Mitten in der Midlife-Crisis?

März 2019 | Psyche & Beziehung

Was die Krise in der Lebensmitte verursacht, wie sie sich bemerkbar macht und welche Chancen sie in sich birgt.
 
– Von Mag. Sabine Stehrer

Porsche und junge Freundin bei ihm, ein Facelift und neues Hobby bei ihr: Das sind die gängigen Vorstellungen von Anzeichen der Midlife-Crisis bei Männern und bei Frauen. Sie boomt derzeit, die Krise in der Lebensmitte – weil mit den Babyboomern, den Angehörigen der geburtenstarken Jahrgänge, gerade besonders viele Menschen gleichzeitig ihre mittleren Jahre erleben. Das ist wohl auch der Grund dafür, warum sich derzeit Experten verschiedener Fachgebiete intensiv damit beschäftigen. Zu ihnen zählen der Leiter des Instituts für Alternsforschung an der Fakultät für Psychotherapiewissenschaft der Sigmund Freud Privatuniversität Wien Univ. Doz. Dr. Gerald Gatterer und die Wiener Lebens- und Sozialberaterin sowie Gründerin und Leiterin des Zentrums für Frauen in der Lebensmitte „Soul Sisters“ Mag. Irene Fellner MBA. Bei der Frage, was denn nun abseits von klischeehaften Vorstellungen à la Facelift oder Porsche tatsächlich ein Anzeichen für die Midlife-Crisis ist, brauchen die beiden nicht lang zu überlegen. „Das ist das Erkennen, mehr als die Hälfte des Lebens hinter sich zu haben“, sagen sie, „gepaart mit dem Auftauchen einer Unzufriedenheit, charakterisiert durch die Fragen ,war es das?’, ,soll das jetzt schon alles gewesen sein?’ und ,wird das nun so weiter gehen?’“.


Sexuelle Unzufriedenheit, Hadern mit Abhängigkeiten

Hinsichtlich der Unzufriedenheiten zeigen sich gewisse geschlechtsspezifische Unterschiede: Männer sind laut Gatterer eher unzufrieden mit ihrem Beruf oder ihrem sozialen Status sowie mit der Partnerschaft beziehungsweise dem Sex in der Partnerschaft. Frauen hingegen hadern laut Fellner eher damit, aufgrund der Dreifachbelastung durch Job, Haushalt und Familie zu wenig Zeit für sich selbst gehabt zu haben und von ihrem Partner abhängig zu sein. Oft spielt die Furcht vor altersbedingtem Attraktivitätsverlust eine Rolle.
Was die Geschlechter eint, ist die Frustration über verschiedene Entwicklungen, die im Alter ab etwa 45 Jahren bei jedem und jeder eintreten, und das noch dazu oft geballt. So verändert sich bei ihr wie bei ihm das Aussehen: Zu den Fältchen gesellen sich Falten und graue Haare, Kahlstellen am Kopf machen sich breit, oft auch Speckrollen um Bauch und Hüften. Vielfach wird der Körper schlapper, beim Sport oft die Anstrengung größer. Wehwehchen kommen auf, wie das Zwicken im Rücken oder das Stechen in den Knien. Außerdem sinkt der Spiegel der Sexualhormone, Testosteron und Östrogene, wodurch Männer häufig das Nachlassen der Potenz festzustellen haben, Frauen oft an Wechseljahresbeschwerden leiden und akzeptieren müssen, auf natürlichem Weg keine Kinder mehr bekommen zu können.

 

Kinder ziehen aus, Eltern werden pflegebedürftig

Kinder, die erwachsen geworden sind, ziehen aus dem elterlichen Haushalt aus, wodurch mitunter Väter zu ihrem Leidwesen entdecken, zu wenig Zeit mit ihnen verbracht zu haben und Mütter das Empty-Nest-Syndrom quält, ein neues Gefühl der Einsamkeit. Beruflich stehen nicht mehr viele Möglichkeiten offen, und auf eine Kündigung folgt nun auch schon einmal eine längere Arbeitssuche. Überdies machen sich unter den Altersgenossen Krankheiten breit, manchmal werden die eigenen Eltern pflegebedürftig – oder sie sterben, was mitten in der Midlife-Crisis die eigene Endlichkeit noch einmal stärker vor Augen führt.

 

Risiko für Kurzschlussreaktionen und Krankheiten

„Die Frustrationen über die verschiedenen Erkenntnisse und Erfahrungen in der Lebensmitte können durchaus belastend sein“, weiß Gatterer. Sie ziehen oft Selbstzweifel und Unsicherheitsgefühle nach sich, was ein erhöhtes Risiko für unüberlegte Entscheidungen und Handlungen mit sich bringt – für Kurzschlussreaktionen, die das Leben mitunter komplett auf den Kopf stellen. Fremdgehen, den Job hinschmeißen, Dinge kaufen, die man sich eigentlich nicht leisten kann: Alles das zählt beispielsweise dazu. Und alles das kennt Fellner aus ihrer tagtäglichen Arbeit nur zu gut. Sie weiß, dass derlei Aktivitäten schon die eine oder andere Existenz gefährdeten – sogar ruinierten. Wie andere psychische Belastungen auch, kann die Midlife-Crisis obendrein Angststörungen und Depressionen auslösen sowie psychosomatisch bedingte körperliche Krankheiten verschiedenster Art.

 

Chance, Weichen für schönes Altern zu stellen

Auch wenn die Midlife-Crisis selbst nicht als Krankheit gewertet wird, sondern als „Zustand“, sollte man sie also nicht auf die leichte Schulter nehmen, sondern etwas dagegen unternehmen. Nach Hilfe bei der Krise in der Lebensmitte gefragt, haben Fellner und Gatterer denselben Rat parat. „Die Krise als etwas Positives sehen“, sollte die Maxime lauten. „Als etwas, das auch Chancen bietet. Allen voran jene, die Weichen in Richtung eines Altern bei körperlichem, geistigem und sozialem Wohlbefinden zu stellen und schöne, späte Jahre zu erleben.“ Nach den Erfahrungen des Alternsforschers und der Lebens- und Sozialberaterin kann dies durch eine Zeit der Konzentration auf sich selbst und der ausführlichen Selbstreflexion gelingen, bei der eventuell ein professioneller Berater zur Seite steht. Tauchen Fragen wie „War es das jetzt?“ auf, heißt es, zunächst einmal „Stopp“ zu den negativen Gedanken zu sagen und sich klarzumachen, dass Unabänderliches, wie die Pflegebedürftigkeit der Eltern, das Ende der Fruchtbarkeit oder die äußeren Anzeichen des Alterungsprozesses nun einmal nicht aufzuhalten sind.
Als nächstes gilt es, nach vorn zu schauen, und sich zu fragen, was man sich für die zweite Lebenshälfte wünscht: welche Anliegen man hat, welche Ziele man noch erreichen will, auch, welche Aufgaben man noch erledigen möchte. Sind die Antworten gefunden, gilt es, Möglichkeiten der Umsetzung auszuloten, die Realisierung konkret zu planen und anzugehen. Laut Fellner und Gatterer finden Angehörige der Generation der Babyboomer, die bis zur Lebensmitte vielfach fast nur für den Beruf gelebt haben, im Übrigen häufig zu bleibender Zufriedenheit zurück, indem sie ehrenamtlich sozial tätig werden oder etwas für die Umwelt tun.

Midlife-Crisis:
Wie verbreitet ist sie?

Daten über die Verbreitung der Midlife-Crisis gibt es nicht. Doch nach der wahrscheinlich umfassendsten Studie zu diesem Thema könnte ausnahmslos jeder und jede, ob reich oder arm, alleinstehend oder verheiratet, mehr oder weniger stark von der Krise betroffen sein: Das ergab zumindest die Auswertung von Umfragen unter mehr als 500.000 Menschen aus 72 Ländern in den USA und Europa.

Midlife-Crisis:
So beuge ich vor


Wer im Lauf des Lebens, eventuell zu bestimmten Zeitpunkten wie rund um den Jahreswechsel oder den Geburtstag immer wieder Bilanz zieht und sich selbst die Frage stellt, was er noch erreichen möchte, auch, wie das Erreichen der Ziele funktionieren könnte, kann mithilfe dieser Zwischenbilanzen einer Midlife-Crisis vorbeugen.
Und noch ein Tipp: Wer sich in der Midlife-Crisis befindet und nicht mehr weiter weiß, sollte vermeiden, Verwandte, Freunde oder Bekannte um Rat zu fragen, da deren Ratschläge meist den eigenen Bedürfnissen folgen. Besser ist, sich etwa von einem Lebens- und Sozialberater, einem Psychotherapeuten oder Psychiater helfen zu lassen.

Midlife-Crisis:
Wer hat sie entdeckt?

  • Die „Midlife-Crisis“ als Begriff wurde im Jahr 1957 von dem kanadischen Psychoanalytiker Elliott Jaques geprägt: Als Auslöser für die Krise in der Lebensmitte nannte er die Erkenntnis, dass das Leben endlich ist. Als Anzeichen führte er neben der plötzlich auftretenden Unfähigkeit, das Leben zu genießen, noch Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Sexualpartnern, zwanghafte Versuche, jung zu wirken und zu bleiben sowie eine große Sorge um die Gesundheit an. Als Beispiel für Betroffene nannte er Künstler, deren Verhaltensweisen er aus Biografien kannte, und sich selbst.
  • International bekannt wurde der Begriff „Midlife-Crisis“ durch die US-amerikanische Autorin Gail Sheehy beziehungsweise ihr 1974 veröffentlichtes Buch „In der Mitte des Lebens“, das zum Bestseller wurde.
  • 1993 sorgte hierzulande wie im gesamten deutschsprachigen Raum Reinhard Fendrich mit seinem Song über die Midlife-Crisis für Furore. Der Text zeigt: Damals und teils bis heute wird die Krise in der Lebensmitte gemeinhin eher Männern zugeschrieben, Frauen waren und sind analog „im Wechsel“. Umgekehrt wird die Midlife-Crisis des Mannes oft auch als „Wechseljahre des Mannes“ bezeichnet.   

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„Sie bilanzieren und wissen nicht mehr weiter“

Dr. Dietmar Zick, Psychiater und Psychotherapeut in Linz und Traun über Menschen in der Midlife-Crisis.

MEDIZIN populär
Herr Dr. Zick, worunter leiden Ihre Midlife-Crisis-Patienten?

Dr. Dietmar Zick
Menschen in der Midlife-Crisis haben aufgrund verschiedener Ereignisse oder diverser psychischer und physischer Selbstwahrnehmungen angefangen, zu bilanzieren. Sie stellen dabei fest, mit ihrem bisherigen Leben unzufrieden zu sein. In der Folge treten oft Freudlosigkeit, Interesselosigkeit und Lustlosigkeit auf, häufig auch eine Perspektivenlosigkeit, die zu einem quälenden Kreisen der Gedanken und einer Verschlechterung des Vitalitätsgefühls führt. Dann stehen sie da, wissen nicht mehr weiter und haben meist auch schon Symptome von psychischen oder körperlichen Krankheiten entwickelt, die ihnen das Arbeiten schwer oder unmöglich machen und Auswirkungen auf ihr Sozial- und Privatleben haben. Mit dem Verdacht auf Burnout werden sie letztlich oft von anderen Ärzten zu mir überwiesen.

Können Sie Beispiele nennen?
Zum Beispiel eine erfolgreiche Juristin, die in ihrer Lebensmitte eine neue berufliche Aufgabe bekam und lang nicht wahrhaben wollte, damit überfordert zu sein. Ihre Leistungsansprüche an sich selbst waren schlichtweg zu hoch. Das hat einen Schneeballeffekt in Gang gesetzt. Über kurz oder lang hatte sie auch Probleme mit ihrem Mann, schließlich mit ihrer Gesundheit. Immer öfter hatte sie Kopfschmerzen und Durchfall, wofür sich keine allgemeinmedizinische Erklärung gefunden hat. Oder eine Lehrerin, die nach mehreren gescheiterten Versuchen der künstlichen Befruchtung erkannte, dass sie eigentlich gar kein Familienmensch ist, das Konzept ,Mann, Haus, Kinder’ gar nicht ihres ist. Sie stand gedanklich also vor den Scherben ihres Lebens, und entwickelte deswegen Angststörungen.
Auch den IT-Techniker, der aufgrund von Misserfolgen im Job seiner Frau aggressiv gegenübertrat und auf einmal vor dem Aus im Beruf und zeitgleich vor der Scheidung gestanden ist. Das hat bei ihm zu Depressionen mit Suizidgedanken geführt.

Wie helfen Sie?
Die Palette der Möglichkeiten ist breit und richtet sich nach den individuellen Problemlagen. Vielen hilft eine Gesprächstherapie, eventuell kombiniert mit einer medikamentösen Behandlung, die ihnen ermöglicht, erst einmal zur Ruhe zu kommen, sich wieder zu stabilisieren und gegebenenfalls Symptome von Angststörungen und Depressionen loszuwerden. Danach steht die Konzentration auf positive Ressourcen und auf die Stärkung dieser Ressourcen im Mittelpunkt der Therapie, die manchmal besser stationär erfolgt, eventuell während eines Reha-Aufenthalts.
Parallel geht es darum, zu erkennen, was nicht mehr gebraucht wird, weil es eine selbstschädigende Wirkung hat und was noch gebraucht wird. Wichtig ist es, Mut zu einer Veränderung zu fassen, die dazu dient, zufrieden und gesund weiter leben zu können.

Gibt es Gemeinsamkeiten, was nötige Veränderungen betrifft?

Sehr viele, die jetzt in der Lebensmitte sind, wurden in ihren jungen Jahren in ein Leben nach bestimmten Lebensentwürfen hineingedrängt, das zunehmend nicht mehr zu ihren persönlichen Glaubenssätzen passte. Viele haben viel zu leistungsbezogen und überwiegend im Außen gelebt. Sie haben sich zu wenig um sich selbst gekümmert, zu wenig eigene Grenzen beachtet und zu wenig darauf geachtet, was ihnen Freude bereitet. Das Erlernen der Selbstfürsorge und inneren Achtsamkeit, begleitet von Veränderungen im psychosozialen Bereich, also im Beruf und/ oder in der privaten Beziehungs- und Lebensgestaltung, haben viele Betroffene vor sich.

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Stand 03/2019

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