Meine Nachbarn, meine Feinde

August 2016 | Gesellschaft & Familie

Was die Beziehung zur Nachbarschaft so explosiv macht
 
Abendliche Grillfeste auf dem Balkon, sonntägliches Rasenmähen, lärmende Kinder im Hof: Wenn sich im Sommer das Leben verstärkt im Freien abspielt, gehen schwelende Konflikte mit den Nachbarn oft buchstäblich in die heiße Phase. Diese sind – ob im Villenviertel oder Gemeindebau – ohnehin weit verbreitet: Jedem vierten Österreicher ist das nachbarschaftliche Hickhack leidlich bekannt. Es belastet die Lebensqualität und letztlich die Gesundheit: Wer mit anderen im Dauerclinch liegt, leidet unter chronischem Stress, auch das Herz ist in Gefahr. Lesen Sie, was die Beziehung zur Nachbarschaft so explosiv macht und wie sich Konflikte entschärfen lassen.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

„Das darf doch nicht wahr sein! Jetzt hört der schon wieder lautstark Musik – und das um zehn Uhr am Abend!“ Dora S., die zuhause ihre heilige Ruhe braucht, kann es nicht fassen. Der Bass wummert gnadenlos durch die Wände und bringt die 40-Jährige wieder einmal in Rage. Unzählige Male hat sie den Ruhestörer von gegenüber, einen jungen Studenten, schon um Rücksichtnahme ersucht – mit dem bescheidenden Ergebnis, dass dieser die Lautstärke vorübergehend reduziert hat. Auch Beschwerden bei der Hausverwaltung haben wenig gebracht. Die Geschäftsfrau, die mittlerweile Schlafprobleme hat, überlegt nicht das erste Mal, ihre schmucke Eigentumswohnung aufzugeben.

Zufällig zusammengewürfelt

Keine Frage: Konflikte mit den Menschen in nächster Umgebung können sehr zermürbend sein. Warum ist speziell die Beziehung zu Nachbarn so besonders – und zuweilen geradezu explosiv? „Meist kann man sich nicht aussuchen, mit wem man Tür an Tür, Haus an Haus lebt“, nennt Dr. Birgit Staudinger, Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin im niederösterreichischen Wolkersdorf, die erste potenzielle Herausforderung. Und jeder hat andere Ansprüche an sein Zuhause: Für Dora S. ist es ein Ort der Ruhe und des Rückzugs. Für den jungen Studenten von gegenüber bedeutet seine „erste eigene Bude“ Freiraum und Ort für soziale Kontakte. Leider gehen die meisten irrtümlich davon aus, dass die Menschen ihrer Umgebung genauso ticken wie sie selbst.

Städter streiten mehr
Das führt in Ballungsräumen besonders oft zu Konflikten. Großstädter liegen mit der Umgebung deutlich öfter im Clinch als Menschen vom Land. Schlecht gedämmte Wohnungen lassen allzu großzügig am Leben der anderen teilhaben: am Babygeschrei, der Vorliebe für ohrenbetäubenden Heavy Metal, für mitternächtliche Liebesspiele oder handwerkliche Aktivitäten am Wochenende. „Wenn man auf engem Raum zusammenlebt, ist das Aggressionspotenzial viel höher und es gibt mehr Reibungskonflikte, als wenn mehr Abstand vorhanden ist“, erklärt Prim. Univ. Prof. Dr. Reinhard Haller, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie sowie Psychotherapeut in Vorarlberg.

Sehr empfindlich
Dass wir auf Störungen durch die Nachbarn so empfindlich reagieren, führt Haller auch darauf zurück, dass der Wohnraum für uns eine Art „erweiterte Haut“ darstellt. Wird dieser intime Bereich irritiert, reagieren viele mit Verunsicherung und letztlich mit Angst. Wie im Tierreich die Gluckhenne, beginnen wir auf den Störenfried des „Nestfriedens“ hinzuhacken.
Ob es zu Streitigkeiten kommt, ist zudem eine Frage der psychischen Disposition: Viele sind heute – nicht zuletzt aufgrund der vielen Umweltreize – sehr empfindlich. „Einer amerikanischen Untersuchung zufolge ist beinahe jeder Fünfte, 19 Prozent der Bevölkerung, sogar hochsensibel“, sagt Haller, der das Krankenhaus Maria Ebene in Frastranz leitet. Oft genügt ein kleiner Anlassfall, um das „gegenseitige Aufrüsten“ mit Worten und sogar Taten in Gang zu setzen. Frühere Verletzungen können die Konflikte zusätzlich verstärken – wenn man etwa als Kind erlebt hat, dass andere einem alles „zu Fleiß“ tun. Das Gefühl der ohnmächtigen Wut wird konserviert und auf spätere Situationen übertragen: Wird in der Wohnung vis-á-vis gestemmt, reagiert man wutentbrannt. „Wir schrumpfen zu einem kleinen Kind“, erklärt Staudinger. Professionelle Hilfe, z. B. eine Supervision oder Psychotherapie, kann dann sinnvoll sein.

Stressquelle Lärm
Ob durch frühere Verletzungen belastet oder nicht: „Wenn die Urbedürfnisse des Menschen nach Ruhe, Sicherheit oder Licht irritiert werden, wird es schwierig“, betont Haller. Plötzlich ist die schöne Aussicht verbaut, eine Zufahrt verläuft  über den eigenen Grund. Besonders ärgerlich sei, wenn neu Hinzugezogene den Alteingesessenen bestimmte Rechte wegnehmen.
Wichtigster Stein des Anstoßes ist aber die Belästigung durch Lärm. Die Auswertung von Daten aus acht europäischen Großstädten zeigt, dass jeder Dritte sich von Nachbarschaftslärm gestört fühlt. Dabei geben Dezibel-Zahlen allein keine Auskunft über Belastung oder Gesundheitsgefahren. Lärm vermag nicht nur unser Gehör zu schädigen, er stellt darüber hinaus eine erhebliche Stressquelle dar: Der Schall dringt ungebeten in das eigene Territorium ein, greift quasi den Rückzugsort an. Das daraus resultierende Gefühl der Hilflosigkeit kann sogar in eine Depression münden.
Wer den Lärm verursacht, dürfte Einfluss auf die Intensität des Ärgers nehmen: Wenn die befreundete Familie einen Stock tiefer ausgelassen feiert, ist man eher nachsichtig, als wenn der Griesgram von nebenan Geige übt. Auch Neid auf die sozialen Kontakte der anderen scheint eine Rolle zu spielen. Zu diesem Schluss kam der Saarbrücker Psychologe Volker Linneweber. Menschen „leiden daran, dass die anderen ihren Spaß haben und sie selber nicht“, beobachtet er.

Von der Kleinigkeit zur Katastrophe
Der Leidensdruck wächst, wenn man sich der Situation vermeintlich nicht entziehen kann. „Wenn man in jungen Jahren in eine Wohnung zieht, hat das noch nicht diesen endgültigen Charakter wie später, wenn man ein Haus gebaut oder eine Wohnung gekauft hat“, erklärt Haller. Das ist einer der Gründe, weshalb die 45- bis 59-Jährigen zu den größten „Streithanseln“ (siehe „Stress mit Nachbarn“, unten) zählen. Ist die Situation nicht mehr zu ertragen, geht es soweit, dass Menschen ihr Zuhause verlassen, ihr Haus verkaufen oder ihre Eigentumswohnung aufgeben.
Oft beginnt der Konflikt mit einer Kleinigkeit, die eine Eigendynamik gewinnt und sich zu einer Katastrophe auswachsen kann, erklärt Haller. Aus Wut wird Hass und eine tiefe Feindschaft.
Wird nicht (mehr) miteinander geredet, verschärft dies den Konflikt. „Wenn man den anderen nicht wirklich kennt, bereitet man den Boden für negative Phantasien“, erklärt Haller. Dann unterstellt man dem Nachbarn böse Absichten – die Bedrohung wird zuweilen existenziell. „Manche haben den Eindruck, um Leib und Leben kämpfen zu müssen“, erklärt der Psychiater. Im schlimmsten Fall führt dies zu Gewalt, Mord und Totschlag – zuletzt etwa in Oberösterreich, als ein Familienvater nach jahrelangem Kleinkrieg ein benachbartes Ehepaar erschlug.
Zuweilen führt der Krach am Gartenzaun auch zu Konflikten innerhalb der Familie. Der Mann ärgert sich über die lärmenden Nachbarskinder und lässt dies an der Frau aus. Einige Konflikte werden gar über Generationen fortgeführt und quasi an Kinder und Enkelkinder „vererbt“.

Gestresst durch Dauerclinch
Werden die schwelenden Konflikte nicht aufgelöst, sind sie eine enorme Belastung für die Psyche. „Das Problem wird in mehr als der Hälfte der Fälle auch psychosomatisch verarbeitet“, schätzt Psychiater Haller. „Die Menschen können nicht mehr schlafen, bekommen Hautausschläge, Rückenweh, Herzklopfen und -rasen.“ Zuweilen sind auch depressive Anpassungsstörungen oder Panikstörungen die Folge. Die Lebensqualität sinkt drastisch. Der durch den Dauerclinch hervorgerufene chronische Stress kann „an die hundert Symptome verursachen – von Schwindel bis hin zu Tinnitus“, warnt Allgemeinmedizinerin Staudinger. Das Verdauungssystem reagiert besonders rasch und empfindlich: Ärger schlägt sich oft auf den Magen und kann zum Beispiel eine Gastritis hervorrufen.  

Schlecht für die Blutgefäße

Andauernde Belastungen können außerdem Entzündungen in den Blutgefäßen, den Arterien, auslösen. Mit einer Entzündung steigt die Wahrscheinlichkeit für Atherosklerose – und damit für Herzinfarkt und Schlaganfall. „Aus Studien weiß man außerdem, dass Dauerstress sehr schlecht ist für das Herz“, ergänzt Staudinger. Stresshormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, sodass Blutdruck und Puls steigen. Die Blutfett- und Blutdruckwerte verschlechtern sich, das Herzinfarktrisiko steigt.

Kontakt beugt Konflikten vor
Wie Ärgernissen und Stress vorbeugen? Zuerst sollte man sich bewusst machen: Die Nachbarn handeln meist nicht, um einem etwas „zu Fleiß“ zu tun – sie haben einfach andere Vorstellungen von Entspannung, Freizeit oder Lärm. Welche Vorstellungen das konkret sind, lässt sich oft schon beim ersten Kennenlernen herausfinden. Als neu Hinzugezogener könnte man nebenan anklopfen und sich kurz vorstellen. „Es braucht vor allem Respekt vor den jeweils unterschiedlichen Bedürfnissen“, betont Staudinger.
Ein respekt- und rücksichtsvoller Umgang   (z. B. das Einhalten der Hausordnung oder Ruhezeiten) und der regelmäßige Austausch sind grundlegend für ein gelungenes Miteinander. Wenn man ein Fest plant oder Baulärm zu erwarten ist, sollte man die Nachbarn darüber informieren und um Verständnis ersuchen. „Dann fühlen die Menschen sich wertgeschätzt und ernstgenommen“, sagt Haller.

Störendes zur Sprache bringen

Auch im Konfliktfall ist Kommunikation das „Um und Auf“, betont Staudinger. „Ein Problem sollte man so früh wie möglich ansprechen und nicht zuwarten, bis die Lage eskaliert.“ Wer nach dem Motto „Dem werde ich es zeigen!“ an die Türe nebenan poltert oder gleich die Polizei ruft, heizt den Konflikt umso mehr an. Bevor man aktiv wird, könnte man überlegen: Ist mir die Sache die Aufregung wert? Was will bzw. kann ich klären?
Idealerweise bittet man in Ruhe um ein Gespräch, bleibt sachlich, verwendet Ich-Botschaften und sucht gemeinsam nach Lösungen. Hilft alles Reden nichts, geht der Ball an die Hausverwaltung oder man vereinbart eine Mediation: Hier versuchen die Konfliktparteien unter Anleitung eines Profis eine faire Lösung auszuhandeln.

Gute Kontakte sind Medizin
So viel steht fest: Mit guten Beziehungen zur Nachbarschaft tut man sich selbst den größten Gefallen. Einer Untersuchung an der University of Michigan zufolge, sinkt dadurch etwa das Risiko für einen Herzinfarkt. Vier Jahre lang verfolgten die Forscher die gesundheitliche Entwicklung von knapp 5300 durchschnittlich 70-jährigen Menschen. Diese stuften zu Beginn der Studie ihre Zufriedenheit mit den Nachbarn auf einer Skala ein. Im Verlauf des Untersuchungszeitraums erlitten insgesamt 148 Studienteilnehmer einen Herzinfarkt. Die Auswertung zeigte: Das Herzinfarktrisiko war umso geringer, je zufriedener man mit der Nachbarschaft war.
In Zeiten, in denen (rein) virtuelle Kontakte überhandnehmen, wächst zudem das Bedürfnis nach „echten“ Kontakten. Schon bei einem freundlichen Wortwechsel im Stiegenhaus, einem netten Plausch am Gartenzaun wird das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet, das glücklich macht. „Könnten Wohnbau-Genossenschaften das Versprechen einer guten Nachbarschaft geben, würde dies den Quadratmeterpreis weiter in die Höhe treiben“, ist Psychiater Haller überzeugt.

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Stress mit Nachbarn:
Streithanseln der Nation

In Österreich sind Konflikte mit den Nachbarn weit verbreitet. Eine IMAS-Umfrage im Jahr 2014 ergab, dass durchschnittlich jeder Vierte Probleme mit der Nachbarschaft kennt. Während am Land jeder Fünfte davon betroffen ist, ist es in der Stadt jeder Dritte. Im Bundesländer-Vergleich sind die Kärntner und Steirer besonders streitlustig: Hier hat jeder Dritte Stress mit den Nachbarn. Die wichtigsten Streitthemen sind mangelnde Höflichkeit, Lärm und die Behinderung durch im Weg stehende Fahrzeuge. Auch über unerledigte Gemeinschaftsaufgaben (z. B. Stiegenputzen) und Geruchsbelästigung (z. B. durch Rauchen, Grillen) geraten viele in Rage. Die größten Streithanseln sind zwischen 45 und 59 Jahre alt, Männer und Frauen liegen fast gleichauf.

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Mittel zum Stressabbau:
Der Ärger beginnt im Kopf

Das Gehirn reagiert nicht nur auf Stresssituationen, denen man unmittelbar ausgesetzt ist. „Es genügt schon, dass man an eine belastende Situation denkt“, sagt die Psychotherapeutin Dr. Birgit Staudinger. Doch nicht nur Stress, auch Entspannung beginnt im Kopf. Entspannungstechniken wie autogenes Training sind probate Anti-Stressmaßnahmen. Dasselbe gilt für Bewegung und Sport. „In dem man sich bewegt, sinkt der Pegel an Stresshormonen“, erklärt die Medizinerin. Auch kann sich, wer Rad fährt oder boxt, nicht gleichzeitig intensiv über die Schlagzeug spielende Nachbarstochter ärgern.

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Schlichtung vorgeschrieben:
Gericht als letztes Mittel

Händeschütteln am Gartenzaun: Damit die Streithähne eine Einigung erzielen, ist der Weg vors Gericht das letzte Mittel der Wahl. Das ist sogar gesetzlich vorgeschrieben: Nach dem Nachbarrechts-Änderungsgesetz von 2004 muss zuerst ein außergerichtlicher Schlichtungsversuch (z. B. durch Schlichtungsstellen, siehe Webtipps)  unternommen werden, ehe der Fall vor Gericht kommen kann.

Webtipps:

Info zu Schlichtungsstellen der Österreichischen Rechtsanwaltskammern:
www.rechtsanwaelte.at

Österreichischer Bundesverband für Mediation:
www.oebm.at

Stand 07-08/2016

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