die Erfahrungen nachhaltig zu integrieren. „Eine Solo-Reise ist nicht nur für junge Erwachsene gedacht, sondern kann in jedem Lebensalter eine wertvolle Möglichkeit sein, neue Erfahrungen zu sammeln und sich selbst auf unterschiedliche Weise zu begegnen.“ Gerade in einer Zeit, in der Arbeitsmodelle flexibler werden und neue Lebensentwürfe entstehen, gewinnt der Wunsch nach Freiheit und Ortsungebundenheit zusätzlich an Bedeutung.
Muster erkennen
Beim Alleinreisen zeigt sich oft auch, was im Alltag verborgen bleibt. „Grundsätzlich können Solo-Reisen sehr stärkend wirken. Sie erfordern eine gewisse Portion Mut, da viele Situationen nicht planbar sind. Zusätzlich fördern sie die Selbstwirksamkeit – also das Vertrauen, Herausforderungen aus eigener Kraft bewältigen zu können“, so Rauscher. Gleichzeitig kommt man jedoch auch in Kontakt mit den eigenen Ängsten, Mustern und Grenzen. Oft sind das jene Themen, die auch im Alltag eine Rolle spielen. Das kann herausfordernd sein, bietet aber gleichzeitig eine wertvolle Möglichkeit zur Auseinandersetzung und Weiterentwicklung. „Aus therapeutischer Perspektive ist es wichtig zu unterscheiden, mit welcher inneren Bewegung jemand reist: Ist es ein ‚Hin zu‘ – also der Wunsch nach Entwicklung, Selbstverwirklichung oder das bewusste Sich-Stellen der Ängste? Oder ist es eher ein ‚Weg von‘ – ein Versuch, Problemen, Konflikten oder bestimmten Beziehungen zu entkommen? Diese Dynamik beeinflusst stark, wie die Reise erlebt wird“, erklärt die Psychotherapeutin. Gleichzeitig betont sie, dass eigene Themen, Beziehungsmuster, Wünsche und Konflikte immer mitreisen. „Eine Solo-Reise kann helfen, sich dessen bewusster zu werden – sie ersetzt jedoch nicht die
Auseinandersetzung damit.“
Ob eine solche Reise sinnvoll ist, hängt auch stark von der individuellen psychischen Verfassung und der jeweiligen Lebenssituation ab. „Bei schweren psychischen Erkrankungen ist davon eher abzuraten. In solchen Fällen braucht es in erster Linie Stabilisierung und eine engmaschige therapeutische bzw. psychiatrische Begleitung“, betont Rauscher.
Strukturierte Rückzugsräume
Für viele Menschen sind Retreats ein sanfter Einstieg in diese Form der Auszeit. Zwar verreist man auch hier in der Regel allein – findet sich jedoch in einem strukturierten Rahmen wieder, der Orientierung und Halt bietet. Ob Yoga- oder Achtsamkeitsretreat, sportlich ausgerichtete Formate wie Surf- und Pilates-Camps oder Programme mit Fokus auf Ernährung und Detox: Die Bandbreite ist groß und spricht unterschiedliche Bedürfnisse an. Während manche gezielt Ruhe und Rückzug suchen, wünschen sich andere Bewegung, Austausch oder neue Impulse für den Alltag. „Aus psychotherapeutischer Sicht ist wichtig zu betonen, dass Retreats klare Grenzen haben. Es handelt sich hier meist nicht um therapeutische Settings, auch wenn sie manchmal so wirken oder so aufgebaut sind. Sobald es um tieferliegende Themen geht – etwa um ausgeprägte Ängste, unverarbeitete belastende Erfahrungen oder komplexe Beziehungsmuster – braucht es einen geschützten, kontinuierlichen Rahmen und fachliche Begleitung“, so Rauscher.
Gerade bei körperorientierten Formaten kann es zudem vorkommen, dass Themen angestoßen werden, die lange nachwirken. Hier sind Möglichkeiten zur Nachbearbeitung und therapeutische Unterstützung besonders wichtig.
Veränderung beginnt im Alltag
Gerade Menschen, die sich für eine Kur, GVA oder Rehabilitation entscheiden, wünschen sich meist spürbare und langfristige Verbesserungen, sowohl auf körperlicher als auch auf psychischer Ebene. Die Zeit vor Ort ist dabei ein wichtiger Anstoß, bei der Routinen unterbrochen und der Blick auf die eigene Lebensweise geschärft werden. Doch die eigentliche Herausforderung beginnt oft erst danach: „Damit eine Kur oder GVA zu nachhaltigen Veränderungen im Alltag führt, ist es wichtig, dass Menschen ihre eigenen Verhaltensmuster reflektieren – insbesondere jene, die langfristig belastend oder krankmachend sind“, sagt Rauscher. Große Vorsätze allein reichen selten aus – vielmehr geht es um realistische, alltagstaugliche Praktiken. „Dabei ist es wichtig, die Hürde möglichst niedrig zu halten. Für viele Menschen sind selbst fünf Minuten tägliche Achtsamkeit bereits zu viel. Deshalb kann es sinnvoll sein, bei ganz einfachen, alltäglichen Handlungen anzusetzen – zum Beispiel beim Zähneputzen für zwei Minuten bewusst bei der Tätigkeit zu bleiben und die Aufmerksamkeit gezielt darauf zu richten. Solche kleinen Schritte können langfristig einen großen Unterschied machen“, so Rauscher.
Letztendlich zeigt sich: Wer den Entschluss fasst, sich eine Auszeit zugunsten der eigenen Gesundheit zu nehmen, braucht dafür keine Reisebegleitung. Um erste Erfahrungen im Alleinsein zu sammeln und Sicherheit aufzubauen, kann es bereits helfen, allein Essen oder ins Kino zu gehen oder ein Wochenende allein im eigenen Land oder an einem Ort zu verbringen, an dem man die Sprache spricht und sich gut orientieren kann. Denn es geht nicht um das „Wie weit“ oder „Wie lange“, sondern um die Entscheidung, sich selbst wieder in den Mittelpunkt zu stellen.
Fotos: PicturePeople Donauzentrum, Istockphoto/nd3000