Erste Hilfe für daheim

Mai 2009 | Medizin & Trends

Zur Auffrischung: Was tun im Notfall?
 
Daheim lebt man am gefährlichsten: Laut aktuellen Unfallstatistiken passieren mehr als die Hälfte aller Unfälle in und rund um die eigenen vier Wände – ob im Haushalt, beim Garteln, Heimwerken oder Sporteln. Die Palette der Verletzungen reicht von Schnitt- und Schürfwunden über Zerrungen und Prellungen bis hin zu Verbrennungen und Vergiftungen. Schmerzen sind schnell da, aber der Erste-Hilfe-Kurs liegt oft lange zurück! MEDIZIN populär frischt Ihr Wissen über die entscheidenden Notfallmaßnahmen auf.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Ob man sich beim Sturz von der Leiter eine schwere Schürfwunde zuzieht, ob man sich mit dem kochenden Nudelwasser verbrüht oder mit der Stichsäge tief in den Oberschenkel schneidet – in jedem dieser Notfälle zählt, dass man rasch und richtig handelt. Doch schon bevor es zu einem Unfall kommt, sollte man für den Fall der Fälle vorsorgen, wie Univ. Prof. Dr. Wolfgang Schreiber, Chefarzt des Österreichischen Roten Kreuzes und Oberarzt der Universitätsklinik für Notfallmedizin an der Medizinischen Universität Wien, betont: „Es ist sehr wichtig, dass man gegen Tetanus geimpft ist.“ Der Schutz gegen Wundstarrkrampf ist im Fall einer offenen Verletzung wesentlich.

Blutende Wunden  

Um in einer Notsituation rasch und richtig zu handeln – sei es als Betroffener oder als Ersthelfer – sollte man sich zuerst ein genaues Bild vom Ausmaß der Verletzung machen: Welcher Art und wie groß ist sie? Wie stark blutet die Wunde? Ist sie verunreinigt? Im letzteren Fall muss die Wunde zuerst gereinigt werden. „Stehen spezielle Wundreinigungsmittel zur Verfügung, lässt man diese einfach über die Wunde rinnen“, berichtet Schreiber. Alternativ kann man lauwarmes Wasser darüber laufen lassen.
Blutet die Wunde, sei es eine Schnitt-, Schürf- oder Stichwunde, nur schwach bis mäßig, so hört die Blutung meist von selber wieder auf. Anders bei einer starken Blutung: „Sie lässt sich stoppen, indem man fest draufdrückt“, so der Rotkreuz-Chefarzt. „Man kann zu diesem Zweck einen Druckverband machen, indem man eine sterile Kompresse zusammenfaltet und fest auf die blutende Stelle drückt und diese dann mit einer Mullbinde fixiert.“ In welchen Fällen genügen diese Maßnahmen nicht? „Ist die Wunde zum Beispiel klaffend, gehört man in ärztliche Behandlung“, betont Schreiber.
 
Verstauchung, Zerrung, Prellung

Es geht oft ganz schnell: Man knickt beim Kicken im Garten mit dem Fuß um, man versucht sich beim Sturz von der Leiter abzufangen und prallt mit der Hand heftig gegen eine Wand: Ob man sich bei dem Malheur das Gelenk verstaucht, gezerrt, geprellt oder gar gebrochen hat, können Laien selten eindeutig beurteilen. In jedem Fall aber können Ersthelfer Einfluss auf das Ausmaß der Symptome, der Schmerzen sowie auf die Heildauer nehmen. PECH lautet die Formel für die maßgeblichen Handgriffe im Fall einer Gelenkverletzung:

*  Pause (das betroffene Gelenk ruhig stellen),
*  Eis (die betroffene Stelle z. B. mit Eiswürfel in einem Tuch kühlen),  
*  Compression (bei blutenden Wunden einen Druckverband machen),
*  Hochlagerung (das betroffene Gelenk hoch lagern).

Das Ruhigstellen als Erstmaßnahme ist ein probates Mittel gegen Schmerzen. „Ein verletztes Handgelenk kann man z. B. mit einem Dreieckstuch ruhig stellen oder einfach, indem man mit der gesunden die kranke Hand am Rumpf hält“, erläutert Schreiber. Ist ein Gelenk im Zuge einer Zerrung oder Prellung geschwollen, fördert das Kühlen sein Abschwellen. Danach heißt es meist: zur Begutachtung und weiteren Behandlung ab ins Spital.

Verbrennung und Verbrühung

Ob beim Hantieren mit kochendem Teewasser oder beim Herausziehen des Kuchens aus dem Backrohr – manchmal genügt eine kleine Unachtsamkeit und schon hat man sich verbrüht bzw. verbrannt. Wie man darauf am besten reagiert, hängt vom Ausmaß der Verletzung ab. „Wenn die Brand-/Verbrühungswunde sehr groß ist, sollte man rasch die Rettung rufen“, betont der Notfallmediziner. Sind nur kleinere Flächen betroffen, kann es ausreichen, diese zu kühlen. „Wenn man sich den Finger verbrannt oder kochendes Wasser über die Hand geschüttet hat, hält man die Hand für rund zehn Minuten unter fließendes kühles Wasser“, rät Schreiber. „Bleibt es bei einer Rötung, dann handelt es sich um eine Verbrennung beziehungsweise Verbrühung ersten Grades und man muss nichts weiter tun.“ Bilden sich hingegen Blasen, handelt es sich um eine Verbrennung/Verbrühung zweiten Grades. „Bei ausgedehnter Blasenbildung sollte man auf jeden Fall ärztliche Hilfe beanspruchen.“

Vergiftung und Verätzung

Sie haben einen Schluck aus einer Wasserflasche genommen, die dann offenkundig eine andere Substanz enthielt? Ihr Kind hat aus Neugierde die Spülmitteltablette gekostet? „Wenn die Gefahr einer Vergiftung besteht, empfiehlt man, kein Erbrechen herbeizuführen, sondern Wasser nachzutrinken“, betont der Mediziner. Zusätzlich erhält man durch einen Anruf bei der Vergiftungszentrale rasche und kompetente Auskunft darüber, wie gefährlich das Schlucken von z. B. Nagellackentferner ist, was in einem bestimmten Putzmittel enthalten und ob die Zimmerpflanze bzw. Gartenbeere giftig ist. „Schwierig wird es, wenn man nicht weiß, was in einer Flasche, von der man getrunken hat, eingefüllt war. In dem Fall sollte man sich an die Notfallaufnahme eines Spitals wenden.“ Auch wenn die Gefahr einer Verätzung besteht, gilt das Nachtrinken bzw. das Spülen der betroffenen Stelle mit Wasser als entscheidende Sofortmaßnahme, bevor man ärztliche Hilfe sucht.  

Erstickungsgefahr

Das Kleinkind hat einen Knopf in den Mund gesteckt, eine Fischgräte ist in die Luftröhre geraten – was tun bei Erstickungsgefahr? „Steckt ein Fremdkörper im Eingang des Kehlkopfes oder der Luftröhre, so beginnt man automatisch zu husten, um ihn wieder loszuwerden“, erklärt Wolfgang Schreiber. In dem Fall sollte man den Betroffenen zuerst beruhigen, bevor man ihn dabei unterstützt, den fraglichen Fremdkörper  herauszubekommen. „Bei einem Erwachsenen beugt man den Oberkörper nach vorne und schlägt mit der flachen Hand auf den Rücken“, veranschaulicht der Notfallmediziner. „Ein kleineres Kind wie auch einen Säugling kann man auf dem Oberschenkel lagern, mit dem Kopf nach unten, und auf den Rücken klopfen.“  Bleiben diese Maßnahmen ohne Erfolg muss umgehend die Rettung verständigt werden.

Aktiv und gefahrenbewusst

Egal welcher Notfall aufgetreten ist, Ersthelfer sollten vor allem eins sein: initiativ und aktiv, appelliert der Rotkreuz-Chefarzt. „Im organisierten Rettungsdienst beobachten wir leider immer wieder: Je schwerwiegender ein Notfall, desto geringer die Bereitschaft, Hilfe zu leisten – vor allem, weil man fürchtet, etwas falsch zu machen.“ Diese Furcht sei aber unbegründet, so der Arzt, der dringend rät: „Bleiben Sie bei dem Patienten, seien Sie initiativ – man kann praktisch nichts falsch machen!“ Oft können schon Kleinigkeiten entscheidend helfen: „Wird ein Patient, der nach einem Sturz bewusstlos auf dem Rücken liegt, in die stabile Seitenlage gebracht, ist garantiert, dass er nicht am eigenen Zungengrund erstickt“, so der Arzt.
Um das Unfallrisiko von vornherein zu minimieren, sind vor allem Achtsamkeit und gefahrenbewusstes Handeln gefragt. Ob beim Rasenmähen, beim Ausmalen, beim Hantieren mit einer Stichsäge oder der Brotschneidemaschine – Tätigkeiten mit einem gewissen Gefährdungspotenzial sollte man besonders konzentriert verrichten.   

Frauen besonders gefährdet: Unfälle in Heim und Freizeit

Von den 829.000 Menschen, die 2007 verunglückten, kamen knapp die Hälfte (408.000 Menschen) im Heim- und Freizeitbereich zu Schaden. Insgesamt mussten 224.000 Frauen und 184.000 Männer nach einem Unfall im Spital behandelt werden. Von den 2552 tödlichen Unfällen passierten sogar mehr als die Hälfte (57 Prozent) in den Bereichen Heim und Freizeit.
(Quelle: Kuratorium für Verkehrssicherheit, Freizeitunfallstatistik 2007)

Immer in Griffnähe: Hausapotheke und Notrufnummern

Neben der gut sortierten Hausapotheke sollte man alle Notrufnummern, z. B. von Rettung (144) und Vergiftungszentrale (01/4064343) stets griffbereit bzw. im Kopf haben. „Im Fall eines medizinischen oder eines Rettungsnotrufs funktioniert in Österreich auch der Internationale Notruf (112)“, ergänzt der Chefarzt des Österreichischen Roten Kreuzes, Univ. Prof. Dr. Wolfgang Schreiber.

Wissenswert für Handybenutzer: „Dieser Notruf ist selbst dann möglich, wenn das eigene Handynetz gerade nicht verfügbar oder keine SIM-Karte im Handy ist.“

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