Neurologie & Psyche

Endlich wieder gute Nächte

Rund ein Drittel der Erwachsenen kämpft mit Schlafproblemen, gleichzeitig berichten etwa 40 Prozent über nächtliches Schwitzen oder Überhitzung. Das beeinträchtigt nicht nur die Erholung, sondern den gesamten Organismus – insbesondere das Herz.

Von Michaela Neubauer

PD Dr. habil. Karl-Heinz Steinmetz
„Künstliches Licht,  flexible Arbeitszeiten und permanente Erreichbarkeit lösen die klare Trennung von Tag und Nacht zunehmend auf und entziehen dem Organismus seinen wichtigsten Orientierungsrahmen.“

Schlaf ist kein passiver Zustand, sondern eine aktive Regulationsphase“, erklärt PD Dr. habil. Karl-Heinz Steinmetz, Direktor des Instituts für Traditionelle Europäische Medizin in Wien. Während der Nacht schaltet der Körper in den Ruhemodus: Herzfrequenz und Blutdruck sinken, das vegetative Nervensystem wird vom Parasympathikus dominiert.

Dieser sogenannte nächtliche „Dipping“-Effekt ist einer der wichtigsten Faktoren für unsere Gesundheit. Bleibt er aus, etwa durch schlechten oder unterbrochenen Schlaf, bleibt der Blutdruck erhöht. „Damit fehlt dem Herz-Kreislauf-System eine zentrale Entlastungsphase“, so Steinmetz. Langfristig steigt das Risiko für Bluthochdruck, Gefäßschäden und Herzkrankheiten. Auch hormonell spielt Schlaf eine Schlüsselrolle, denn dauerhaft erhöhte Stresshormone, entzündliche Prozesse und eine verschlechterte Insulinsensitivität erhöhen das Risiko für zahlreiche Krankheiten.

Wenn Hitze den Schlaf stört

Ein oft unterschätzter Faktor ist die Temperatur. „Einschlafen ist an eine Absenkung der Körperkerntemperatur gebunden“, erklärt Steinmetz. Hitze wirkt diesem Prozess entgegen. Der Körper kann Wärme schlechter abgeben, der Schlaf wird oberflächlich und unruhig. Besonders in den Sommermonaten bleibt der Kreislauf dadurch aktiv, statt in den nächtlichen Ruhezustand zu wechseln. „Anhaltende Hitze wirkt wie ein milder Dauerstress auf das Nervensystem“, sagt Steinmetz. Die Folge: fragmentierter Schlaf, häufiges Aufwachen, fehlende Regeneration. Ein praktischer, oft übersehener Punkt ist die Bettdecke. Viele Menschen verwenden das ganze Jahr über dieselbe, häufig zu warme Decke. „Man sollte weder frieren noch einen Wärmestau entstehen lassen“, so der Experte. Die richtige Schlaf­umgebung ist ein wesentlicher Baustein für erholsame Nächte.

Der Körper braucht Rhythmus

Warum reagieren wir so empfindlich auf unregelmäßige Schlafzeiten? Die Antwort liegt in unserer inneren Uhr. „Der Mensch ist ein rhythmisches Wesen. Er lebt im Idealfall im Einklang mit Tag und Nacht“, erklärt Steinmetz.  Wird dieser Rhythmus gestört – beispielsweise durch Schichtarbeit oder unregelmäßige Zubettgehzeiten –, gerät der gesamte Organismus aus dem Takt. Auch künstliches Licht, permanente Erreichbarkeit und flexible Arbeitszeiten lassen die klare Grenze zwischen Tag und Nacht verschwimmen. „Viele Menschen gehen innerlich nicht mehr aus dem Tag heraus“, sagt Karl-Heinz Steinmetz. Gedanken kreisen bis kurz vor dem Einschlafen weiter, das Nervensystem bleibt angespannt. Hinzu kommen Faktoren wie späte Mahlzeiten, Alkohol oder Bewegungsmangel. Schlafstörungen, so der Experte, sind selten ein isoliertes Problem, sondern Ausdruck eines insgesamt aus dem Gleichgewicht geratenen Lebensstils.

Zurück in die Balance

Die gute Nachricht: Es gibt viele alltagstaugliche Möglichkeiten, den Schlaf zu verbessern. Dabei kommt es auf das Zusammenspiel mehrerer Faktoren an. Feste Schlafenszeiten, klare Übergänge in den Abend und ein bewusster Start in den Tag helfen dem Körper, sich zu orientieren. Auch einfache Anwendungen wie Kneipp-Güsse können unterstützend wirken.Ebenso wichtig ist die Ernährung. Späte oder schwere, kohlenhydratlastige Mahlzeiten halten den Körper aktiv, statt ihn in die Regeneration zu führen. Auch Genussmittel wie Kaffee oder Alkohol beeinflussen den Schlaf oft stärker als angenommen. Ergänzend spielt die Regulation des Nervensystems eine zentrale Rolle. Atemübungen, Achtsamkeit oder meditative Rituale helfen, die innere Spannung zu reduzieren. Gleichzeitig gilt: Nicht alles auf einmal verändern. „Oft reicht es schon, gezielt an den individuell wichtigsten Stellschrauben zu drehen, um den Schlaf spürbar zu verbessern“, sagt Steinmetz.


Fotos: zvg, Kistockphoto/ tetiana lazunova

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