Migräne und Spannungskopfschmerzen gehören zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen, allein in Österreich sind über eine Million Menschen betroffen. Moderne Therapien setzen nicht ausschließlich auf Schmerzreduktion, sondern auf eine spürbare Verbesserung der Lebensqualität.
Von Natascha Gazzari
„In der Kopfschmerztherapie geht es nicht nur darum, Schmerzattacken zu reduzieren, sondern den Betroffenen wieder mehr Lebensqualität zu schenken.“
Kopfschmerzen kennt fast jeder. Doch während sie nach einer durchfeierten Nacht meist rasch wieder verschwinden, werden sie für viele Menschen zu einem wiederkehrenden Begleiter. Weltweit sind etwa 13 bis 15 Prozent der Bevölkerung von Migräne betroffen, Frauen rund dreimal so häufig wie Männer. „Kopfschmerz ist extrem individuell – sowohl in seiner Ausprägung als auch darin, wie sehr er das Leben beeinflusst“, berichtet Dr. Sonja-Maria Tesar, Fachärztin für Neurologie, Leiterin der Kopfschmerzambulanz am Klinikum Klagenfurt, Medizinische Direktorin im LKH Wolfsberg und Präsidentin der Österreichischen Kopfschmerzgesellschaft. „Zwei Betroffene können gleich viele Kopfschmerztage haben und völlig unterschiedlich darunter leiden“, ergänzt die Neurologin.
Medizinisch wird zwischen primären und sekundären Kopfschmerzen unterschieden. Primäre Formen wie Migräne oder Spannungskopfschmerzen sind eigenständige neurologische Erkrankungen. Sekundäre Kopfschmerzen entstehen als Folge anderer Ursachen, etwa Infektionen oder Verletzungen, und müssen immer ärztlich abgeklärt werden. „Über 90 Prozent der Betroffenen haben primäre Kopfschmerzen. Die sind zwar nicht lebensbedrohlich, aber sie können das Leben massiv einschränken“, so Tesar.
Migräne: komplex und oft unterschätzt
Migräne ist weit mehr als „nur“ Kopfschmerz. Typisch sind pulsierende, meist einseitige Schmerzen, die sich bei Bewegung verstärken. Viele Betroffene reagieren empfindlich auf Licht, Geräusche oder Gerüche und haben ein ausgeprägtes Ruhebedürfnis. Häufig kommen Übelkeit und Erbrechen hinzu. „Das Migränegehirn verarbeitet Reize anders – es ist empfindlicher und schneller überfordert“, erklärt die Neurologin. Bei manchen treten vor der Attacke neurologische Symptome wie Sehstörungen oder Gefühlsveränderungen auf – die sogenannte Aura. „Wenn solche Symptome erstmals auftreten, muss man immer sicherstellen, dass keine andere Ursache, wie etwa ein lebensbedrohlicher Schlaganfall, dahintersteckt.“ Für die Diagnose Migräne müssen Betroffene in der Anamnese mindestens fünf gleichartig verlaufende Attacken schildern. Treten die Anfälle an weniger als 15 Tagen im Monat auf, spricht man von episodischer Migräne, bei mehr als 15 Tagen pro Monat von chronischer Migräne.
Therapie: maßgeschneidert statt Schema F
Die Behandlung von Migräne folgt keinem starren Schema. „Es gibt nicht die eine Therapie, die für alle passt“, betont Tesar. „Wir müssen gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten herausfinden, was in ihrer individuellen Situation am besten wirkt.“ In der Akuttherapie gilt: frühzeitig handeln. „Viele nehmen zu wenig Schmerzmittel ein und warten zu lange. Bei Migräne ist es sinnvoll, gleich zu Beginn ausreichend hoch zu dosieren.“ Reichen klassische Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure (ASS) nicht aus, kommen Triptane zum Einsatz. Triptane wirken gezielt an den Entstehungsmechanismen der Migräne im Gehirn und können einen Anfall bereits im Anfangsstadium stoppen. Wie Schmerzmittel sollten auch Triptane an nicht mehr als zehn Tagen pro Monat eingenommen werden. Neue Medikamente erweitern die Therapiemöglichkeiten deutlich: Der Wirkstoff Rimegepant kann sowohl bei einer akuten Attacke als auch vorbeugend eingesetzt werden. „Ein großer Vorteil dieses Wirkstoffes ist, dass er keinen Medikamentenübergebrauchskopfschmerz verursacht und auch für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen geeignet ist“, ergänzt die Ärztin. Auch in der Prophylaxe der Migräne haben CGRP-spezifische Therapien wie zum Beispiel die monoklonalen Antikörpertherapien, die als Pen unter die Haut gespritzt oder als Infusion verabreicht werden, oder die Gepante, die als Tablette etwa jeden zweiten Tag oder täglich eingenommen werden, die Migränebehandlung verändert. Sie sind sehr effektiv und gut verträglich, werden aktuell jedoch erst dann verordnet, wenn andere Therapien nicht ausreichend geholfen haben oder aufgrund von Nebenwirkungen abgebrochen werden mussten. Zur Migräneprophylaxe kommen vorrangig Mittel wie Antiepileptika, Antidepressiva oder Beta-Blocker zum Einsatz, die über einen Zeitraum von neun bis zwölf Monaten eingenommen werden müssen. Empfohlen ist eine entsprechende Vorbeugung immer dann, wenn mehr als drei Migränetage pro Monat gezählt werden. Wichtig ist eine realistische Erwartung an die Behandlung: „Therapieerfolg heißt nicht immer völlige Schmerzfreiheit. Oft geht es darum, wieder mehr Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen.“ Ziel der Behandlung ist es, dass eine akute Attacke innerhalb von zwei Stunden abklingt und bei häufigen Attacken die Zahl der monatlichen Migränetage um mindestens 50 Prozent reduziert wird. Der Therapieerfolg wird üblicherweise nach drei Monaten beurteilt. „Es gibt jedoch auch Personen, die erst später ansprechen. Wenn wir sehen, dass sich etwas in die richtige Richtung entwickelt, sollte man dranbleiben“, so der Rat der Neurologin.
Vorbeugung beginnt im Alltag
Neben Medikamenten spielt bei Migräne der Lebensstil eine zentrale Rolle. „Das Migränegehirn reagiert sehr sensibel auf Schwankungen – etwa beim Blutzucker“, betont Tesar. Eine ausgewogene, mediterrane Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Fisch und hochwertigen Pflanzenölen ist daher empfehlenswert. Eine sehr kohlenhydratreiche Ernährung kann sich hingegen ungünstig auf die Migräne auswirken. Nahrungsergänzungsmittel wie Magnesium oder Omega-3-Fettsäuren werden häufig empfohlen. „Es gibt Hinweise auf einen Nutzen, aber keine eindeutigen Belege“, relativiert Tesar. Durchaus empfehlenswert sind Präparate mit Mutterkraut. Doch auch hier gilt: Pflanzlich heißt nicht automatisch harmlos – daher sollte die Einnahme von Mutterkraut-Präparaten immer ärztlich begleitet werden. Eindeutig positive Effekte auf den Verlauf von Kopfschmerzen hat regelmäßige Bewegung: „Schon kurze tägliche Spaziergänge können einen Unterschied machen – auch wenn das für viele schwieriger umzusetzen ist als eine Tablette zu nehmen.“ Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Regelmäßigkeit im Alltag. Unregelmäßiger Schlaf, ausgelassene Mahlzeiten oder ständige Überforderung können das Risiko für Attacken erhöhen. Ein strukturierter Tagesablauf hingegen wirkt stabilisierend, und zwar nicht nur bei Migräne, sondern auch bei Spannungskopfschmerzen.
Spannungskopfschmerz: Druck rausnehmen
Spannungskopfschmerzen äußern sich meist als leichte bis mittelstarke, beidseitige Schmerzen, die Betroffene oft als drückend oder einschnürend – ähnlich einem zu engen Helm – beschreiben. „Typisch für Spannungskopfschmerzen ist, dass sie den Alltag zwar beeinträchtigen, aber selten vollständig lahmlegen“, erläutert die Neurologin. Im Gegensatz zur Migräne verstärken sich die Beschwerden in der Regel nicht durch körperliche Aktivität, sodass viele Betroffene ihren alltäglichen Tätigkeiten weiterhin nachgehen können. Häufige Auslöser sind Stress, muskuläre Verspannungen sowie innere Anspannung. Im Vordergrund stehen nichtmedikamentöse Maßnahmen wie Entspannungstechniken, Bewegung und eine ergonomische Haltung im Alltag. Wohltuend und schmerzlindernd kann auch das sanfte Einmassieren von Pfefferminzöl auf Stirn und Schläfen sein. „Gerade beim Spannungskopfschmerz können Betroffene selbst viel bewirken“, sagt Tesar. Reichen diese Maßnahmen nicht aus, können Schmerzmittel wie Ibuprofen und ASS eingenommen werden. Wie bei der Migräne gilt auch hier: Schmerzmittel an maximal zehn Tagen pro Monat nehmen.
Kopfschmerzen in jungen Jahren
Kopfschmerzen treten leider nicht ausschließlich bei Erwachsenen auf. Auch junge Menschen sind zunehmend betroffen. Die gute Nachricht: Kinder profitieren enorm von nichtmedikamentösen Therapien wie regelmäßigen Pausen, Bewegung, Fantasiereisen und Entspannungstechniken. „Sogar das Führen eines Kopfschmerztagebuchs kann bei Kindern und Jugendlichen therapeutisch wirken“, berichtet die Expertin. Auch der Umgang mit digitalen Medien spielt eine Rolle: Eine intensive Nutzung von Smartphones und Tablets kann Kopfschmerzen verstärken und sollte daher bewusst gesteuert werden. Neben klassischen Schmerzmitteln ist für junge Betroffene auch eine neue Antikörpertherapie in Entwicklung. „Die Studienergebnisse zeigen ein sehr gutes Nutzen-Risiko-Profil. Aktuell ist der Wirkstoff noch nicht zugelassen, kann bei Jugendlichen nach eingehender Aufklärung jedoch außerhalb der Zulassung verordnet werden.“ Die Kopfschmerzen von Kindern ernst zu nehmen und frühzeitig zu behandeln, ist nicht nur kurzfristig wichtig, sondern kann auch Folgeerkrankungen vorbeugen. „Migräne geht mit einem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen einher – umso wichtiger ist eine frühzeitige Behandlung“, so die Medizinerin.
Alarmzeichen erkennen
- Es gibt Arten von Kopfschmerzen, die eine umgehende ärztliche Abklärung erfordern. Auf folgende Warnzeichen sollten Sie achten:
- Kopfschmerz, der in Zusammenhang mit einer Infektions-
erkrankung oder einem Sturz entsteht - neurologische Symptome wie Schwindel, Sprachstörung, Lähmungserscheinungen
- explosionsartig einsetzender, sehr starker Kopfschmerz,
sogenannter „Donnerschlagkopfschmerz“ - jeder Kopfschmerz, der vor dem Alter von fünf Jahren oder nach dem Alter von 50 Jahren erstmalig auftritt
- Änderungen des bekannten Kopfschmerzmusters
Bewusste „Offline-Zeiten“ einplanen
Unser Gehirn braucht echte Ruhephasen, um sich zu regenerieren. Das sogenannte Default Mode Network (Ruhestandsnetzwerk) beschreibt eine Gruppe von Hirnregionen, die vor allem dann aktiv werden, wenn äußere Reize reduziert sind – etwa im Schlaf oder in ruhigen Momenten. Diese „Offline-Zeiten“ sind essenziell, gerade für Menschen mit häufigen Kopfschmerzen. Zeit in der Natur kann dabei besonders hilfreich sein. So bietet etwa der Wald viele Reize, die beruhigend wirken, das Nervensystem regulieren und dem Migränegehirn so die Chance geben, sich wieder zu erholen. Auch Meditation und Achtsamkeitstraining können das Default Mode Network günstig beeinflussen.
Kopfschmerz-Tagebuch: Symptome gezielt dokumentieren
Ein Kopfschmerztagebuch ist ein wichtiges Hilfsmittel für die ärztliche Diagnosestellung. Darin werden beispielsweise Zeitpunkt und mögliche Auslöser der Kopfschmerzen festgehalten, ebenso die Schmerzintensität, die Dauer der Episoden sowie begleitende Symptome. Auch die Einnahme von Medikamenten sollte genau dokumentiert werden. Auf diese Weise lässt sich der Gebrauch von Schmerzmitteln gut überwachen. Als Orientierung gilt: Schmerzmittel sollten nicht häufiger als an zehn Tagen pro Monat eingenommen werden. Ein übermäßiger Einsatz kann nicht nur unerwünschte Nebenwirkungen, etwa im Magen- oder Nierenbereich, auslösen, sondern auch selbst Kopfschmerzen verursachen – den sogenannten Schmerzmittelkopfschmerz.
Fotos: Gernot Gleiss, istockphoto/lolloj